Havelberg l Eines der Rüstlöcher des Havelberger Domes hat sich das Uhu-Pärchen als Nistplatz ausgesucht. In rund 17 Metern Höhe liegt es schön hoch und sicher. Und nah am Futter. Doch am Mittwoch gab es Besuch bei Familie Uhu. Der Wulkauer Manfred Kuhnert, seit vielen Jahren ehrenamtlich als Ornithologe für die Vogelwelt im Norden Sachsen-Anhalts zuständig, wollte den Nachwuchs beringen. „Das sind meine ersten Uhus überhaupt“, macht er auf die Seltenheit eines solchen Ereignisses aufmerksam. „Von den 350 Vogelarten, die wir hier haben, gibt es vielleicht zehn, die ich noch nicht beringt habe.“

Vor über 30 Jahren legte der Landesnaturschutzbeauftragte die Prüfung zum staatlich geprüften Vogelberinger ab. Seither sind es wohl an die 25.000 Vögel, denen er einen „Ausweis“ verpasst hat. Denn mit den Ringen sind Vogelbeobachtungen möglich. Das Zugverhalten etwa lässt sich nachvollziehen. Die Daten werden in der Vogelschutzwarte Hiddensee erfasst und für die Forschung aufgearbeitet.

Wird der Uhu angreifen?

Nun also kommen die ersten Uhus aus Havelberg dazu. So genau wusste Manfred Kuhnert vorher nicht, was auf ihn zukommt. Sind die Alten im Nest? Verteidigen sie die Jungen? Greifen sie möglicherweise an? „Bei der Beringerschulung damals wurde uns gesagt, dass der einzige Vogel, der jemals einen Beringer angegriffen hat, der Waldkauz ist. Aber in der Regel fliegen auch die nur Scheinangriffe.“

Bilder

Der Wulkauer Dachdecker Mirko Schneider bringt am Morgen seine Hubbühne auf dem Domplatz in Startposition. Es kann nur einer mit hoch, deshalb übernimmt er auch den Part des Fotografen, als Manfred Kuhnert das erste Uhu-Junge aus dem Nest herausholt, um ihm den Ring anzulegen. Das legt seinen Kopf auf die Hand des Ornithologen, schmiegt sich an ihn. Schnell sind die Babys versorgt. Die Uhu-Mama lässt sich jedoch nicht so leicht greifen, sitzt zu weit weg. Da kommt der Zufall zu Hilfe. Ramona Würz sammelt gerade mit einem Greifer Müll auf – der eignet sich hervorragend. Das Teil wird hoch geholt und schon hält Manfred Kuhnert auch die Mama im Arm. Sie klappert mal kurz Alarm mit dem Schnabel. Aber wirklich Angst scheint sie nicht zu haben. .

Der Papa lässt sich indes nicht sehen. Vermutlich beobachtet er alles aus der Ferne. Oder er holt Nahrung. Es ist eine ganze Menge Futter, das Uhus verputzen. Doch am Dom finden sie reiche Beute. Uhus sind Rattenfänger, erklärt Manfred Kuhnert. Mit den vielen Tauben finden sie ausreichend „Ratten der Lüfte“ und tun damit was Gutes. Denn die Tauben übertragen viele Krankheiten, so der 67-Jährige. Auch die Dohlen schmecken Familie Uhu gut. Am Dom befindet sich mit rund 100 Paaren die größte Dohlenkolonie Norddeutschlands. Dieser Rabenvogel steht zwar unter Schutz, doch wenn er von einem ebenfalls geschützten Greifvogel gefressen wird ...

Sonnenbad im Abendlicht

Töpferin Ute Schröter beobachtet mit Diana und Bernd Lucht die Aktion sehr interessiert. Ihr Mann Henrik Hempelmann hat in den vergangenen Wochen Hunderte Fotos von den Uhus gemacht. Seit die Babys da sind, ist das Interesse noch größer. So mancher Abend – bevor die Sonne untergeht, scheint sie direkt ins Rüstloch und die Uhus sonnen sich – wurde bereits vor dem Dom verbracht. Mit dem Spektiv ist der Blick besonders gut. Inzwischen haben auch schon andere Vogel- und Fotofreunde dieses für unsere Gefilde seltene Naturschauspiel entdeckt.

Henrik Hempelmann wurde mit Hund „Balu“ schon mal vom Prälatenweg aus bis zur Domkurie „D8“ verfolgt vom Uhu. Angst, dass er angreift, muss aber niemand haben, sagt Manfred Kuhnert. Der Uhu sieht vermutlich den Vierbeiner als Konkurrent, der ihm Futter wegnehmen könnte. Dass am 22. Juni das Domfest stattfindet und die dann bereits flüggen Uhu-Kinder gestört werden könnten, sieht er nicht als Problem. Die Uhu-Babys sind zirka drei Wochen alt, in rund drei Wochen dürften sie flügge werden. Ein, zwei Monate bleiben sie in der Nähe des Nestes, dann suchen sie sich ihre eigene Bleibe. Die Weibchen bleiben meist in der Nähe, die Männchen lassen sich im Umkreis von 50 Kilometern nieder.

Der vor 200 Jahren fast ausgerottete Uhu siedelt sich nun langsam auch im Norden Sachsen-Anhalts wieder an. Im Land gibt es um die 30 Paare. Die meisten davon im Harz.