Klötze l Die Türen stehen offen und geben den Blick auf frisch eingerichtete Räume frei. Drinnen treffen vier Frauen Absprachen für einen Auftrag. Drei von ihnen sind Hebammen: Isabell Köneke, 30 Jahre alt, Helen Benecke, 32 Jahre alt, und Jana Reimann, 41 Jahre alt.

Seit mehreren Jahren arbeiten die Frauen in der Region als Hebammen. „Aber immer selbstständig und jede für sich“, betont Isabell Köneke. Jetzt erfüllen sie sich einen Traum: Sie bilden ein Trio und gründen ihre „Hebammenstube mit Herz“.

„Jede Hebamme träumt davon, irgendwann einmal eine eigene Praxis zu haben“, schwärmt Helen Benecke. Nun gehen sie gemeinsam diesen Weg. Jana Reimann erklärt auch gleich, warum: „Wir haben uns gedacht, ein Trio macht Sinn. Allein schon bei der Urlaubsvertretung und Weiterbildungen können wir weiterhin für die Mütter da sein.“ Zudem können sie ihr quasi gemeinsames „Baby“, ihre Hebammenstube, nun zusammen wachsen und gedeihen lassen.

Teure Versicherung

Die drei Frauen sind übrigens die einzigen Hebammen im Raum Klötze. Mit ihrem Wunsch nach einem Anlaufpunkt für Schwangere liefen sie bei den Hauseigentümern die sprichwörtlich offenen Türen ein. Sie seien den Hebammen viel entgegengekommen, sagen die drei.Und dann ging alles Knall auf Fall. Fast in einer Nacht- und Nebel-Aktion sind sie in ihr neues Domizil eingezogen.

Jetzt könnte man denken: Drei Frauen, drei Meinungen – das wird bestimmt schwierig. Aber das Gegenteil ist der Fall. „Wir sind uns schnell einig gewesen und waren alle kompromissbereit“, freut sich Jana Reimann. „Das macht Mut für die Zukunft.“

Für die jungen Eltern der Region ist es ein Glück, dass die erfahrenen Frauen in Klötze ihren Stützpunkt eingerichtet haben. Denn bundesweit bieten immer weniger Hebammen ihre Arbeit an. Ein Grund dafür ist die immense Summe, die eine Hebamme für die Haftpflichtversicherung bezahlen muss, wenn sie sich auch in der Geburtshilfe engagiert.

Neue Gebührenordnung

Diese Summe ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich und auch drastisch gestiegen. Waren es 2003 noch 1352 Euro, die eine Hebamme pro Jahr bezahlen musste, wurden 2017 schon 7639 Euro verlangt. „In diesem Jahr sind es 8174 Euro“, entnimmt Jana Reimann den Unterlagen. Das aber allein schreckt schon viele Frauen ab, diesen schönen Beruf zu erlernen.

Die Folge: „Es gibt immer weniger Hebammen, die auch Hausgeburten begleiten“, bedauert Jana Reimann. Damit werde besonders in der ländlichen Altmark die freie Wahl des Geburtsortes immer mehr eingeschränkt.

Um den Kostensprung durch die Haftpflichtversicherung wenigstens etwas zu kompensieren, trat im Juli 2017 eine neue Gebührenordnung für Hebammen in Kraft. Dafür hatte der Verband der Hebammen gekämpft. „Seitdem werden wir etwas besser bezahlt“, berichtet Helen Benecke. Sie und Isabell Köneke bieten ihre Hebammen-Dienste als Selbstständige zusätzlich im Altmark-Klinikum in Salzwedel an. Für ihre Arbeit dort werden sie bei der Haftpflichtversicherung vom Klinikum unterstützt.

Beruf ist Berufung

Ein weiterer Grund dafür, dass es immer weniger Hebammen gibt, ist der fehlende berufliche Nachwuchs. Bei einem Kongress für Hebammen in den vergangenen Tagen haben Helen Benecke und Jana Reimann in Hannover erfahren, dass der Nachwuchs fehlt. „Viele Hebammen gehen in Rente oder wechseln krankheitsbedingt den Beruf“, erklärt Helen Benecke.

Es würden aber zu wenige Hebammen ausgebildet. Dabei spiele auch eine Rolle, dass die Schulen für diese Ausbildung sehr weit entfernt seien. „Die nächsten sind in Magdeburg und Hannover“, weiß Jana Reimann.

Dass sich immer weniger junge Mädchen zu Hebammen ausbilden lassen, können die drei Frauen dennoch nicht nachvollziehen. „Der Beruf ist für uns Berufung“, verdeutlicht Helen Benecke. „Das ist für mich einer der spannendsten, aufregendsten und herausforderndsten Berufe.“ Und Jana Reimann: „Man weiß nie, was einen bei einer Schwangeren oder bei einer Geburt erwartet.“

Sie schwärmen förmlich für ihren Beruf: „Es ist schön zu sehen, wie sich eine Frau in ihrer Schwangerschaft entwickelt“, freut sich Helen Benecke. „Dabei sind wir nicht nur Hebamme, auch Psychologin, Sozialarbeiterin, manchmal Eheberaterin.“ Reimann: „Wir nehmen uns Zeit für die Schwangeren. Manchmal müssen Probleme besprochen werden, die tiefer sitzen.“

Viele Angebote

Die drei Frauen freuen sich über die gute Zusammenarbeit mit den Frauen- und Kinderärzten in der Region. „Wir brauchen uns gegenseitig“, sagen sie. Auch mit der Evangelischen Familienbildungsstätte (EFA) in Klötze würden sie zusammenarbeiten. In Klötze bieten sie bereits Kurse an. Geburtsvorbereitung, Geburt, Nachbereitung, Akupunktur, Rückbildung haben sie sich auf die Fahnen geschrieben.

Auch Yoga für Schwangere ist möglich. „Die Nachfrage ist groß“, betonen sie. „Schwangere möchten gerne eine 1:1-Betreuung. Sogar viele Zweit- und Drittgebärende kommen zu uns, auch wenn sie die Kurse schon kennen.“

Mit ihren Angeboten wollen sie alle Frauen aus allen Berufsgruppen ansprechen, hebt Helen Benecke hervor. „Viele Schwangere wissen nicht, dass Hebammenhilfe und die Kurse eine Leistung der Krankenkassen sind, wofür die Kassen bezahlen“, erklärt Isabell Köneke.

Begrenzte Kapazität

Das Trio rät allen Frauen, sich bei Bedarf rechtzeitig bei ihnen anzumelden, weil die Kapazität begrenzt ist. Jede Hebamme betreut nur einige Frauen gleichzeitig. „Am besten gleich, wenn Sie wissen, dass sie schwanger sind“, sagen sie. Ihr Ziel: „Wir wollen die Schwangeren abholen, wo sie mit ihren Ängsten und Wünschen gerade stehen.“

Darüber wollen sie bei einem Tag der offenen Tür am Sonnabend, 22. September, von 10 bis 14 Uhr mit allen Interessenten ins Gespräch kommen. Helen Benecke: „Es gibt Geburten, die uns emotional an die Grenzen bringen. Wir wollen uns Zeit nehmen, damit die Frauen eine schöne Geburt haben.“