Havelberg l Seit kurzem steht eine Gedenktafel am Wegesrand in Richtung Forsthaus Rothehaus nahe Havelberg. Das Waldgehöft mit drei Wohnhäusern war einst ein ­Hachschara-Kibbuz, in dem jeweils 50 junge Juden für ein Jahr ausgebildet und auf ihre Auswanderung nach Palästina vorbereitet wurden. Am Dienstag wurde die Tafel eingeweiht. Rund 20 Interessierte, darunter Bürgermeister Bernd Poloski, Ordnungsamtsleiter André Gerdel sowie Vertreter des Heimatvereins mit ihrem Vorsitzenden Frank Ermer waren der Einladung von Antje Reichel, Leiterin des Prignitz-Museums Havelberg, gefolgt. Auch der Vorsitzende des Fördervereins des Museums Harald Wildhagen nahm daran teil.

Antje Reichel beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der jüdischen Geschichte in Havelberg. Dazu gehört das Hach­schara-Lager, das von 1934 bis 1941 in dem Waldgehöft unweit des Julinanenhofes bestanden hat. Russische und polnische Zionisten hatten 1917 die Organisation des Hechaluz (hebräisch für Pionier) gegründet. Mit dem Ziel, sich nach einer Ausbildung „in die Reihen der gewerkschaftlich organisierten jüdischen Arbeiterschaft in Palästina einzugliedern. Sie erstrebten die Schaffung einer gerechten Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung – getragen von produktiver Selbstarbeit – ohne Ausbeute und Ausgebeutete“, zitierte Antje Reichel einen Mitbegründer des deutschen Hechaluz. Zunächst fand das keinen großen Anklang.

Die judenfeindlichen Aktivitäten der Nationalsozialisten ab 1933 führten dann aber dazu, dass Jugendliche Rat bei der zionistischen Jugendorganisation suchten. Kollektive Ausbildungsstätten wurden gegründet. 1938 gab es im Deutschen Reich 32, davon allein im Umland von Berlin 13.

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In Havelberg war es der jüdische Rechtsanwalt Siegfried Freund aus Berlin, der sein privates Jagdgehöft für den Hachschara-Kibbuz zur Verfügung stellte und ihn anfangs auch leitete. Junge Juden im Alter von 15 bis 18 Jahren wurden auf ihre Auswanderung nach Palästina vorbereitet. In den ersten Jahren verlief die Ausbildung relativ ungestört und die Jugendlichen berichteten über eine glückliche Zeit. Obwohl sie als „Stadtkinder“ landwirtschaftliche Arbeit mit allem, was dazu gehört, und auch Haus- und Küchenarbeit nicht gewohnt waren. Nach einem Jahr hofften sie auf die Genehmigung ihrer Ausreiseanträge.

Opfer des Holocaust

„Im Sommer 1941 wurde der Hachschara-Kibbuz Havelberg geschlossen. Die letzten Jugendlichen, die in Havelberg noch auf ihre Auswanderung nach Palästina gehofft hatten, wurden Opfer des Holocaust.“ Das ist der letzte Satz auf der Gedenktafel, die das Museum Dank vieler Spenden von Besuchern, die zu diesem Thema an einer Führung teilgenommen hatten, aufstellen konnte. Von 18 Jugendlichen ist bekannt, dass sie in Konzentrationslagern ermordet worden sind. Ihre Namen stehen im Gedenkbuch der Holocaust-Opfer.

Antje Reichel berichtete von der nicht einfachen Erforschung der Geschichte des Hachschara-Lagers, aber auch von Fred Oberländer, der von 1939 bis 1940 dort Praktikant war. Er besuchte 1999 das Waldgehöft und berichtete im Museum von seinen Erlebnissen und zeigte Fotos – eine der wichtigsten Quellen.

Ein großes Dankeschön richtete die Museumsleiterin an die Anwohner, die in den drei Häusern heute zu Hause sind. Sie bewahren das Andenken an das jüdische Umschulungslager und haben auch kein Problem damit, wenn sich Besucher bei einer Führung dort umschauen.