Magdeburg l Seit Jahren schon pflegt Brigitte Müller ihre Eltern. Beide sind schwer krank und der Pflegeaufwand wird immer höher.

Nicht nur tagsüber benötigen sie Unterstützung, auch nachts wird es zunehmend schwierig. „Da klingelt dann nachts das Telefon, weil der Krankenwagen gerufen wurde oder weil einer von beiden nicht mehr von der Toilette ins Bett kommt“, erzählt Brigitte Müller von durchwachten Nächten.

Mit Pflege rund um die Uhr überfordert

Zum Glück wohnt sie in der Nähe und hat es nicht weit zu ihren Eltern. Schnell zieht sie sich in solchen Fällen an und eilt den Eltern zuhilfe. Das macht sie gern, sagt sie. Doch mit der Pflege tagsüber und auch nachts ist sie überfordert. Umziehen, zum Beispiel in ein betreutes Wohnen, wollen die Eltern nicht. Schließlich leben sie seit Jahrzehnten in der gleichen Wohnung. Sie zu verlassen, kommt für die beiden nicht infrage. Sie wollen so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden wohnen bleiben.

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Ihren richtigen Namen möchte sie nicht nennen. Denn ihre Eltern legen höchsten Wert auf Verschwiegenheit und möchten nicht, dass alle Welt von ihren Sorgen und Problemen weiß. Die Sorge galt beiderseits. „Meine Eltern haben sich auch um mich gesorgt“, sagt Brigitte Müller. Sie wissen, wie anstrengend die Pflege für ihre Tochter sein muss. „Irgendwann habe ich dann von der Nachtpflege erfahren. Und das war wirklich unsere letzte Rettung“, sagt Brigitte Müller.

Einzige Einrichtung in Sachsen-Anhalt

Bei der Einrichtung handelt es sich um die einzige dieser Art in Sachsen-Anhalt, wie Pressesprecher Sascha Kirmeß von der AOK bestätigt. Die Seniorat GmbH hat sie 2016 eingerichtet. Geschäftsführerin Natalia Kerner hatte die Idee dazu.

Das Angebot der neun Betten wird inzwischen schon gut genutzt. Etwa sechs Nachtgäste kommen regelmäßig in die Einrichtung, erzählt sie. Für wen diese Möglichkeit der Betreuung geeignet ist? „Für alle, die nachtaktiv sind oder sturzgefährdet“, sagt sie. Denn die Schwestern können sich auch nachts um die Senioren kümmern, wenn sie etwa Hilfe beim Gang zur Toilette benötigen. Und manchmal werden einfach auch die Karten herausgeholt und Rummikub gespielt, wenn Senioren nicht schlafen können, oder es wird einfach geredet. Auch das ist möglich.

Eltern leben in eigener Wohnung

„Für meine Eltern ist das die ideale Lösung“, sagt Brigitte Müller. „Wir haben uns die Einrichtung angesehen und waren alleman gleich begeistert“, sagt sie. Denn so wissen ihre Eltern, dass es auch für ihre Tochter eine Erleichterung ist. Außerdem können sie gleichzeitig auch in ihrer Wohnung bleiben. Die Eltern würden auch einmal etwas anderes sehen und hören, sich mit jemand anderem unterhalten und hätten so auch einmal ein anderes Thema als nur ihre Krankheiten. Die Familie nutzt das Angebot inzwischen vor allem dann, wenn einer der beiden Partner im Krankenhaus war.

In den ersten Nächten nach der Entlassung ist das ideal, schwärmt Brigitte Müller. Denn die Schwestern übernehmen auch pflegerische Leistungen, wie etwa einen Verbandswechsel oder reichen ihren Eltern die notwendigen Medikamente.

Waschen, Frühstück, Friseur

Aber nicht nur das: Auch gewaschen werden können die Senioren in der Einrichtung. Und am nächsten Morgen gibt es dann noch ein Frühstück und sogar ein Lunchpaket mit nach Hause, wenn die Betreuungszeit herum ist. Hin und wieder wird am Morgen auch gleich ein Termin beim Friseur oder bei der Fußpflege gelegt, für die entsprechende Fachkräfte in die Einrichtung kommen. Auf diese Weise bleibt den Pflegebedürftigen ein Weg erspart. Und auch für die Angehörigen ist das eine große Entlastung.

