Klötze l Bis an die Zähne bewaffnet waren die Mitarbeiter der Staatssicherheit in Klötze im Herbst 1989. Im Lager der Kreisdienststelle lagen zahlreiche Handgranaten, Maschinenpistolen und andere Waffen, wie sich der Kuseyer Wolfram Weber erinnerte. Mit der Feuerkraft hätten die Stasi-Leute wohl ganz Klötze in die Luft jagen können, schätzte Weber. Er war damals mit dabei, als Mitglieder des Neuen Forums die Dienststelle besetzten und die Stasi-Mitarbeiter nach Hause geschickt wurden. Im Dreischichtsystem passten die neuen Hausherren auf, dass keine Akten verschwanden.

Wolfram Weber war einer von insgesamt sechs Zeitzeugen, die am Tag der Deutschen Einheit ihre Erinnerungen aus der Zeit rund um den 9. November 1989, dem Tag als die Mauer fiel, schilderten. Zu Wort kamen sie auf der Bühne, die für die Veranstaltung „30 Jahre Wunder der Freiheit und Einheit“ auf dem Klötzer Schulplatz aufgebaut worden war. Dorthin eingeladen hatte die Evangelische Kirchengemeinde Klötze, um an den friedlichen Mauerfall zu erinnern.

Unterstützung gab es von der Stadt Klötze, die den Platz zur Verfügung gestellt hat, sagte Organisator Klaus Rose bei der Begrüßung der zahlreichen Gäste, die sich unter freiem Himmel am Abend versammelt hatten. Einige von ihnen waren zuvor mit Kerzen in den Händen von der Sankt Ägidiuskirche aus durch die Purnitzstadt zum Schulplatz gelaufen.

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Gitarrenklänge

Im gut gefüllten Gotteshaus, viele Bankreihen waren besetzt, begann das Programm mit einer Andacht, die musikalisch von den Klötzer Jagdhornbläsern sowie Klängen der Orgel begleitet wurde. Bei den vielen Krisen auf der Welt, könne man erstaunt sein über das Wunder, das die Menschen vor 30 Jahren erlebt haben, sagte Matthias Heinrich, Superintendent im Kirchenkreis Salzwedel. Als Gast sprach Pastor Helmut Kramer aus dem niedersächsischen Ehra. Aus der Geschichte wisse man, wie wichtig es ist, Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen, sagte Kramer.

Eine Gelegenheit dazu gab es kurz darauf auf dem Schulplatz, wo die Veranstaltung fortgesetzt wurde. „In 30 Jahren blendet man Dinge aus“, sagte Organisator Klaus Rose auf der Bühne. Schnell würden Menschen zu der Aussage verleitet, dass früher alles besser war. Doch vor vielem habe man die Augen verschlossen. Jeder habe eine eigene Geschichte. Es sei wichtig, heute von Menschen zu hören, was sie erlebt haben. Darüber berichtet hat unter anderem der Pfarrer in Ruhe Klaus Pacholik aus Ristedt. Er kam Anfang des Jahrtausends aus dem Westen in den Osten, übernahm Vertretungsdienste. Als Student erlebte Pacholik den Mauerbau 1961.

„Die Mauersteine zu sehen, war beklemmend“, sagte Pacholik. Man habe gemerkt, wie die Mauer durch die Familien ging. Zwischen den einzelenen Berichten spielte der Musiker Mac Frayman auf der Bühne Gitarre und sang.

Aufgeregt seien alle gewesen, als die Grenze plötzlich offen war, erinnerte sich Petra Schütte aus Kusey. Wie sollte es weitergehen? Bei der Kommunalwahl 1990 „habe sie gemerkt, wie toll Demokratie ist“. Sie wurde zur jüngsten Bürgermeisterin in Kunrau gewählt. Und wofür ist sie heute dankbar? „Für alles“, sagte sie. Nach dem Fall der Mauer konnte sie studieren, hat heute einen schönen Arbeitsplatz.

Auf Verantwortung der SED schauen

Die DDR hätte er gern verlassen, blickte Andreas Finger aus Dannefeld zurück. Doch er hatte Familie und hätte wohl Kopf und Kragen riskiert, fuhr er fort. Und Altmärker bewegen sich nicht so schnell, so Finger. 1989 sei er beim Neuen Forum in Neuferchau gewesen, das habe Mut gebraucht. Als einen der wichtigsten Männer in der Zeit des Mauerfalls nannte Andreas Finger den Kuseyer Pfarrer Bernd Schulz, der die Kirche für das Neue Forum öffnete.

Dieser hat sich 2018 in den Ruhestand verabschiedet und war nun aus Berlin gekommen, um als Zeitzeuge berichten zu können. Wie Schulz sagte, hat er seine Stasi-Akte nie gesehen. Er habe sich dagegen entschieden. „Ich wollte der Stasi nicht noch einen späten Triumph gönnen“, begründete Schulz. Hätte er keine mutige Frau an seiner Seite gehabt, wäre er wohl ausgebremst worden, seine Frau habe den Aufruf zur Gründung des Neuen Forums mitgebracht. Schulz sagte, dass 30 Jahre lang die Stasi der Buhmann gewesen sei. Er sprach sich dafür aus, dass man sich die Verantwortlichkeiten bei der ehemaligen SED anschauen sollte.

Aus einer anderen Perspektive hat der CDU-Landtagsabgeordnete Uwe Harms aus Klötze die Zeit erlebt. Er leistete seinen Grundwehrdienst bei den Grenztruppen, sagte er. Wie der Rest der Bevölkerung seien die Soldaten euphorisch gewesen. Die Hälfte der Offiziersschüler sei damals verschwunden, um etwas Neues anzufangen.