Schönhausen/Klietz l Versammlung der Forstbetriebsgemeinschaft, ein 60. Geburtstag, ein 90. Geburtstag, dazu das Tagesgeschäft – im Klietzer „Seeblick“ wäre heute kein Tisch frei gewesen, hätten die Köche und das Servicepersonal ordentlich zu tun gehabt; die meisten Zimmer im Hotel wären belegt gewesen. Und nun? Das Hotel für touristische Besucher geschlossen, vereinzelt haben zumindest bisher ein paar Geschäftsreisende noch nicht abgesagt. Sämtliche Feiern sind bis Ende April gecancelt. Die Bowlingbahn ist außer Betrieb, der Spielplatz verschlossen. Vereinzelt verirren sich noch ein paar Gäste ins Restaurant, „90 Prozent des Tagesgeschäftes ist weggebrochen“, schätzt Gastwirt Maik Kleinod. Dabei verlief der Saisonstart vielversprechend. Das Buch mit den Reservierungen, mit kleinen und großen Feiern und Versammlungen war voll, eine neue Speisekarte gerade fertig, neues Personal eingearbeitet.

Stornierungen statt Buchungen

Doch jetzt ist der Koch froh, wenn überhaupt eine Bestellung reinkommt, das Servicepersonal hat mehr damit zu tun, alle Kontaktflächen zu desinfizieren als Bier zu zapfen und das Essen zu servieren. Maik und Kathrin Kleinod sitzen in der Rezeption, statt Buchungen gibt es Stornierungen. Und sie stehen in ständigem Kontakt mit dem Gaststätten-Dachverband Dehoga. „Wir werden über alle neuen Entscheidungen, die uns betreffen, umgehend informiert. Leider verbreiten sich auch Halbwahrheiten, die die Situation schlimmer machen als sie ohnehin schon ist. Das Hotel darf offen bleiben für Geschäftsreisende, der Restaurantbetrieb darf unter strengen Auflagen wie beispielsweise dem Mindestabstand der Tische von zwei Metern fortgesetzt werden. Daran halten wir uns natürlich. Und wenn es neue Anweisungen gibt, werden sie umgehend umgesetzt.“ Kleinods wollen so lange wie möglich die Türen offen halten. Nicht nur, um zumindest ein paar wenige Einnahmen zu haben, die längst nicht die Kosten decken, sondern auch als psychologischen Aspekt – für die Gäste und die Mitarbeiter. „Wir nutzen die Zeit für andere Dinge: Wir richten ein Archiv ein, gestalten die Homepage neu und stellen neue Arrangements zusammen. Denn wir wollen bei all den Sorgen zuversichtlich in die Zukunft blicken. Das Leben muss ja irgendwann weitergehen. Dann setzen die Deutschen vielleicht noch mehr auf Urlaub im eigenen Land und der Radtourismus nimmt zu. Darauf wollen wir uns einrichten.“

Maik Kleinod hofft, den Saisonstart der Mühlenberg-Brauerei in Schollene im Mai wie geplant vollziehen zu können. „Und unsere Kunden, die jetzt große Feiern absagen, haben gesagt, dass aufgehoben nicht aufgeschoben ist.“

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Laden voll mit Osterdeko

Das hört auch Anke Zielke von der Schönhauser „Blumenwiese“ von ihrer Kundschaft. Hochzeiten, Geburtstagsfeiern – das Auftragsbuch war voll. Nun ist alles durchgestrichen. Seit Mittwochfrüh müssen Geschäfte mit Laufkundschaft geschlossen bleiben. Am Tag zuvor war eine Ladung frischer Schnittblumen eingetroffen, dazu Topfpflanzen für den Garten. Und das Geschäft ist voll mit Osterdeko – Ware im Wert von mehreren tausend Euro. „Es tut weh, Blumen wegzuwerfen. Aber uns bleibt ja nichts übrig, manches konnten wir noch schnell verschenken“, berichtet Anke Zielke gestern, als sie zusammen mit Mitarbeiterin Dagmar Kämpfer die letzten Gestecke und Dekorationen für eine Beisetzung und für eine Hochzeit anfertigen, „das sind die letzten Aufträge, dann ist erst einmal Schluss“.

Anke Zielke mag gar nicht in die Zukunft blicken. „Ob ab 20. April wirklich alle Vorschriften wieder gelockert werden können? Wir hoffen das inständig. Denn alle Kosten laufen weiter, Einnahmen gibt es nicht.“ 2001 hatte die Melkowerin ihre Blumenwiese im Geschäftsgebäude am NP-Markt eröffnet. 2013 flutete das Deichbruchwasser den Laden. Im August eröffnete sie ein provisorisches Geschäft im ehemaligen Vivo-Frischemarkt. Zielkes entschieden sich damals, noch einmal einen großen Schritt zu wagen und kauften die Ruine der Orangerie am Rande des Bismarck-Parkes, im Mai 2015 war Eröffnung. „Zur Flut haben wir das Wasser gesehen, konnten anpacken und von vorn beginnen. Jetzt aber ist alles ungewiss. Die Zeit bis Mitte April überstehen wir schon, aber viel länger darf diese Situation nicht anhalten.“ Die von der Regierung getroffenen Vorsichtsmaßnahmen begrüßen sowohl Kleinods als auch Zielkes. „Wir alle müssen dazu beitragen, dass die Ausbreitung nicht zu schnell geht. Eine überschaubare Zeit können wir das durchstehen.“

Eine Krise nach der nächsten

Das sehen auch Wageners vom Hohengöhrener „Stadt Braunschweig“ so. Der Gasthof musste alle Veranstaltungen absagen, dazu gehört der Sportlerball des SV Preußen. Eigentlich ist der Gaststättenbereich von Mittwoch bis Sonntag geöffnet. „Das haben wir jetzt reduziert auf Samstag und Sonntag und auch da nur auf Vorbestellung“, berichtet Karin Wagener. Seit der Eröffnung 2001 musste sie schon so manche Krise meistern: erst Flut, dann die B 107-Sperrung wegen des Straßenbaus und nun Corona, „gerade hat man sich ein bisschen aufgerappelt, kommt der nächste Hammer“.

Der Imbiss in Klietz, den Karin Wagener seit 2017 betreibt, ist geöffnet, aber auch mit Einschränkungen. Abends ist nun geschlossen, lediglich Frühstück und Mittag sind im Angebot. Wer möchte, kann sich an die im Abstand von zwei Metern stehenden Tische setzen, sich draußen setzen oder einfach nur das Essen abholen.

Alle Feiern abgesagt

Das „Alte Möbelwerk“ in Hohengöhren, das Annedore Dammeyer im Juni 2018 eröffnete, hat alle Veranstaltungen bis nach Ostern gecancelt, auch den für den 18. April geplanten ersten Trödelmarkt. Die Frauentagsparty war die letzte Feier, die hier stattgefunden hat. Absagen gab es beispielsweise für die Premiere des Unternehmerballs und eine Jagdversammlung. „Bedauerlich ist es vor allem für große, lange geplante Hochzeiten“, sagt Annedore Dammeyer. Die meisten Veranstaltungen sind für Mai und Juni vorgesehen. „Ob sie stattfinden können, werden wir sehen – diese Entscheidung trifft der Staat. Die Gesundheit ist wichtiger als der wirtschaftliche Schaden.“