Havelberg l „Bis Dienstag stand auf meinem Zettel, dass wir für die medizinische Grundversorgung in Havelberg und den Erhalt unserer Arbeitsplätze kämpfen. Nun wissen wir, dass es das Krankenhaus in Havelberg nicht mehr geben wird“, berichtete die Vorsitzende des Betriebsrates des KMG Klinikums Sandra Braun am Donnerstagmittag vor rund 550 Bürgern von einem Gespräch mit Landrat Patrick Puhlmann (SPD) am Dienstagabend. Zu diesem hatte er kurzfristig den Betriebsrat und einige weitere Mitarbeiter gebeten. Dabei hatte er mitgeteilt, dass es für die 53 gekündigten Mitarbeiter keine Betriebsübernahmen nach dem 30. September geben wird.

„Der Landkreis wolle versuchen, eine neue Lösung für die medizinische Grundversorgung in Havelberg zu finden. Das werde nach dem 30. September sein. Für unsere Belegschaft heißt das, dass es für uns keine Arbeit im Krankenhaus geben wird“, sagte die Betriebsratsvorsitzende. Sie machte zugleich darauf aufmerksam, dass es nun an den Bürgern sei, „Flagge zu zeigen. Organisieren Sie sich für dieses Ziel. Holger Schulz und Rosi Busse haben diese Demo vorbereitet. Der Anfang ist gemacht. Bleiben Sie am Ball“.

Sandra Braun blickte auf „ein sehr lebendiges halbes Jahr mit vielen Höhen und Tiefen“ zurück. Zwei große Demonstrationen, 20 Aktive Mittagspausen, über 13.000 gesammelte Unterschriften, die an die Sozialministerin übergeben worden sind, der Auftritt bei „Fakt ist“ im MDR sowie unzählige Gespräche, Telefonate und Mails und sogar ein Protestlied gehören dazu.

Bilder

Antwort wird nicht akzeptiert

Sie erinnerte daran, dass die ersten Kollegen bereits ab 1. Juli arbeitslos sind. Auch wenn es seit 10. Januar ganz oft ums Warten ging und sie Worte wie ‚eventuell“, „könnte sein“, „vielleicht“ hören mussten, „so standen die Kollegen bis zum letzten Tag zueinander und haben weiter gekämpft. Wir als Belegschaft können mit dieser Nachricht leben. Akzeptieren werden wir und auch die Bürger diese Antwort nicht. Die medizinische Grundversorgung geht uns alle an“.

Landtagsabgeordneter Wulf Gallert (Linke) wiederholte seine Ansicht, die er schon zu Beginn des Kampfes um den Erhalt des Klinikums geäußert hatte: „Ein Krankenhaus ist nicht dafür da, dass es sich lohnt, sondern dafür, dass die Bevölkerung versorgt wird. Das Gesundheitssystem ist krank, weil es Geld verdienen muss.“ Die ländliche Region dürfe nicht vergessen werden. Er hob hervor, dass das Klinikpersonal bewusst in Havelberg geblieben ist, obwohl es an anderen KMG-Häusern wie in Kyritz bis zu 500 Euro mehr hätte verdienen können. Doch wollten die Mitarbeiter für die Bevölkerung da sein, ihr weite Wege ersparen. Symbolisch dafür war am Eingang zum Domplatz ein Krankenbett aufgebaut, in dem Harald Wienecke den Patienten mimte. „Bei uns ist der Patient keine Nummer“, stand auf dem Schild neben Schwester Petra Schultze.

Er sei wütend auf die Landesregierung, speziell das Sozialminsiterium, weil es den Schwarzen Peter an den Kreistag weitergebe. Die landeseigene Kranken­hausgesellschaft Salus, neben den Johannitern als ein möglicher neuer Träger im Gespräch, sehe ein Engagement für das defizitäre Krankenhaus Havelberg als problematisch an. Doch warum ist es defizitär? Weil KMG als Betreiber den Standort über Jahre vernachlässigt habe. Er habe dem Landrat vorgeschlagen, das Krankenhaus mit allen Arbeitsverträgen zu übernehmen. „Soll doch die Kommunalaufsicht das dann verbieten“, machte Wulf Gallert auf die prekäre Haushaltslage des Landkreises aufmerksam. Er warnte vor einer Schließung des Krankenhauses vor der Klärung der Frage, wie die Grundversorgung aussehen solle. Es sei allerdings nicht mehr viel Zeit. „Das Personal findet woanders eine Perspektive, wir brauchen jetzt Ergebnisse.“ Das Land und auch die Krankenkassen müssten sich äußern, was sie bereit sind, für den Standort Havelberg zu unternehmen.

Es darf nicht nur Notklingel übrig bleiben

Wütend und enttäuscht zeigte sich Bürgermeister Bernd Poloski (parteilos). Dass es das bisherige stationäre Angebot nicht mehr so geben könnte und dass mit Einschränkungen zu rechnen war, sei zu erwarten gewesen. „Dass es nun offensichtlich zu einer generellen Abwicklung beziehungsweise Einstellung des Klinikbetriebes kommen wird, damit habe ich nicht gerechnet.“ Möglicherweise sei er zu optimistisch gewesen, dass „sich die vielen Hilfs- und Unterstützungsbeteuerungen in konkreten politischen und unternehmerischen Entscheidungen widerspiegeln, dass den vielen Worten Taten folgen.“

Mit der Schließung des Krankenhauses würden sich verbinden: die drastische Reduzierung der bisherigen medizinischen Versorgung, der Verlust von 60 Arbeits- und Ausbildungsplätzen, die Schmälerung der sozialen Infrastruktur und damit der Attraktivität der Stadt und nicht zuletzt das Ende eines über Jahrzehnte erfolgreichen Teils der Havelberger Geschichte. Der Bürgermeister versprach den vielen Teilnehmern der Demo, dass er sich gemeinsam mit dem Stadtrat dafür einsetzen werde, „dass hier auf Dauer nicht nur ein Krankenwagen mit einem Notarzt oder gar nur noch die besagte Notklingel an der Tür des Hauses übrig bleibt“.

Landrat informiert Stadtrat

Am Abend war der Landrat dann zu Gast im Stadtrat, der in der Sporthalle tagte. Patrick Puhlmann wollte die Ratsmitglieder persönlich zum aktuellen Stand informieren. Er machte zum Schluss des öffentlichen Teils deutlich, dass es aus seiner Sicht keinen Ausweg gibt und das Klinikum keinen Fortbestand haben wird. Im nicht öffentlichen Teil wollte er dann detaillierter auf das Thema eingehen.

 

Paragraph body