Kamern l Der 1. Juni ist eine Woche her. Normalerweise müsste dem „neugierig“-Verein inzwischen ein Bescheid zugekommen sein, ob das Bildungsministerium die „Freie Schule Elbe-Havel-Land“ in Kamern genehmigt oder nicht. „Wir sind fassungslos, dass wir noch immer keine Nachricht haben. Laut Gesetz müsste der Bescheid am 1. Juni verschickt worden sein, doch leider ist noch nichts da“, sagt Vorstandsmitglied Stefanie Wischer am Mittwoch.

Schon zu Beginn des Schuljahres 2016/17 hatte der Verein die Eröffnung der freien Grundschule beantragt. Das war von Seiten des Bildungsministeriums abgelehnt worden mit der Begründung, dass „kein besonderes pädagogisches Interesse“ zu erkennen sei. Der Verein stellte einen erneuten Antrag, wohlwissend, dass mit dem reformpädagogischen Konzept nach Montessori und Freinet eine Bildungsstätte geschaffen wird, die ein zusätzliches Angebot zu den staatlichen Schulen darstellt und für viele Eltern eine Alternative zur Beschulung ihrer Kinder ist. Altersübergreifendes Lernen für Kinder mit und ohne Behinderung, tiergestütztes Lernen und verschiedene Werkstattangebote sind nur einige Stichpunkte aus dem Konzept.

Das besondere pädagogische Interesse wurde in einer schulfachlichen Stellungnahme des Ministeriums vom Februar 2016 beschieden, wie Vereinsmitglieder feststellen konnten, als sie Akteneinsicht erhielten. Darin heißt es: „Die Schule arbeitet konsequent reformpädagogisch. Die jahrgangsgemischte Arbeit von Klasse 1 bis 4 ist beispielgebend. Die tiergestützte Pädagogik ist unter dem Gesichtspunkt der Inklusion von besonderer Bedeutung.“

Gutachten bescheinigen gutes Konzept

Es gibt zwei weitere Gutachten, wie Stefanie Wischer berichtet. Ein professorales Gutachten von der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg und eines vom Grundschulverband. Beide bestätigen dem Verein, der seit 2010 die Gründung der Freien Schule voranbringt, ein sehr gutes, zukunftsweisendes und innovatives pädagogisches Konzept.

Dass der Bescheid noch immer aussteht, sieht der Verein als Zeichen dafür, dass eine neuerliche Ablehnung der Freien Schule bevorsteht. Doch will er dieses Mal dagegen klagen. „Solange wir aber noch keinen Bescheid haben, können wir nicht handeln“, sagt Stefanie Wischer und berichtet von der Möglichkeit, ein einstweiliges Rechtsschutzverfahren in die Wege zu leiten. Denn das Ziel ist es, zum diesjährigen Schulbeginn am 10. August die Schule zu eröffnen. 17 Kinder, hauptsächlich Erst- und Zweitklässler, sind bereits angemeldet. Lehrer und weiteres Personal stehen in den Startlöchern.

In der alten Sekundarschule in Kamern ist das ehemalige Kellergeschoss zu einem vollwertigen Erdgeschoss ausgebaut, die Böschung davor abgetragen und eine großräumige Terrasse gebaut worden. In den Gruppenräumen könnte der Unterricht sofort beginnen. Multifunktionsraum mit Kinderküche und Druckwerkstatt gehören dazu. Sie wurden auch schon ausprobiert, denn der „neugierig“-Verein bietet bereits außerschulische Veranstaltungen an.

Garten und Gewächshaus

Von allen Räumen aus geht‘s raus auf die Terrasse, die mit für den Unterricht genutzt werden kann. Im Garten und im Gewächshaus grünt und blüht es schon kräftig. Die Tomatenpflanzen rankeln in die Höhe, die ersten roten Erdbeeren sind schon geerntet. Mit Kaninchen, Hühnern und Enten sind auch schon die ersten Tiere angeschafft.

„An der Idee unserer Schule gibt es keine Zweifel und auch nicht an den Menschen, die hier mitmachen. Die Frage ist nicht, ob wir die Schule eröffnen, sondern nur wann. Wir wollen die Pädagogik voranbringen und lassen uns nicht von wenigen konservativen Kräften, die uns Steine in den Weg legen, entmutigen“, ist Stefanie Wischer überzeugt davon, dass die Schule eine Zukunft erhält. Bis auf 60 Kinder soll sie in den ersten drei bis vier Jahren anwachsen. In einer nächsten Phase kann das Schulgebäude weiter ausgebaut werden.

Aus vielen Gesprächen auch mit Vertretern aus dem Ministerium und vom Landesschulamt weiß sie, dass das Konzept der Schule gut ist und auch dort Befürworter hat. Weshalb es noch keine Genehmigung gibt, will sie nicht mutmaßen, sondern mit Fakten und rechtlichen Mitteln weiter für ein Ja zur Freien Schule in Kamern kämpfen. „Wir fordern unser Recht ein und wollen weg von eingefahrenen Wegen. Dabei haben wir auch die Entwicklung in unserer ländlichen Region im Blick. Schon jetzt ist die Nachfrage nach Grundstücken in Kamern groß, zum Beispiel von Familien, die wegen der Schule hierher ziehen wollen. Vier Familien sind bereits hergezogen oder wollen zum nächsten Schuljahr in die Region kommen, etwa ein junger Arzt mit seiner Familie. Er will seine Kinder an der Freien Schule anmelden“, berichtet Stefanie Wischer.

Sie hätte gern schon ihre eigenen Kinder in die Freie Schule geschickt. Doch die gehen inzwischen auf Gymnasien, sind aus dem Grundschulalter raus. „In unserem Verein gibt es aber Mitglieder mit kleinen Kindern und wir machen das nicht nur für uns, sondern eben auch für die Region hier. Wer soll denn in ein paar Jahren den gerade neu eröffneten Jugendklub besuchen, wenn hier alle jungen Menschen wegziehen?“, sagt sie und spricht von den generell ausgezeichneten Bedingungen für die Freie Schule Elbe-Havel-Land in der Seegemeinde Kamern.

Beste Bedingungen

In der Turnhalle ist der Fußboden gerade neu verlegt worden, außer dem neuen Jugendklub ist auch der Badestrand neu entstanden und mit dem Grünen Haus steht zudem ein Umweltbildungshaus ganz in der Nähe. Auch an eine Zusammenarbeit mit den staatlichen Schulen und dem SITI in Havelberg ist gedacht.

Schließt Stefanie Wischer derzeit die Tür zur Freien Schule auf, ist es noch ganz ruhig in den Räumen. „Ich wünsche mir, dass hier schon bald viele Kinder lernen, altersübergreifend, mit und ohne Einschränkungen, selbstbestimmt und glücklich.“