Elbe-Havel-Land l Was nationalistischer Fanatismus bewirken kann, machte Erika Kügler in Wulkau in ihrem Rückblick zum Kriegsende deutlich. Damit es den Wulkauern nicht wie den Sandauern ergeht – die Elbestadt wurde von den Amerikanern im April 1945 fast komplett zerstört – hatte ihr Vater Walter Bathe ein großes weißes Laken aus dem Kirchturm gehängt. Ein strammer Nazi aus dem Ort wollte ihn daraufhin erschießen – auf solche Taten stand die Todesstrafe. Walter Bathe entgegnete dem Fanatiker: „Nur zu! Bin ich im Krieg nicht gefallen, magst du mich jetzt ruhig erschießen!“

Dieser moralische Appell rettete ihm und seinen jungen Helfern Joachim Tuchow und Martin Jahn das Leben. Zu jenem Zeitpunkt deutete sich bereits das baldige Kriegsende an, das faschistische Großdeutschland war auf einen nur noch schmalen Landstreifen zusammengeschrumpft...

Drei Wulkauer bei Beschuss getötet

Zuvor waren bereits drei Wulkauer Zivilisten durch Kriegshandlungen getötet worden. Beim amerikanischen Beschuss starben am 19. April 1945 die Mutter von Karl-Heinz Liermann und ein Herr Winter durch Granatsplitter sowie ein aus Berlin evakuiertes Kind, welches durch einen umstürzenden Baum erschlagen wurde.

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Pfarrer Hartwig Janus erinnerte zudem an den Kriegsausbruch vor 80 Jahren – am 1. September 1939 hatte die Wehrmacht Polen überfallen. Zu Hitlers Ausspruch „seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen“ meinte der Pfarrer, dass man solches heute als „Fake-News“ bezeichnen würde. Denn die Wehrmacht hatte ab 4.37 Uhr bereits die völlig wehrlose polnische Stadt Wielun bombardiert – wobei 1200 Menschen starben.

Ein unheimliches Gefühl

Heutzutage habe er immer ein unangenehmes Gefühl, wenn in den Medien die Leistungen der Waffentechnik gelobt werden. Anders als im Ersten Weltkrieg gab es 1945 kein Entrinnen für die Deutschen mehr. Das deutsche Volk bleibt in der Verantwortung, wer von einem reinen Deutschland träumt, ist auf einem Irrweg. Nationalisten und Antisemiten hatten bereits 1933 geholfen, die Nazis an die Macht zu bringen.

Mit dem Jerichower Heinz Mangelsdorf, welcher in Hohengöhren aufgewachsen war, gab es hier beim Gedenkweg am Sonnabend sogar noch einen Zeitzeugen. Zum Kriegsende war er zehn Jahre alt, er berichtete, dass beim Beschuss von Hohengöhren Anfang Mai 1945 eine vierköpfige Familie ums Leben kam. Die Granaten schlugen an dem Abend im Ort ein, der Beschuss dauerte bis in den frühen Morgen. Heinz Mangelsdorf hatte mit seiner Familie währenddessen im Keller Schutz gesucht. Am Morgen kamen die russischen Panzer angerollt, die Soldaten wuschen sich im Ort und tanzten.

Pfarrer Johannes Seidenberg erinnerte zuvor bei der Andacht in der Kirche daran, dass auf der Welt noch immer Unrecht und Gewalt existieren. Die Menschen sehnen sich jedoch nach Frieden und Gerechtigkeit. Seinen Segensspruch sprach er zuerst auf Hebräisch – dort heißt Frieden „Shalom“.

Draußen am Gedenkstein für die 68 getöteten Soldaten und Zivilisten aus dem Ort –darunter auch 14 vom Damm – verlas Arno Habermann die Namen der Opfer.

Von der SS erschossen

Die hier begrabenen Wehrmachtssoldaten waren nicht alle in Kampfhandlungen gefallen: Mindestens zwei von ihnen wurden per Genickschüsse von der SS getötet, ist in einer von Heinz Mangelsdorf verfassten Broschüre zu lesen. Viele Soldaten wollten hier nur noch die nahe Elbe erreichen und zu den Amerikanern flüchten – dafür drohte ihnen die Todesstrafe. Auch in Hohengöhren wollte jemand die weiße Fahne am Kirchturm hissen, war aber von der SS dabei beschossen worden.

Zweite Station des Gedenkweges war das Soldatengrab im Wald an der Straße zum Damm, welches von Brigitte Jarchow seit vielen Jahren gepflegt wird. Die drei Toten hier gehörten mit zu den über 600 Wehrmachtssoldaten, welche bei den Kämpfen in der Region noch in den letzten Stunden des Krieges starben.

Der Kriegsopfer gedachte man am Volkstrauertag auch in Neuermark-Lübars, wozu in der Kirche eine Andacht stattfand. Hier sind sieben Soldaten begraben, die Gräber pflegt Hans-Werner Poggensee.