Klötze l Schon seit 1934 gibt es in Klötze kein jüdisches Leben mehr. Damals verließ ein gewisser Jakob Rainer die Stadt. Notgedrungen. Denn der Antisemitismus griff bereits um sich. Das äußerte sich auch 1938, als die beiden jüdischen Friedhöfe in Klötze verwüstet wurden. Einer befand sich am Ortsausgang in Richtung Hohenhenningen. Er wurde in der Folge umgepflügt und somit völlig zerstört. Heute gibt es nur noch den Friedhof an der Wasserfahrt. Dort fand am Donnerstagabend, 80 Jahre nach der Reichspogromnacht, eine Gedenkfeier statt.

Auf kleine Zeichen achten

Für den musikalischen Rahmen sorgten Emilia und Cornelia Jung mit jüdischen Liedern. Klötzes Bürgermeister Uwe Bartels erinnerte daran, dass die Juden während der Nazi-Herrschaft Verleumdung, Unterdrückung und Verfolgung ausgesetzt waren. Außerdem sprach er von einem Willkürstaat und einer Verrohung der öffentlichen Sitten. Die Anständigen waren fassungslos, aber unfähig, sich zu erheben. All dies gipfelte im Genozid von mehr als sechs Millionen Juden. „Daher“, so riet Bartels, „ist es notwendig, auf die kleinen Zeichen zu achten“, nachfolgende Generationen zu warnen und unter dieses düstere Kapitel der deutschen Geschichte eben keinen Schlussstrich zu ziehen.

Ähnlich äußerte sich Klaus Pacholik, Pfarrer im Ruhestand, der einen Spruch aus der hebräischen Bibel gebrauchte. Darin heißt es: „Verschweige nicht. Nimm kein Blatt vor den Mund, damit das Gute weiterlebt und das Grauen nie mehr passiert.“ Weiterhin wies er darauf hin, dass der Tod des Diplomaten Ernst Eduard von Rath am 9. November 1939 für die Nationalsozialisten ein willkommener Anlass war, um den seit Jahren geschürten Hass gegen die Juden in ungezügelte Gewalt zu verwandeln. Pacholik berichtete von einem Gespräch mit einer Zeitzeugin, die das Erlebte nicht vergessen kann und mahnte: „Möge uns die Erinnerung an 1938 hellhörig machen und die Verantwortung stärken.“ Und zwar gerade vor dem aktuellen Hintergrund, „dass uns Parteien und Gruppierungen die Menschenrechte stehlen wollen“. Umso mehr, so appellierte Pacholik, müssen Juden und Nichtjuden das Gespräch suchen und vor allem eine wichtige Frage klären: „Wie kann unsere gemeinsame Zukunft aussehen?“

Genau darum ging es im Anschluss in der Klötzer Bibliothek, dem Geburtshaus des berühmten jüdischen Wissenschaftlers Adolph Frank. Ehrengäste waren Wadim Laiter, Vorstandsvorsitzender der Synagogen-Gemeinde zu Magdeburg, und Rabbiner Schlomo Sajatz. Letzterer hatte auf dem jüdischen Friedhof festgestellt: „Um Gegenwart und Zukunft gestalten zu können, müssen wir aus der Vergangenheit die richtigen Schlüsse ziehen.“

Gegenseitig respektieren

Ein fast identisches Zitat verwendete der Beetzendorfer Pfarrer Joachim Geis, der die einstündige Veranstaltung moderierte. Er sagte: „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Genau das darf aber nicht passieren. „Also, wie können wir eine Katastrophe verhindern?“

Antworten auf diese Frage gab es aber kaum. Vielmehr interessierte sich die Runde für die jüdischen Gäste. „Ich bin ein Deutscher mit ukrainischen Wurzeln jüdischen Glaubens“, stellte sich Wadim Laiter vor. Er räumte ein, dass sich Juden eigentlich ungerne anpassen, aber dazu willens sein sollten. Denn: „Ohne die deutsche Gesellschaft können wir uns nicht entwickeln.“ Gleichzeitig, so sein Wunsch, sollten Juden und Nichtjuden die Religion und die Kultur des anderen akzeptieren und respektieren. Laiter betonte: „In Deutschland darf ich Jude sein.“

Rabiner Schlomo Sajatz, der in Berlin wohnt und eine Kippa trug, machte deutlich, dass er sich in Deutschland gegenwärtig nicht bedroht sieht. In manchen Stadtvierteln verzichtet er aber, wie andere Juden auch, auf die traditionelle Kopfbedeckung. „Um nicht zu provozieren, nicht angestarrt zu werden und nicht dauernd so viele Fragen beantworten zu müssen.“

Deutschland hat gelernt

Stadtratsvorsitzender Klaus Ewertowski wollte wissen, ob es, analog zu den Christen in Deutschland, auch immer weniger Juden gibt, die sich zu ihrem Glauben bekennen. Sajatz räumte ein, dass es vor allem unter den Jugendlichen einige gibt, die sich von den modernen Medien ablenken lassen oder lieber einem Hobby frönen. „Grundsätzlich erleben wir aber ein Revival zum Judentum.“ Das hängt damit zusammen, dass die Religionsausübung in der früheren Sowjetunion, von wo viele der in Deutschland lebenden Juden stammen, nicht gestattet war. Außerdem gibt es derzeit eine Menge, die von Israel nach Deutschland ziehen.

Lothar Schulze, Mitglied des Klötzer Ortschaftsrates, meinte: „Ich bin überzeugt, dass der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung aus der Geschichte gelernt hat und dass die Politik darauf ausgerichtet ist, dass sich Juden in Deutschland wohl fühlen. Ich sehe für die Juden momentan keine Gefahr.“

Damit das so bleibt, darin war sich die Runde einig, darf der Gesprächsfaden nicht abreißen. Wadim Laiter konstatierte: „Wir gehören alle zu Deutschland.“

Joachim Geis bilanzierte: „Mehr Solidarität zeigen. Das sollten wir als Stichwort mitnehmen.“