Magdeburg l Ein Anwohner aus Magdeburg-Buckau hatte die Debatte im Juli 2019 entfacht. Am 13. Juli filmte er am Elbufer, wie aus einem Rohr ungeklärtes Abwasser in die Stromelbe floss. Mittendrin plumpsten auch noch Feuchttücher, Kondome und andere Hygieneartikel in den Fluss. Über Facebook verbreitete sich diese Aufnahme rasend schnell.

Damit war auch die Diskussion losgetreten. Schon damals bemühten sich die Städtischen Werke um Aufklärung. Ergebnis: Die Überläufe sind notwendig, weil das Abwassersystem der Stadt Magdeburg bei Starkregen nicht die gesamte Wassermenge so schnell ins Klärwerk ableiten kann.

Rohre laufen bei Starkregen über

In Magdeburg gibt es nach Angaben der SWM ein Kanalsystem mit einer Länge von 1019 Kilometern. 293 Kilometer davon leiten reines Schmutzwasser in die Klärwerke ab. 318 Kilometer Rohre transportieren nur Regenwasser in die Vorfluter. 408 Kilometer Leitungen übernehmen dagegen beides: Sie führen Schmutz- und Regenwasser zum Klärwerk – und laufen bei Starkregen auch mal über. Überläufe in die Elbe seien daher notwendig, weil sonst das System aus Mischwasserrohen mit Regenwasser und Abwasser kapituliere und sich auf den Straßen ergösse, hieß es schon damals kurz nach dem Vorfall.

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Die Debatte führt nun auch zu einem politischen Nachspiel. Die Fraktion CDU/FDP hatte das Problem in den Stadtrat getragen und dort Aufklärung von der Verwaltung gefordert. Ziel dabei war vor allem zu prüfen, wie derartige Situationen künftig vermieden werden könnten.

Nun liegt eine Antwort der Stadtverwaltung Magdeburg in Zusammenarbeit mit der Abwassergesellschaft Magdeburg (AGM) vor, die Hoffnungen auf eine schnelle und bessere Lösung zerschlagen dürfte. Die Volksstimme hat die wichtigen Antworten der Stadtveraltung/Abwassergesellschaft auf die Fragen der Fraktion zusammengefasst.

▶ Wie viele dieser Einlaufpunkte gibt es in Magdeburg an der Elbe?

Es gibt 16 Mischwasserentlastungen in die Elbe und 5 in die Alte Elbe.

▶ Wie oft wird Mischwasser in die Elbe eingeleitet?

Etwa 10 bis 20-mal pro Jahr. Die Häufigkeit der Einleitung sei abhängig vom jeweiligen Einzugsgebiet und dem Regen.

▶ Gibt es technische Möglichkeiten, um solche ungefilterten Entsorgungen zu verhindern?

Hinsichtlich der Verhinderung von „ungefilterten“ Entsorgungen müsse unterschieden werden, hieß es. Feststoffe wie Hygieneartikel, die eigentlich in die Restmülltonne gehörten, könnten mit Rechenanlagen festgehalten werden. Allerdings sei dies mit Investitionskosten im hohen zweistelligen Millionenbereich sowie erhöhten Reinigungsleistungen verbunden. Die Nachrüstung sei auch mit erheblichen Verkehrsbeeinträchtigungen während des Baues verbunden. Würde beispielsweise an der Entlastung Domfelsen eine Rechenanlage nachgerüstet werden, wäre mit einer einjährigen Vollsperrung des Schleinufers zu rechnen.

Bezogen auf gelöste Stoffe wie Mikroplastik, Medikamentenrückstände und Keime müsste das gesamte Mischwasser entweder im Klärwerk behandelt oder das Mischsystem komplett in ein Trennsystem umgebaut werden. Das Klärwerk müsste darüber hinaus mit einer weiteren Reinigungsstufe ausgerüstet werden. Beides sei faktisch nicht finanzierbar, hieß es von der Abwassergesellschaft.

▶ Stellt die Vergrößerung der Zwischenspeicher bis zur vollständigen Trennung von Schmutzwasser und Regenwasser über sehr viele Jahre eine Alternative dar?