Durch die Nachtpflege können sie auch mal wieder zu einem Geburtstag oder ins Theater gehen, ohne sich ständig um die Eltern zu sorgen, weil sie sie in guten Händen wissen.

Hilfe für Angehörige Demenzkranker

Und: „Die Pflegebedürftigen kommen fertig nach Hause“, erklärt Natalia Kerner. Gerade bei Angehörigen, die demenzkranke Menschen pflegen, sei das eine Riesenerleichterung. Wofür die Angehörigen keine Ruhe haben, wie etwa die Senioren beim Frühstück ihr Brot allein schmieren zu lassen, auch wenn sie kleckern und dann wieder neu eingekleidet werden müssen, sind die Schwestern speziell ausgebildet. „Eigentlich sollen sie ja so viel wie möglich allein machen und wir wollen sie selbstständig halten“, sagt Natalia Kerner. Doch wer rund um die Uhr für seine Angehörigen sorgt, kann auch schon mal die Geduld verlieren und nimmt ihnen Aufgaben ab, die sie eigentlich noch allein meistern könnten. In ihrer Einrichtung wird dieser Gedanke mitverfolgt. Und die Angehörigen können sich auf diese Weise auch einmal wieder auf das Wesentliche konzentrieren: nämlich Zeit mit ihren Eltern zu verbringen, die endlich ist.

Nicht möglich ist allerdings, die Angehörigen sowohl tagsüber als auch nachts in die Einrichtung zu bringen. „In solchen Fällen wäre ein Pflegeheim angebrachter“, sagt Natalia Kerner.

Tagespflege häufiger als Nachtpflege

AOK-Pressesprecher Kirmeß berichtet, dass die Tagespflege nach den Erfahrungen seiner Kasse häufiger genutzt wird als die Nachtpflege. Das Angebot findet er dennoch gut. „Wie die Tagespflege ist auch die Nachtpflege eine Leistung der Pflegekasse und wird durch uns übernommen. Es ist gut, dass pflegende Angehörige auch Alternativen haben, um sich je nach Bedarf zu entlasten“, schreibt er auf Volksstimme-Nachfrage. Inwiefern Versicherte dieses Angebot nutzen wollen, obliege ihnen natürlich selbst.

Natalia Kerner bedauert, dass es nicht schon mehr solcher Einrichtungen in Sachsen-Anhalt gibt. Denn der Bedarf sei vorhanden. Aus einem Umkreis von bis zu 60  Kilometern werden Senioren zur Nachtpflege in ihre Einrichtung an der Hannoverschen Straße gebracht oder eben von einem Fahrdienst geholt. Es gibt bereits Überlegungen für eine weitere Einrichtung an einem zweiten Standort in Magdeburg. „Einige hätten unser Angebot gern in Anspruch genommen, wir mussten aber leider ablehnen, weil der Fahrtweg einfach zu weit war“, sagt sie. Die zweistündige Fahrt nach Salzwedel und zurück würde sich nicht lohnen.

Unwissenheit über Pflegeanspruch

Martin Lehwald sieht als Pflegebeauftragter der Stadtverwaltung noch ein anderes Problem: Häufig wissen Angehörige gar nicht so richtig, auf welche Leistungen sie Anspruch hätten und welche Möglichkeiten es überhaupt gibt. Die Nachtpflege sieht er als gute Ergänzung zur Tagespflege. „Für Menschen mit Demenz oder mit einem gestörten Tag-Nacht-Rhythmus ist das sicherlich eine Möglichkeit“, sagt er.

Auf der Internetseite der Stadtverwaltung gebe es einen kleinen Pflegewegweiser, der helfen kann. Zudem verweist er an das „Netzwerk Gute Pflege Magdeburg“. Diese Plattform sei nicht nur für Experten gedacht, sondern biete auch Betroffenen eine gute Möglichkeit, sich über die Pflege zu informieren.

Die Magdeburgerin Brigitte Müller ist jedenfalls zufrieden, „weil meine Eltern zufrieden sind“, wie sie sagt.