Magdeburg l Not und Verzweiflung sind unter den Schaustellern groß. So groß, dass sie den Magdeburger Weihnachtsmarkt trotz zu erwartender Umsatzeinbußen, die das neue Konzept mit sich bringen könnte, als letzen Rettungsanker sehen. „Selbst 20 Prozent Umsatz sind besser als nichts“, gibt Ralf Hedt zu verstehen. Der Vorsitzende des Vereins selbstständiger Gewerbetreibender, Markt- und Messereisender und Inhaber der „Glühweinpyramide“ erklärt: „Wir haben seit neun Monaten keine einzige Mark verdienen können – unverschuldet. Die letzte Hoffnung, die wir haben, ist der Weihnachtsmarkt.“ Und da sei die Variante eines räumlich ausgedehnten Marktes allemal besser als gar keiner.

Auch Dagmar Fischer, die alljährlich in ihrer Glühweinhütte den „Glümmel“ verkauft, sagt: „Keiner von uns stellt hohen Ansprüche, wir sind einfach froh, wenn wir aufmachen dürfen.“ Auch sie hat seit Ausbruch der Pandemie zu kämpfen, hat in den vergangenen Monaten in einem Strandbad gejobbt, um sich über Wasser halten zu können.

Wie es von den Besuchern angenommen wird, wenn der Weihnachtsmarkt nicht mehr zentral auf dem Alten Markt stattfindet, sondern sich dezentral bis zum Domplatz erstreckt, könne sie nicht einschätzen. Sie rechne damit, dass sie nicht annähernd an die Umsätze der vergangenen Jahre rankommen wird und es ein paar Ecken geben wird, die nicht funktionieren. Wo sie ihren Glühwein verkaufen darf, erfahre sie erst am 9. Oktober 2020.

Weihnachtsmarkt entlang der Lichterwelt

35.000 Quadratmeter stehen theoretisch zur Verfügung. Dabei soll sich der Weihnachtsmarkt vom Alten Markt über die Ernst-Reuter-Allee (vor dem Allee-Center), die Regierungsstraße (Bereich am Kloster Unser Lieben Frauen) zum Domplatz und der Lothar-Kreyssig-Straße (Bereich am Dommuseum) erstrecken - der Weg entlang der Lichterwelt. Und diese habe im vergangenen Jahr ja Tausende Menschen angezogen, sagt Dagmar Fischer und hofft, dass das Konzept funktioniert.

„So haben die Leute was zu entdecken“, meint auch Schausteller Hendrik Boos. Seine Familie betreibt unter anderem eine Glühweinhütte und ein Kettenkarussell. Auch er versucht das Positive an dem coronabedingten neuen Weihnachtsmarktkonzept zu sehen. „Alles ist besser als nichts“, sagt er. „Die Menschen können sich mehr bewegen.“ Durch das Auseinanderziehen werde es vielleicht auch entspannter. „Und durch das Partymusikverbot ist es nicht nur für die Standbetreiber und die umliegenden Anwohner angenehmer, es kann auch für eine schönere weihnachtliche Atmosphäre sorgen.“

Die Variante einer Besucherbegrenzung wäre für Hendrik Boos keine gute Lösung gewesen. Absperrungen, Schleusen – das sei wenig komfortabel für die Besucher. Außerdem: „Jede Einschränkung kostet Besucher. Am Ende muss es sich wirtschaftlich rechnen.“

Ordner für den Weihnachtsmarkt

Einschränkungen werde es dennoch geben. Die Gastronomen des Marktes sind angehalten, Ordner zu stellen, die das Einhalten der Abstandsregeln überwachen ­- unter der Woche ab 18 Uhr, am Wochenende ab 13 Uhr. „Technisch müssen wir nichts weiter nachrüsten“, erzählt Hendrik Boos. Vielmehr ginge es nun um die Abwicklung. Wie reicht man die Getränke raus? Wie organisiert man, dass keine Menschenansammlungen entstehen?

Fragen, mit denen sich Ingo Bumbke derzeit noch nicht im Konkreten beschäftigen kann. Der Geschäftsführer der Paganini Eventmarketing GmbH und Veranstalter des historischen Weihnachtsmarktes auf der Kaiser-Otto-Pfalz muss dieses Jahr komplett umdisponieren. Seinen historischen Weihnachtsmarkt kann er nicht stattfinden lassen. Nicht etwa, weil er das Einhalten der Hygiene- und Abstandsregeln nicht gewährleisten könnte, sondern weil es ein Kommunikationsproblem gegeben habe.

Bisher als eigenständiger Veranstalter aktiv, muss er nun unter dem Dach der Magdeburger Weihnachtsmarkt GmbH um Geschäftsführer Paul-Gerhard Stieger agieren. Einen historischen Weihnachtsmarkt soll es in abgespeckter Form in der Lothar-Kreyssig-Straße geben. Wie dieser aussieht, ist noch unklar. Ingo Bumbke müsse erst mit seinen Händlern reden, wer bereit ist, unter den gegebenen Konditionen überhaupt mitzumachen. Dennoch versucht er zuversichtlich zu sein und sagt: „Wir versuchen das Bestmögliche daraus zu machen.“