Havelberg l Gesang ist ihre Leidenschaft. Von Kindheit an. Julia Peter, geborene Buchholz, verließ dafür sogar schon als Kind ihr Elternhaus. Denn in Wernigerode gab und gibt es noch heute das Landesgymnasium für Musik. An diesem wollte sie unbedingt lernen. „Mein Interesse für Musik und Chorgesang hat sich bereits in der Grundschule entwickelt. Den Musikunterricht mit Frau Timme habe ich mit Begeisterung besucht“, erzählt die 28-Jährige. „Anfang der 4. Klasse verteilte Herr Riemann Angebotszettel von Spezialschulen etwa für Sport, Mathematik und Musik. Ich wollte unbedingt an das Landesgymnasium Wernigerode, aber meine Eltern waren davon erstmal gar nicht begeistert. An das Gespräch mit Herrn Riemann kann ich mich noch genau erinnern. Er riet uns, doch einfach erstmal zur Aufnahmeprüfung zu fahren und dann zu schauen“, denkt Julia Peter zurück.

Mit Platz 9 ans Gymnasium

Von 120 Vorsängern hatten nur 24 die Chance, einen der begehrten Schulplätze zu erhalten. Jeder musste zwei Volkslieder vorbereiten und ein Stück auf einem Instrument. Julia hatte Blockflöte gelernt und gerade mit dem Gitarrenunterricht begonnen. Mit „Drunten in der grünen Au steht ein Birnbaum“ überzeugte sie die Jury. Sie kam auf Platz 9. „Dann müssen wir dich wohl doch auf die Schule schicken“, sagten ihre Eltern damals.

„Schweren Herzens haben sie mich im Internat angemeldet und mich fortan, als ich noch jünger war, fast jedes Wochenende freitags aus Wernigerode abgeholt und sonntags wieder hingebracht. Das war natürlich sehr aufwendig für sie und ich bin ihnen noch heute sehr dankbar, dass sie das auf sich genommen haben.“

Das Musikgymnasium hat vier Chöre: zwei Kinderchöre für die Klassen 5 und 6 sowie 7 und 8, und zwei Jugendchöre – den Mädchenchor und den Rundfunk-Jugendchor als gemischten Chor. Julia hat in allen vier Chören gesungen. Drei Jahre gehörte sie dem Rundfunk-Jugendchor an. „Mit den Chören waren wir in ganz Deutschland und auch international unterwegs. Mit dem Mädchenchor war ich zum Beispiel in Basel, mit dem Rundfunk-Jugendchor in Italien und, einer der Höhepunkte, in Japan. Spannend war auch der Landes-Chorwettbewerb 2006 in Kiel“, erzählt sie. Zwei Drittel der Wochenenden ging es auf Konzertreisen und in den Sommerferien wurde eine Woche genutzt, das Repertoire auszuweiten.

„Das waren immer tolle Erlebnisse und wir waren eine wunderbare Gemeinschaft. Wir haben im Internat zusammengelebt und auf den Touren stundenlang im Bus zusammengesessen, das schweißt zusammen.“ Der Unterricht wurde natürlich von Musik dominiert. Gehörbildung, Musiktheorie, Tonsatz, Stimmbildung, Klavierunterricht und Musikgeschichte waren einzelne Unterrichtsfächer. Hinzu kamen drei- bis viermal pro Woche zwei Stunden Chorprobe. Ihr Abi hat Julia selbstverständlich auch in Musik geschrieben.

Studium in Kiel

Doch dann trat die Musik etwas in den Hintergrund. „Ich habe lange überlegt, ob ich dabei bleiben will, aber ich habe mich anders entschieden. Ich bin erstmal für ein Jahr Work & Travel nach Australien gegangen und habe dann in Kiel zwei Semester Agrarwissenschaften studiert. Wenn mich heute jemand fragt, warum ich gerade das gewählt hatte, kann ich das gar nicht beantworten. Ich habe mich dann für ein duales BWL-Studium mit den Schwerpunkten Hotel- und Tourismusmanagement in Hamburg und Kiel entschieden.“

Sie hätte sich vorstellen können, in Norddeutschland zu bleiben. Doch ging ihr damaliger Freund und heutiger Ehemann Jean-Pierre nach Berlin zur Polizeiausbildung. Julia folgte ihm und betreute und beriet für ein Softwareunternehmen Hotels. 2014 heirateten die beiden Havelberger. Mit Blick auf die Geburt ihres Sohnes Leo im Oktober kamen sie im Sommer 2015 zurück in ihre Heimatstadt. „Wir wollten gern, dass unser Kind dort aufwächst, wo wir auch aufgewachsen sind.“ Ihre Eltern zogen in die Wohnung über dem eigenen Blumengeschäft und das junge Paar kaufte das Elternhaus, wo es sich seitdem wohl fühlt.