Die Errichtung von Staukanälen bzw. von Mischwasserrückhaltebecken sei nur eine Teilmaßnahme zur Verbesserung des Zustandes. Bereits diese ist mit erheblichen Kosten verbunden. Eine vollständige Verhinderung von Mischwasserabschlägen sei damit jedoch nicht erreichbar. Von 1889 bis Ende der 60iger Jahre des letzten Jahrhunderts seien in Magdeburg hauptsächlich Mischwasserkanäle gebaut worden. Dieses abwassertechnische Erbe sei eine hinzunehmende Tatsache. Die Hauptkanäle des Mischwassersystems hätten lediglich ein Speichervolumenvon circa 26 000 Kubikmeter. Die Schaffung eines kompletten Trennsystems, auch über sehr lange Zeit, ist aus technischen und betriebswirtschaftlichen Gründen nicht realistisch.

Die wirksamste Alternative: Regenwasser sei erst gar nicht zum Abfluss zu bringen. Deshalb werde seitens der AGM seit vielen Jahren gefordert, Regenwasser auf den Grundstücken zu bewirtschaften. Das heißt, Grundstückseigentümer sind angehalten, Flächen zu entsiegeln, das Regenwasser – wo möglich – vom Mischwasser zu entkoppeln, Niederschläge versickern und/oder verdunsten (z. B. auf Gründächern) zu lassen. Wo es dazu in dicht bebauten Gebieten keine Möglichkeiten gibt, müsse das Regenwasser zwischengespeichert und zeitverzögert in das Mischwassersystem eingeleitet werden.

▶ Welche Kosten würden dadurch entstehen?

Hier gehe es um Investitionen in Größenordnungen von weit über 100 Millionen Euro, die zusätzlich erforderlich sind. Diese müssten durch entsprechende Entgelterhöhungen finanziert werden. Inwieweit diese rechtlich durchsetzbar sind, kann nicht beantwortet werden. Zur Veranschaulichung ein Beispiel: Seit 2007 befindet sich der Altstadtsammler in Planung. Durch Schaffung von zusätzlichen Ressourcen im zentralen Mischwassernetz sollen insbesondere im Hochwasserfall Mischwasserüberflutungen im Bereich Zoo, Alte Neustadt, Materlikstraße, Petriförder und Schleinufer im Bereich Fürstenwallpark vermieden werden. Darüber hinaus werden die Mischwasserentlastungen in die Künette deutlich reduziert. Insgesamt wird durch das geschaffene Speichervolumen die jährliche Entlastungsmenge und -fracht in die Elbe reduziert. Ein erster Teilabschnitt auf einer Länge von 514 Metern kostete 2,3 Millionen Euro. Damit entlastet der Kanal die Künette und das gesamte Mischwasser werde nach einem Regenereignis dem Klärwerk zugeführt.

Der zweite Bauabschnitt von 1300 Meter und einem Speichervolumen von circa 7600 Kubikmeter sowie das dazugehörige Hochwasserpumpwerk kosten rund 25 Millionen Euro. Ein dritter Bauabschnitt im Bereich des Künettekopfes könnte ein zusätzliches Speichervolumen von 500 Kubikmeter aktivieren. Diese drei Investitionskosten sind durch die AGM allein nicht finanzierbar, hieß es weiter.

Nach Gesprächen mit den Ministerien gibt es für eine derartige Baumaßnahme generell keine Förderung. Das Projekt wurde daraufhin vorläufig „auf Eis gelegt“. Mit diesem Projekt für etwa 27 Millionen Euro könnte die in die Elbe eingeleitete Schmutzfracht reduziert werden. Zusammenfassend werde durch die AGM als Betreiber des Kanalnetzes nach jetziger Einschätzung festgestellt, dass eine zukünftige grundhafte Verbesserung der Situation von Mischwasserentlastungen in die Vorfluter ohne die Auflage eines gezielten, langfristigen und ausreichend mit Finanzmitteln ausgestatteten Fördermittelprogrammes zur Verringerung der Menge und Fracht bei Mischwasserentlastungen von Bund und Land nicht realistisch ist, sagte Umweltbeigeordneter Holger Platz.