Klötze l Es ist ein Freitagabend im Gerätehaus der Klötzer Feuerwehr, die 2020 ihr 140-jähriges Bestehen feiert und 2019 insgesamt 64 Einsätze zu bestreiten hatte. Am Tisch sitzen Wehrleiter Matthias Veit (37, seit 1993 dabei) und einige seiner Mitstreiter, darunter Stefan Schmidt (35, 1994), Sebastian Langner (42, 2001), Dieter Hartung (72, 1955), Matthias Krebs (49, 1986), Jens Weimann (33, 1996), Anika Paul (35, 2007), Stefan Lange (31, 1997) und Thomas Paul (31, 1998). Hinter den 33 aktiven Kameraden liegen anstrengende Monate. Das Leben bei der Feuerwehr ist voller Entbehrungen, aber auch befriedigend und von Gemeinschaft getragen.

Der Kernauftrag der Feuerwehr, einen Brand zu bekämpfen, macht auch bei den Klötzern nur noch einen Bruchteil der Arbeit aus, berichtet Matthias Veit. In zwei Dritteln aller Fälle geht es um Technische Hilfeleistungen, beispielsweise das Öffnen von Türen, das Beseitigen von Ölspuren oder das Retten von Menschen aus Zwangslagen. Manchmal, wenn Veit und Co. ausrücken, wird es ungewöhnlich, manchmal stressig, Routine ist es nie.

Einsätze 2019

Als „kurios“ bezeichnet Stefan Lange etwa den Einsatz, zu dem die Feuerwehr am 28. Juli wegen einer unklaren Rauchentwicklung an die Salzwedeler Straße gerufen worden war. Ein Mieter hatte sich allen Ernstes aus Baumrinde einen Tee machen wollen. In Erinnerung bleibt auch der schwere Motorradunfall am 30. August zwischen Klötze und Kusey. Mit dabei: Zwei Hubschrauber und drei Rettungswagen. „Das kommt nicht oft vor“, weiß Matthias Veit. Der August hatte es sowieso in sich, am 27. gab es drei Einsätze hintereinander: Erst lag zwischen Klötze und Schwiesau ein Baum auf der Straße, dann gab es einen Waldbrand in Quarnebeck und schließlich noch einen Flächenbrand in Kusey.

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Auch von schweren Bränden blieben die Klötzer nicht verschont, erinnert sei nur an das Feuer, das am 19. April in einem Baubetrieb an der Poppauer Straße ausbrach und einen Millionenschaden hinterließ.

Zeit zum Durchschnaufen blieb 2019 kaum, zumal stets die Nachbereitung hinzukommt. Auf störende Begleiterscheinungen können die Feuerwehrleute daher gut verzichten. Dennoch bleibt das nicht aus. So sind die Kameraden sogar schon bedroht worden und mussten Anfeindungen in den sozialen Medien erdulden. Matthias Veit stellt klar: „Das haben wir nicht verdient, wir geben alle unser Bestes.“

Gaffer werden zum Problem

Zu einem Problem entwickelt sich allmählich auch ein anderes Phänomen. „Die Gaffer sind am Schlimmsten“, poltert Thomas Paul. Unbeteiligte, die nichts Besseres zu tun haben, als die Einsatzkräfte zu behindern und womöglich noch Fotos zu machen. „Die fahren mit Schrittgeschwindigkeit vorbei und zücken ihre Handys“, schildert Paul. „Bei uns im ländlichen Raum geht es noch“, ergänzt Matthias Veit. „Es gibt aber schon Firmen, die stellen ‚Gafferplanen‘ her, mit denen der direkte Blick versperrt werden kann.“ Eingreifen müsste die Staatsgewalt, „aber die Polizeipräsenz in der Altmark gibt das nicht her“.

Allzu empfindlich, davon ist die Runde überzeugt, darf man bei einer Feuerwehr nicht sein. Die Rede ist von Blut, Knochenbrüchen, Toten. Schwierig wird es vor allem dann, wenn Kinder betroffen sind. Oder Leute, die man kennt. „Wichtig ist es, dass man sich anschließend unterhält“, betont Matthias Veit. „Das hilft.“ Wer möchte, kann psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.

