Kusey l „Wenn ihr jetzt wollt, könnt ihr aus dem Evangelischen Landjugendzentrum eine Eisdiele machen“, sagte der langjährige Pfarrer Bernd Schulz bei der Feier zum 25-jährigen Bestehen des Kuseyer Landjugendzentrums, das meistens ELZ genannt wird. Zum Programm der Feier am Sonnabend gehörte auch der Festvortrag von Bernd Schulz. Dabei blickte der Pfarrer, der seit August 2018 im Ruhestand ist, auf die teils bewegte Geschichte des ELZ zurück. Er war maßgeblich an der Entstehung beteiligt.

Das ELZ sei kein Dorfgemeinschaftshaus und auch kein evangelisches Gemeindehaus. Jugendpolitische Bildungsarbeit zu machen, das sei der Kernauftrag. „Daran seid ihr ab heute nicht mehr gebunden“, stellte Schulz fest. Man könnte aus dem ELZ eine Eisdiele machen. Doch wie kommt er auf diese Idee? Das erklärte Schulz so: Die Zweckbindung für die Förderung des Hauses laufe im 25. Jahr aus. Nun stehe das Haus dem freien Markt zur Verfügung. Sollte aber jemand tatsächlich auf die Idee kommen, das Haus umzufunktionieren, würde man mit dem Kuseyer Gemeindekirchenrat und den Jugendlichen wohl ziemliche Schwierigkeiten bekommen, war sich der Pfarrer im Ruhestand sicher.

Wichtige Institution

In seinem Vortrag ging Bernd Schulz der Frage nach, warum das ELZ eine wichtige gesellschaftliche Institution ist. Dabei schaute er auf die Anfänge zurück. Diese reichen noch in die Zeit der DDR zurück. Als er 1983 in die Region gekommen sei, habe es die Idee gegeben, einen Gemeinderaum auf dem Pfarrgrundstück zu bauen. „Das war aus politischen und wirtschaftlichen Gründen gar nicht denkbar“, so die heutige Einschätzung von Schulz. Trotzdem habe der Pfarrer eine Skizze gemacht, die für Jahre in seinem Schreibtisch verschwand.

Dann machte Schulze einen Sprung zum Anfang der 1990er Jahre. In jedem Dorf habe es einen durch die Freie Deutsche Jugend, FDJ, verantworteten Jugendklub gegeben, so auch in Kusey. Niemand habe sich mehr für den Klub verantwortlich gefühlt, nachdem sich die FDJ auflöste. In Kusey, so erinnerte sich Schulz, „schallten anlässlich der ersten freien Wahl 1990 Nazilieder“ aus den Fenstern des Klubs. Wenige Jahre später „war er in fester Hand der Rechtsextremen“. Diese hätten sich nicht gescheut, Ausländer durch die Bahnhofstraße zu jagen. „Verantwortungsvolle Eltern wollten nicht, dass ihre Kinder in diesen Klub gehen und mit dieser Meute in Kontakt kamen“, sagte Schulz. Doch Jugendliche, die nicht in den Klub gingen, hätten sich nach Gemeinschaft gesehnt. Wo gehörten sie hin?, hätten sie sich gefragt. „Wir haben gesagt, wir müssen etwas machen für die Jugendlichen, die nicht mehr wissen, wo sie hingehören.“

Für normale Jugendliche etwas zu machen, dafür sei kaum Fördergeld vorhanden gewesen. „Aber ich bin mit meinem Anliegen und meiner Skizze ins Jugendamt nach Klötze gefahren.“ Dem damaligen Leiter habe Schulz die Zeichnung auf den Tisch gelegt und als Antwort erhalten, dass alles viel größer werden müsste. Nur dann gebe es Geld. Ein Konzept sollte erstellt werden, liefe es gut, gäbe es 60 Prozent Förderung. „Beruhigt hat mich das überhaupt nicht“, so Schulz. Wo sollte was Größeres gebaut werden? Brauchte man überhaupt etwas Größeres? Und wo sollen die 40 Prozent Eigenanteil herkommen? Das alles sei ihm durch den Kopf gegangen.

Schlaflose Nächte

Schlaflose Nächte und Beratungen mit den Kirchenältesten folgten. Man habe gewusst, dass man es schaffe. Dann waren Konzept und Kostenschätzung fertig – 780.000 DM. „Wir hatten das Geld Gott sei dank noch nicht, denn ich war es nicht gewohnt, mit so viel Geld umzugehen“, gab Schulz zu. Anträge wurden gestellt. Schließlich gab es Unterstützung von Landeskirche, Land, Landkreis Klötze, den Kommune und der Kirchengemeinde.

Und das ELZ kam an. Nach der Eröffnung habe sich der offene Jugendbereich in rasanter Geschwindigkeit entwickelt, man habe sich gesorgt, den Ansturm nicht bewältigen zu können. „Festangestellte Mitarbeiter gab es nicht.“ Seine Frau habe sich mit einer halben Stelle um die Kinderarbeit gekümmert, stundenweise betreute ein Gemeindepädagoge die Junge Gemeinde. Durch ABM-Maßnahmen sei Entlastung eingetreten, Zivildienstleistende hätten sich auch inhaltlich eingebracht und für das ELZ geworben. Erst 2001 wurde die heutigen Leiterin Birgit Timme eingestellt.

Doch Sympathie für das ELZ habe es nicht von allen Seiten gegeben. Durch die jugendpolitische Bildungsarbeit hätte man sich mit „Gegnern“ auseinandersetzen müssen. „Lange Zeit mussten wir uns gegen Übergriffe der rechtsradikalen Jugendlichen zur Wehr setzen“, erinnerte Schulz. Als man „der Glorifizierung der kommunistischen Vergangenheit“ widersprochen habe, hätte dies der Partei PDS nicht gefallen. Innerhalb der Kirche sei Kritik laut geworden, konservativen Christen seien die Kuseyer „nicht fromm genug gewesen“. Dich ein Bethaus, in dem die Hände gefaltet werden, sei das ELZ nie gewesen und sollte es nicht sein.

Teilnehmerzahlen geringer

Heutige Teilnehmerzahlen seien nicht mehr mit denen aus Hochzeiten vergleichbar. Die Gründe seien unterschiedlich. „Es wäre fatal, sollte kirchen- und kommunalpolitisch daraus geschlussfolgert werden, Fördermittel zu kürzen oder ganz zu streichen“, so Schulz. Längst sei aus finanzieller Sicht die Grenze erreicht, um die Einrichtung zu erhalten. Ein Rückschritt würde bedeuten, dass aus dem Lernort eine Räuberhöhle werde und Einnahmen generiert werden müssten. Dadurch würden jungen Menschen Entwicklungsmöglichkeiten genommen. Schulz sehe die Gefahr, dass sich die Jugendlichen nicht zu mündigen Bürgern entwickeln und für bestimmte Lehren anfällig werden könnten.