Kamern l „Taxonomisch-ökologische Übungen“ sind die Exkursionen betitelt, zu denen Studenten der Berliner Humboldt-Uni  ins Grüne Haus nach Kamern gekommen waren. Taxonomie bedeutet, dass die vorgefundenen Tiere und Pflanzen bestimmt werden. Das geschah auch mit Hilfe von Mikroskopen, welche in der Umweltbildungsstätte zur Verfügung stehen – mit dem Smartphone konnte man dabei auch gleich Fotos für die Präsentation anfertigen. Denn am Ende jeder Woche in Kamern – je 18 Studenten waren hier in zwei Durchgängen zu Gast – mussten die Exkursionen natürlich ausgewertet werden.

Die Studenten am Institut für Biologie der Lebenwissenschaftlichen Fakultät – Professorin Liliana Rueß war ebenfalls mit in Kamern – wurden jeweils in vier Gruppen aufgeteilt, welche an vier Standorten Untersuchungen vornahmen.

Methode wird noch immer angewandt

Im Kamernschen See fanden biologisch-ökologische Gewässeruntersuchungen statt, welche von Dr. Lothar Täuscher aus Kamern geleitet wurden. Der Algen-Experte wies die Studenten vorab in den Gebrauch der Gerätschaften ein. Wie der schwarz-weiß geviertelten Secchi-Scheibe zur Bestimmung der Sichttiefe. Die Methode wurde 1865 vom Italiener Angelo Secchi erfunden und wird immer noch angewandt. Mit der Sichttiefe bestimmt man die euphotische Zone– in ihr findet Photosynthese statt. Generell gilt: Je höher die Sichttiefe, um so nährstoffärmer ist das Wasser. Im Kamernschen-Schönfelder See herrschen sehr gute Sichttiefen von ein bis zwei Metern, er ist ein Klarwassersee. Und ein alter Elblauf – was man im Juni 2013 nach dem Fischbecker Deichbruch erleben konnte.

Neben der Sichttiefe wurden auch die Leitfähigkeit, der pH-Wert, der Sauerstoffgehalt, das Phyto- und Zooplankton (also die Schwebstoffe, wobei zu letzteren unter anderem Rädertierchen und Muschellarven gehören), die Wasser- und Sumpfpflanzen sowie die im Wasser lebenden Bodentiere dentiere untersucht.

Großes Nixkraut entdeckt

Besonders stolz war Lothar Täuscher, dass bei den Expeditionen eine neue Wasserpflanzenart im See entdeckt wurde: Das auf der Roten Liste des Landes Sachsen-Anhalt stehende Große Nixkraut. Es ist eine sehr seltene wärmeliebende Pflanze, deren Samen über Jahre im Gewässerboden überleben.

Ein weiteres Expeditionsziel der Studenten waren die Elbe mit ihren Schlammfluren sowie die angrenzenden Weich- und Hartholzauen – hier das so genannte Freie Holz – bei Wulkau. Mit dem Rüdow wurde hier auch gleich noch ein Qualmgewässer untersucht. Dort entdeckten die Studenten ebenfalls eine seltene und auf der Roten Liste stehende Pflanze: Die Stachelspitzige Glanzleuchteralge.

Die terrestrischen – also erdgebundenen – Untersuchungen leitete Dr. Gregor Kalinkat, Ziele waren hierbei ein Laubwald mit Sukzessionsflächen (also Aufforstungen) sowie ein Kiefernforst in den Kamernschen Bergen. Mit Boden- und Gelbfallen wurden Insekten gesammelt und bestimmt, untersucht wurden ferner das Laub-streu sowie die Bodenprofile.

Jede Gruppe für einen Ort zuständig

Jede Gruppe war für einen Standort zuständig, die anderen arbeiteten ihr zu. Dabei mussten Daten aufgenommen und Statistiken aufbereitet werden – so lernt man gleich, wie ökologische Forschungen betrieben werden. „Trotz der Kürze der Zeit wurden von den Studierenden beeindruckende Ergebnisse erzielt,“ resümierte Lothar Täuscher nach dem ersten Durchgang mit Verweis auf die beiden neu entdeckten seltenen Pflanzenarten.

Mit im Grünen Haus dabei war auch der Havelberger Entomologe (Insektenkundler) Bernd Heinze. Er informierte über die in der Elbe-Havel-Region vorkommenden Falterarten und zeigte verschiedene von ihm gedrehte Filme, unter anderem auch über Fledermäuse.

Traditionell reisen die Studenten ganz umweltfreundlich mit der Bahn an. In Glöwen schwingen sie sich auf ihre Fahrräder, hier holt sie Lothar Täuscher ab und radelt mit ihnen zuerst einmal zum Dom nach Havelberg, wo sie Informationen zur Stadt bekommen. Seit einigen Jahren erfolgt ein weiterer Stopp am Haus der Flüsse, wo es weitere Informationen gibt. Natürlich wird auch stets zu den Untersuchungspunkten geradelt.

Die Woche in Kamern endet traditionell mit einem Ausflug nach Garz ans eindrucksvolle Nadelwehr, anschließend wird dann noch der Garzer Fischermeister aufgesucht.

Dank der Untersuchungen konnte vor zwei Jahren nachgewiesen werden, dass sich der See rascher als gedacht von den Folgen der Überschwemmung erholt hatte. Im Juni 2013 ähnelte der Kamernsche See dem chinesischen Jangtse-Fluss, in der trüben Brühe konnte fast nichts mehr gedeihen. Die Samen der Pflanzen konnten jedoch im Gewässerboden überleben.