Museum

Teleskop geht auf Reisen

Das über 200 Jahre alte Newtonsche Spiegelteleskop aus dem Havelberger Prignitz-Museum ist auf Reisen gegangen.

Von Andrea Schröder

Havelberg l Interessiert schaut Joachim Jendersie in das Fernrohr. Wie sieht der Spiegel aus? „Das ist stets die große Sorge bei diesen Teleskopen. Oft sind sie über die Jahre blind geworden und korrodiert. Doch der hier sieht sehr gut aus“, stellt der Diplomrestaurator aus dem Weimarer Land in Thüringen bei seiner ersten Begutachtung fest. Ob es sich allerdings tatsächlich um den Originalspiegel handelt, kann er erst in seiner Werkstatt feststellen.

Der Verein der Freunde und Förderer des Prignitz-Museums Havelberg hatte das Newtonsche Spiegelteleskop im Dezember 2018 in seiner alljährlichen Spendenaktion vorgestellt, mit der der Verein wertvolle Exponate aus dem Museumsbestand restaurieren lässt. Anderthalb Jahre später ist nun endlich ein Restaurator gefunden, der sich dieser Aufgabe stellen möchte, freut sich Museumsleiterin Antje Reichel, die Mitglied des Vereins ist. Was genau gemacht werden muss, kristallisiert sich erst bei der Begutachtung heraus. Auf den ersten Blick bemerkt der Fachmann aber gleich zum Beispiel die lockere Mechanik zur Einstellung des Teleskopes und am seitlichen Suchfernrohr.

Der Metallrestaurator will feststellen, welche Teile noch original sind und welche möglicherweise später hinzu gekommen sind. Gebaut hatte es Professor Cornelius August Heinrich Reißig (1781 bis 1860) im Jahre 1805, der sich oft „Hofmechanikus Christian Reißig“ nannte – wie sein Vater, der als Instrumentenmacher in Kassel wirkte, berichtet Antje Reichel. Ins Museum kam das gute Stück 1928. Der Havelberger Lehrer Karl Quandt schied in dem Jahr aus dem Schuldienst aus und schenkte es dem Museum. Er unterrichtete unter anderem an der Mädchenmittelschule Naturkunde. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges, als beim Beschuss auch der zur Havel ausgerichtete Ausstellungsraum im früheren Kloster am Dom stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, nahm das Teleskop großen Schaden. Eine Rechnung von 1952 verweist auf eine Reparatur.

Allein, dass dieses Teleskop von Christian Reißig gebaut wurde und in Deutschland erhalten blieb, ist etwas Besonderes, sagt Joachim Jendersie. Denn der Professor wirkte hauptsächlich in Russland. Wohl ein Grund, dass über ihn in der Literatur eher wenig zu entdecken ist. Und auch in der Museenlandschaft in Kassel mit einer großen astronomischen Sammlung sei von ihm nichts zu finden. Wie Antje Reichel berichtet, wurde er 1810 am kaiserlichen Hof in Sankt Petersburg zum Direktor der mechanischen Werkstätten berufen und war Professor der Astronomie. Besonders ist auch der Holztubus, sagt der Restaurator. Es können ästhetische Gründe, aber auch regional bedingte Gründe für diese Bauweise sein. Besonders ist außerdem, dass das Teleskop noch erhalten ist. Es könnte ein Unikat sein. „Es ist ein sehr altes und ein sehr schönes Instrument und noch funktionsfähig“, fasst der Fachmann zusammen.

In der Sammlung des Prignitz-Museums steht das Teleskop seit Jahren in der stadtgeschichtlichen Ausstellung als Beispiel für bürgerliches Interieur. „Für diese Zeit war es ein sehr hochwertiges Instrument, es war damals schon der Superlativ“, sagt Joachim Jendersie. Antje Reichel ist gespannt, was er über das Teleskop herausfinden wird. „Wir lernen unsere Schätze auch durch unsere Restauratoren kennen.“ Gut wäre es, wenn das Teleskop künftig auf einem höheren Podest steht, damit Besucher nicht dazu verleitet werden, an ihm herumzuspielen. Das Schild „Bitte nicht berühren“ wurde öfter übersehen.