Die Musik war einige Zeit ins Hintertreffen geraten. Einerseits, weil Chorproben nicht mit den Arbeitszeiten vereinbar waren. Andererseits, weil es nicht leicht ist, wenn man eine professionelle Arbeitsweise gewöhnt ist, ein ähnliches Niveau zu finden, sagt Julia Peter. Als 2014 das erste Klassentreffen der Wernigeröder Absolventen stattfand, war das für sie wie eine Reise in die Vergangenheit und zugleich ein Neubeginn in Sachen Musik. „Eine Klassenkameradin erzählte mir von Phonova. Ich hatte zwar schon davon gehört, dass es diesen Chor mit ehemaligen Schülerinnen des Musikgymnasiums gibt, mich aber noch nicht näher damit beschäftigt. Nach dem Klassentreffen meldete ich mich zu einem Probentag an und der hat mir sehr gut gefallen. Zumal ich den Leiter des Chores Bertram Zwerschke, der ihn 2009 als Ehemaligenchor gegründet hat, aus meiner Zeit im Mädchenchor kenne. Ich habe mich gleich wohl gefühlt in der Gruppe. Einige kannte ich, andere nicht.“

Proben an Wochenenden

Die rund 16 Frauen im Alter von 18 Jahren bis Mitte 50 wohnen weit verstreut in Deutschland, wohnen etwa in Baden Württemberg, Köln, Berlin und im Land Brandenburg. Inzwischen gehören auch andere begabte Chorsängerinnen dazu, die ihre Wurzeln nicht im Landes-Musikgymnasium haben. Zirka alle sechs Wochen ist Probenwochenende in Wernigerode. Das kann Julia Peter gut mit Familie und Beruf vereinbaren, zumal Männer und Kinder oftmals mit zu den Probenwochenenden fahren.

Seit zwei Jahren gibt es im Sommer ein verlängertes Wochenende mit den Familien. Das ist auch der Grund dafür, dass das Vokalansemble Phonova Wernigerode nun auch in Havelberg zu erleben ist. Nach Osterwieck und Eisfeld ist die Hansestadt Ziel der Sängerinnen und ihrer Familien. Julia Peter ist in diesem Jahr die Organisatorin des Treffens. Nächsten Donnerstag reisen alle an. In der Domherrnstraße 7 wohnen und proben sie. „Das schöne ist, dass wir nicht nur proben, sondern auch viel Zeit miteinander verbringen können. Meine Mama wird uns unterstützen und sich mit um die Kinder kümmern. Wir freuen uns schon sehr darauf“, sagt Julia Peter.

Konzert im Dom

Gespannt ist sie natürlich auch auf das Konzert am Sonnabend, 22. Juli, ab 17 Uhr im Dom. Wenn sie auch schon an vielen Orten Deutschlands und weltweit mit einem Wernigeröder Chor aufgetreten ist – im Dom war es ihr noch nicht vergönnt. Bei der „Reise durch die Chormusik“ dürfen sich die Zuhörer auf Volkslieder, kirchliche Lieder und moderne Musik freuen. Zum Repertoire des A-Cappella-Chores gehören zum Beispiel Lieder wie „Heute wollen wir das Ränzlein schnüren“, „Kein schöner Land“, „Hallelujah“ von Leonard Cohen und „Träum vom Meer“ von Daniel Dickopf, das die Vokal-Pop-Band Wise Guys interpretiert hat. Neben Liedern aus dem Repertoire erklingen in dem Konzert auch neu einstudierte Stücke. Was genau gesungen wird, wird beim Probentreff festgelegt.

Gern würde Julia Peter auch im Havelberger Chor mitsingen. Letztes Jahr zu Weihnachten war sie schon mit dabei. Doch mit kleinem Kind, Arbeit – im August beginnt sie bei einem Softwareunternehmen in Stendal – und dem Schichtdienst ihres Mannes ist es nicht möglich, regelmäßig an den Proben teilzunehmen. „Wenn ich was mache, will ich es auch richtig machen. Ich hätte das Gefühl, es wäre nur eine halbe Sache, wenn ich nicht jede Probe mitmachen kann“, erklärt sie.

Auf die Frage, ob sie denn auch noch ein Instrument spielt, antwortet sie lachend: „Ich habe mein Klavier noch.“ Und weiter: „Ich sitze auch öfter mal dran. Dabei begleite ich mich aber mehr mit Akkorden als dass ich ein ganzes Klavierkonzert spiele. Mein Steckenpferd war schon immer der Gesang.“

Wenn sie nicht im Chor singt, singt sie übrigens am liebsten im Auto. „Und mit Leo, wenn wir mal einen ruhigen Moment haben.“