Die Klötzer Feuerwehrleute opfern ihre Freizeit, um anderen zu helfen, sind rund um die Uhr alarmbereit. Und wie ist es um die Dankbarkeit bestellt? „Ab und zu kommt das vor“, sagt Stefan Schmidt. „Aber für die meisten ist das, was wir tun, eine Selbstverständlichkeit.“ Matthias Veit äußert sich ähnlich: „Es wäre wirklich schön, hin und wieder ein Dankeschön zu hören.“ Stefan Lange ergänzt: „Seitdem wir unsere Facebook-Seite haben, bekommen wir viel Zuspruch.“ Mathias Krebs hat festgestellt: „Oft kommt ein Dankeschön von denen, von denen man es nicht gedacht hätte.“

Zweifel an Dienstpflicht

Lustige Einsätze gibt es selten, außergewöhnliche durchaus. Die Klötzer Brandbekämpfer erinnern sich an einen Wohnungsbrand mit Reizwäsche auf dem Bett, an ein Pferd im Keller, eine Katze im Fenster, einen Mann, der den Einsatz in seiner Wohnung entspannt mit Joint im Mundwinkel verfolgte und an Menschen, die seelenruhig schliefen, während auf ihrem Herd die Hähnchenschenkel anbrannten. „Und auf dem Weg nach Schmölau ist uns mal ein Reifen geplatzt“, entsinnt sich Stefan Lange. „Das war ein ganz schöner Akt, den Ersatzreifen aufzuziehen.“

„Toi, toi, toi – ernsthaft verletzt hat sich in all den Jahren noch niemand“, resümiert Matthias Veit. Vielleicht mal eine Schürfwunde, nichts Gravierendes. Berichtet wird von Dachziegeln im Gesicht, eingefrorenen Gliedmaßen und dem Sturz in eine Werkstattgrube, die wegen des Löschschaums nicht mehr zu sehen war.

40 Stunden muss jeder Kamerad im Jahr leisten. Pro Einsatz gibt es eine Aufwands­enschädigung von fünf Euro. Ums Geld geht es den Feuerwehrleuten nicht. „Wir machen das freiwillig und machen es gerne. Wenn mir was passiert, würde ich mich auch freuen, wenn mir geholfen wird“, erklärt Matthias Veit seine Motivation, bedauert aber, dass diese Haltung in der Gesellschaft nicht mehr die Regel ist. Deshalb und weil (junge) Menschen lieber anderen Beschäftigungen nachgehen, leiden die Feuerwehren unter Mitgliederschwund und Nachwuchsmangel. Die von CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer ins Spiel gebrachte Dienstpflicht sehen die Klötzer kritisch. „Wer nicht bei der Feuerwehr sein möchte, den kann man auch nicht gebrauchen“, sagt Matthias Krebs. „Mit Zwang erreicht man gar nichts“, pflichtet ihm Dieter Hartung bei.

Politik ist gefordert

Die Klötzer Feuerwehr tut einiges, um auch in Zukunft zu bestehen. Seit 2017 gibt es wieder eine Jugendfeuerwehr. Ein größeres Engagement, etwa der Besuch von Schulen oder Kindergärten, würde nach Ansicht von Matthias Veit aber den Rahmen sprengen. „Es ist nicht unsere Aufgabe, Nachwuchs heranzuziehen. Das ist Sache des Trägers, also der Stadt Klötze. Die Verantwortung liegt bei der Politik.“

Die Runde stimmt ihm zu. Die Freiwilligen Feuerwehren müssten gefördert und in ihrem Bestand gesichert werden. Aber wie kann das gelingen? „Ohne finanzielle Anreize wird das nicht gehen“, ist Stefan Lange überzeugt und schlägt steuerliche Erleichterungen oder die Übernahme von Kita-Beiträgen vor.

Sind die Freiwilligen Feuerwehren erstmal weg, dann bleibt als Alternative, neben der Pflichtfeuerwehr, die aktuell auf der Nordseeinsel Wangerooge geprüft wird, wohl nur noch die Berufsfeuerwehr. „Aber die kann doch keiner bezahlen“, ahnt Stefan Schmidt.

Umso mehr sollte es im allgemeinen Interesse liegen, die Freiwilligen Feuerwehren zu unterstützen. Die Klötzer Brandbekämpfer bemängeln, dass nur wenige Stadträte das Gespräch mit ihnen suchen oder sich bei Veranstaltungen sehen lassen. Dazu Stefan Lange: „Wir sind in der Einheitsgemeinde die größte Feuerwehr, haben hier die meiste Technik stehen, organisieren Tagesausbildungen und von der Stadt schafft es kaum einer, zu kommen. Die Akzeptanz“, so schimpft er, „steht in keinem Verhältnis zu dem, was wir uns ans Bein binden.“ Anderswo genössen die Wehren ein höheres Ansehen.

Sonstige Wünsche? Matthias Veit: „Ein neues Gerätehaus. Hier fehlt Platz, die Anforderungen haben sich geändert. Die Küche ist ein Witz, wenn man bedenkt, dass die Leute bei Stromausfall erwarten, hier versorgt zu werden.“