Kamern l Tarek hat sich schon riesig darauf gefreut, in die neue Schule in Kamern zu gehen. Am nächsten Sonnabend wollte er mit weiteren Kindern, den Eltern und dem Trägerverein der „Freien Schule Elbe-Havel-Land“ Einschulung feiern. Eingeschult wird er auch. Nur nicht in Kamern. „Für ihn ist eine Welt zusammengebrochen“, berichtet seine Mutti Jördis Wellmann. Die Klietzerin ist Vorsitzende des Vereins „neugierig“, der die Freie Schule in Kamern bereits zum Schuljahr 2016/17 eröffnen wollte.

Schon damals hatte das Landesschulamt den Antrag abgelehnt. Verein, Eltern und Kinder hofften darauf, dass die Grundschule nun zum Schuljahr 2017/18 genehmigt wird. Doch kurz vor Ende des letzten Schuljahres wurde der Antrag erneut abgelehnt. Das Landesschulamt begründete dies mit dem fehlenden besonderen pädagogischen Interesse. Vergangene Woche hatte das Verwaltungsgericht das Eilverfahren abgelehnt. Somit ist die Eröffnung der Schule zum neuen Schuljahr wieder nicht möglich.

Tarek hätte schon im vergangenen Schuljahr eingeschult werden können. In der Hoffnung, ab diesem Schuljahr die neue freie Grundschule in Kamern besuchen zu dürfen, wartete er ein Jahr.

Jedes Kind hat eigenes Lerntempo

„Tarek ist ein Kind, das in keine Schublade passt. Für ihn wären die Bedingungen hier optimal“, schätzt seine Mutti ein. Um ihm eine ähnliche Schule wie die in Kamern geplante zu bieten, wird der Junge in Bindfelde eingeschult. Seine Eltern fahren ihn dann täglich von Klietz aus dorthin.

Die Enttäuschung ob der Entscheidung des Landesschulamtes und des Verwaltungsgerichtes in Magdeburg ist groß. Doch unterkriegen lassen wollen sich die Eltern und Vereinsmitglieder nicht. Beim Arbeitseinsatz am Sonnabend, bei dem die Schulräume und das Gelände gesäubert wurden, gab es ausreichend Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich auch Mut zuzusprechen. Aufgeben ist keine Option.

Von 17 ist die Zahl der angemeldeten Kinder in Kamern inzwischen auf 19 gestiegen, berichtet Vorstandsmitglied Stefanie Wischer am Sonnabend den Eltern. Weitere Anfragen gibt es. Die Familien überlegen, in die Region zu ziehen, wollen hier Häuser bauen, kaufen oder sanieren. Das wäre ein Schub für die Region. Über die Hälfte der angemeldeten Kinder wohnen derzeit im Bereich Berlin/Brandenburg. Lediglich acht Kinder gehen in Klietz, Sandau und Havelberg zur Schule oder werden dort eingeschult.

Kontakt steht im Vordergrund

Mit dem Ziel, ihre Kinder in Kamern einschulen zu können, ist Nancy Jagott vor anderthalb Jahren in die Seegemeinde gezogen. Mit ihrem Mann bewirtschaftet sie den Garten und den tierpädagogischen Bereich der geplanten Schule. Sohn Jacob müsste eigentlich eine Schule für lernbehinderte Kinder besuchen. Von der Freien Grundschule versprechen sich die Eltern eine gute Förderung für ihn. „Die Herangehensweise ans Lernen ist hier eine ganz andere und der soziale Kontakt der Kinder untereinander und der Lehrer und Kinder steht im Vordergrund.“

Für ihre beiden jüngsten Kinder, Martha (4) und Mathies (anderthalb) wünscht sich auch Kathrin Gierke, dass sie die Grundschule in Kamern besuchen dürfen. Die drei großen besuchen staatliche Schulen, Jonathan hat gerade sein Abitur gemacht. „Die Wertschätzung der Kinder steht an freien Schulen im Vordergrund. Lehrer und Schüler bilden ein Team. Das ist an anderen Schulen so nicht möglich, weil das System es gar nicht vorsieht. Wir haben erlebt wie es ist, wenn die Förderschule in Klietz geschlossen wird, die Kinder in die Sekundarschule in Havelberg gehen, aber nicht genug Lehrer und Sozialpädagogen mit an die Schule kommen. Man hat Personal eingespart und die vorhandenen Lehrer werden vor Herausforderungen gestellt, die sie gar nicht erfüllen können.“

Ein wichtiger Aspekt pro freie Schule ist für Kathrin Gierke, die mit ihrer Familie in Kamern zu Hause ist, auch die veränderte Arbeitsweise. „Es ist nicht kindgerecht, wenn Kinder den ganzen Tag still sitzen. Können sie sich zwischendurch ordentlich bewegen, sind sie viel leistungsfähiger. Außerdem gehen wir davon aus, dass kein Schüler genormt ist. Darauf stellt sich die Schule ein. Jedes Kind bekommt die Zeit zum Lernen, die es braucht.“

Nicht nur Lernen für einen Test

„Ich habe das Gefühl, dass an staatlichen Schulen nach landwirtschaftlichen Vorgaben unterrichtet wird“, sagt Norbert Poley, Vater von sieben Kindern aus Kamern. „Bäume bekommen einen Erziehungsschnitt. Wir wollen aber unsere Kinder weder beschneiden noch abernten. Ich merke an meinen Kindern, dass sie viel freier durchs Leben gehen und viel mehr hinterfragen, als ich das früher getan habe. Einer Obrigkeit gehörig zu sein, ist ein zweischneidiges Schwert, es steht immer die Frage, wollen die für mich Gutes oder für sich. Kinder sollen wissen, dass Demokratie nicht immer da ist und es richtig ist, zu hinterfragen, damit man nicht plötzlich hundert kleine Könige gegen einen großen eintauscht.“

Bei Familie Kliem aus dem Bereich Breddin muss mit der Ablehnung der Freien Schule Kamern nun Plan B geschmiedet werden. Josef sollte an diesem Sonnabend in Kamern in die 1. Klasse eingeschult werden. „Jetzt müssen wir erstmal schauen, wie wir uns entscheiden. In Brandenburg beginnt die Schule ja erst Anfang September. Wir wissen noch nicht, wie wir uns entscheiden“, sagt Michael Kliem. Freies Lernen und lernen, was sie interessiert, möchten Kliems ihren drei Kindern bieten. Mit der freien Grundschule Kamern sehen sie dafür beste Voraussetzungen. „Die Kinder sollen nicht in eine Rolle gepresst werden. Jedes Kind hat ein anderes Lerntempo. Wenn es nur für einen Test lernt, geht die Liebe zum Thema verloren, kommt das Wissen gar nicht erst an.“

An staatlichen Schulen ist die Förderung des einzelnen Schülers oft gar nicht möglich. Allein schon wegen der großen Klassenstärken, sind sich die Eltern einig. Auch der meist praktizierte Frontalunterricht ist nicht förderlich. Oftmals werde das Lernen gar nicht gelernt. Dabei gehe es doch darum, Interessen zu wecken und die Schüler dabei zu unterstützen. Kathrin Gierke bringt das Lernen nur für Tests und nicht fürs Leben so auf den Punkt: „Das ist Bulimie-Lernen. Du lernst nur für die Arbeit und spuckst es für die Arbeit aus. Danach ist das schnell wieder vergessen.“