Restaurierung

Hunderte Teile der Orgel in der Stadtkirche Havelberg finden ihren alten Platz wieder

Es sind Hunderte Einzelteile, aus der die Scholtze-Orgel in der Stadtkirche Havelberg besteht. Orgelbauer bringen sie alle nach der Restaurierung wieder an ihren richtigen Platz.

Von Andrea Schröder
Orgelbauer Michael Wetzel (rechts) zeigt Domkantor Matthias Bensch an einem der restaurierten Wellenbretter, wie die kleinen Ärmchen, die er zum Teil rekonstruiert hat, befestigt werden.
Orgelbauer Michael Wetzel (rechts) zeigt Domkantor Matthias Bensch an einem der restaurierten Wellenbretter, wie die kleinen Ärmchen, die er zum Teil rekonstruiert hat, befestigt werden. Foto: Andrea Schröder

Havelberg - Geduld und Freude an filigraner Arbeit gehören wohl zu den Voraussetzungen, die ein Orgelbauer besitzen sollte. Sonst wäre es kaum möglich, ein solches Musikinstrument in seine Hunderte Einzelteile zu zerlegen, sie zu restaurieren und rekonstruieren und dann wieder zusammenzusetzen. Den Beweis dafür treten gerade die Orgelbauer aus der Dresdener Werkstatt von Kristian Wegscheider an. Nachdem sie viele Arbeiten in der Orgelwerkstatt erledigt haben, erfolgt nun nach und nach der technische Einbau der restaurierten Orgelteile in der Stadtkirche in Havelberg.

Filigrane Arbeit an 267 Jahre altem Instrument

Puzzlearbeit ist zum Beispiel bei den Wellenbrettern gefragt, die die Verbindung zu den Windladen herstellen. Insgesamt hat die Scholtze-Orgel der Stadtkirche, die im Jahr 1754 erbaut wurde, fünf Wellenbretter – eines unter jeder der vier Windladen und eines für die Pedale, erklärt Michael Wetzel. Der Orgelbauer hat die Rundhölzer genau untersucht. Manche waren so krumm und schief oder auch verwurmt, dass sie ausgetauscht werden mussten. Kiefernholz findet wie früher schon dafür Verwendung.

Auch die kleinen Ärmchen aus Weißbuche muss er nach Vorlage der alten teilweise neu anfertigen. In die Löcher für die Verbindungen kommen kleine Holzscheiben, durch die ein Draht geführt wird. Filigrane Arbeit, damit es später, wenn die Orgel wieder gespielt wird, nicht klappert. Warmer Holzleim kommt zum Einsatz – der hält wieder für mindestens die nächsten Jahrzehnte. Grundsatz der Orgelbauer ist es, so viel Originales des historischen Instrumentes wie möglich zu erhalten. Was nicht mehr verwendet werden kann, kommt nicht in den Müll, sondern ins sogenannte Grab.

Komplett neu anfertigen mussten die Orgelbauer die Pedalklaviatur. Die alte war nicht mehr vorhanden. Der Havelberger Domkantor Matthias Bensch zeigt sich begeistert, als er den Nachbau sieht. „Das ist sehr gut gelungen“, lobt er. Paul Ahrend ist gerade dabei, die Pedalklaviatur an den Fußboden einzupassen. Auch wenn sich die handwerklichen Tätigkeiten in der Stadtkirche nicht sehr von jenen aus der Zeit von vor 267 Jahren unterscheiden, so steht den Orgelbauern heute mit Laptop und modernen Zeichenprogrammen Technik zur Verfügung, die den Einbau erleichtern. „Es sind immer mehr Teile, die wir hier vor Ort einbauen“, berichtet der Auszubildende, dass die Orgelbauer nun oft vor Ort sein werden. Nach Pfingsten kommen sie wieder nach Havelberg, um ihre Arbeit fortzusetzen. Auch die Farbrestauratoren beginnen mit ihrer Arbeit.

Eine Etage über dem Bereich, wo später der Organist die Orgel spielt, ist Orgelbauer Raymund Herzog dabei, eine der Windladen einzupassen. Auf ihr stehen später wieder die Orgelpfeifen. Das Holz ist mit Leder besetzt, das teilweise ersetzt werden musste.

Spannend wird es, wenn die Pfeifen wieder eingebaut werden. Viele befanden sich nicht mehr an ihrem ursprünglichen Ort. Die Prospektpfeifen, die vom Kirchenraum aus sichtbar sind, werden noch in der Orgelwerkstatt restauriert. Die Intonation ist für Oktober geplant.

Einweihung ist für den zweiten Advent geplant

„Die Einweihung der Orgel haben wir auf das zweite Adventswochenende verschoben“, berichtet der Domkantor. Der ursprüngliche Termin am Reformationstag 2021 konnte nicht eingehalten werden, weil die Orgelwerkstatt durch Corona Einschränkungen hinnehmen musste. Matthias Bensch hofft, dass bis dahin wieder Konzerte möglich sind.

Wie vieles anderes hat auch die Kirchenmusik in dem über einen Jahr Corona-Pandemie gelitten. An die beliebten Dommusiken ist derzeit nicht zu denken. Für Juni hatte der Domkantor mit dem Chor das erste Konzert für dieses Jahr geplant. Das wird nichts werden, denn Chorproben sind nicht möglich. „Selbst wenn wir in kleinen Gruppen proben dürften, so würde doch die Tuttiprobe, also das Singen des gesamten Chores, fehlen. Ich hoffe, dass wir wenigstens im August zum Jubiläum des Domes 850+1 schöne Kirchenmusik anbieten dürfen. Dafür müssten wir im Juni und Juli proben. Und dann wollen wir uns auf die Einweihung der Stadtkirchenorgel konzentrieren.“

Raymund Herzog passt eine der Windladen ein.
Raymund Herzog passt eine der Windladen ein.
Foto: Andrea Schröder
Paul Ahrend  bringt die neu angefertigte Pedalklaviatur an ihren Platz. Die alte war nicht mehr vorhanden. Moderne Technik hilft den Orgelbauern bei ihrem alten Handwerk.
Paul Ahrend bringt die neu angefertigte Pedalklaviatur an ihren Platz. Die alte war nicht mehr vorhanden. Moderne Technik hilft den Orgelbauern bei ihrem alten Handwerk.
Foto: Andrea Schröder