Hintergrund

Wissenschaftler und Opfer-verbände haben in den vergangenen Tagen bundesweit Sorge vor einem Anstieg von Konfliktsituationen in Familien und häuslicher Gewalt in Zeiten der Corona-Krise bekundet und die Politik zum vorsorglichen Handeln aufgefordert.

Der Verein Frauenhauskoordinierung appelliert an Länder und Kommunen, den Gewaltschutz für Frauen und Kinder auch in Zeiten der Corona-Krise zu sichern und das gerade vor dem Hintergrund, dass die Plätze in Frauenhäusern nicht nur in Magdeburg, sondern bundesweit unabhängig von der Krisensituation belegt sind.

Im chinesischen Wuhan, Ausgangsort der Krise, schnellten nach Angaben der Nichtregierungsorganisation „Weiping in Beijing“ die Hilferufe von Frauen aus der häuslichen Quarantäne in die Höhe (verdreifacht).

Auch in Italien stiegen die Fälle häuslicher Gewalt seit der Verhängung von Ausgangssperren stark an. In Spanien werden verheerende Einzelfälle (Tötungsversuche) mit der Isolation von Familien in Verbindung gebracht.

In Nordrhein-Westfalen fordern Politkerinnen von SPD und Grünen vor dem Hintergrund überfüllter Frauenhäuser die Anmietung von Hotelzimmern für von Gewalt betroffene Frauen und Kinder.

In Magdeburg setzen Opferverbände auf eine verstärkte Wegweisung der Täter aus dem häuslichen Umfeld, im Ernstfall in Obdachlosenunterkünfte.

Magdeburg l Sozialverbände und Wissenschaftler warnen bundesweit vor einem Anstieg der Fälle von häuslicher Gewalt in Zeiten der Corona-Krise. Im Magdeburger Frauenhaus sind alle Plätze belegt. Prügelnde Partner müssen verstärkt damit rechnen, die eigenen Wohnung verlassen zu müssen.

Die Sozialbeigeordnete Simone Borris versichert auf Nachfrage, dass die Stadtverwaltung das Problem einer „möglicherweise zunehmenden Überforderungssituation von Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder bei längerer Dauer der Schließung von Einrichtungen und weitreichender Einschränkungen im gesellschaftlichen Leben im Blick“ habe. Auch die mögliche Erhöhung von Gewalt in Familien und einhergehender Kindeswohlgefährdungen seien thematisiert.

2000 Familien auf Hilfe angewiesen

Amtliche Hilfe, unter anderem wegen Erziehungsproblemen, nach Trennung und Scheidung oder als Beistand in Form einer begleiteten Elternschaft, bekommen aktuell rund 2000 Magdeburger Familien. Sie sind schon außerhalb gesellschaftlicher Krisenzeiten in Bedrängnis und dürften aktuell – in Zeiten geschlossener Einrichtungen und weitgehender Isolation in den eigenen vier Wänden – umso mehr auf Hilfe angewiesen sein. „Wir haben vorbereitet, mit den Leistungserbringern Verabredungen zu treffen, wie Familien mit Erziehungshilfen angemessen unterstützt werden können“, so Borris. Maßnahmen im Zusammenhang mit Gewalt in der Familie würden außerdem „zeitnah mit dem Frauenhaus, der Frauenberatungsstelle und der Interventionsstelle in Zusammenarbeit mit der Gleichstellungsbeauftragten abgestimmt“.

„Nach den Erfahrungen anderer Länder und der dringend notwendigen Einschränkung des öffentlichen Lebens gehe ich von Krisensituationen auch im Bereich der häuslichen Gewalt aus“, sagt die Magdeburger Gleichstellungsbeauftragte Heike Ponitka auf Nachfrage der Redaktion, fügt aber hoffnungsvoll an: „Es wäre aber gut, wenn sich dieses nicht bestätigen würde.“ In Magdeburg sei das Angebot der entsprechenden Fachberatungsstellen zu Beginn der Jahres unabhängig von der Corona-Krise etwas erweitert worden, so Ponitka. Sie verweist auf eine ganze Reihe von Kontakt- und Notrufnummern, die teils rund um die Uhr kostenlos zur Verfügung stehen; zu finden unter frauen-magdeburg.de/notrufe. Wichtig, zum Beispiel im Fall mithörender und gewalttätiger Partner: Das Frauenhaus ist auch per E-Mail erreichbar.

Wegweisung aus der eigenen Wohnung

Aus Sicht von Ponitka müssten von Gewalt Betroffene in diesen Tagen verstärkt auf ihre Rechte gegenüber gewalttätigen Partnern hingewiesen werden, unter anderem auf deren Wegweisung aus der eigenen Wohnung. Nach dem Sicherheits- und Ordnungsgesetz (SOG) des Landes Sachsen-Anhalt, Paragraf 36, Absatz 3, können Polizei und die Ordnungsbehörden eine Person bis zu einer Dauer von 14 Tagen aus der Wohnung verweisen, „um eine von ihr ausgehende gegenwärtige Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit von Bewohnern derselben Wohnung abzuwehren“.

Auf diese Möglichkeit orientiert auf Diana Penk, Bereichsleiterin beim Rückenwind e. V., Träger des Magdeburger Frauenhauses. „Wenn die Plätze im Frauenhaus nicht ausreichen, müssen sich die möglichen Maßnahmen eben verstärkt auf die Täter konzentrieren.“

Frauenhaus komplett belegt

Tatsächlich ist das Magdeburger Frauenhaus aktuell und unabhängig von Krisenzeiten komplett ausgelastet. Für Mütter und Kinder stehen hier insgesamt elf Plätze zur Verfügung – alle belegt, der Normalfall.

„Wir sind eben im Ausbau begriffen und dürfen das Haus um vier Plätze aufstocken“, berichtet Penk. Allerdings habe eben die Corona-Krise und die mit ihr einhergehende Einschränkung des öffentlichen Lebens den Ausbau ins Stocken gebracht. „Das betrifft unter anderem dringend nötige Einrichtungsgegenstände, die wir aktuell nicht beschaffen könnnen“, so Penk.

Fakt: Auf einen Platz im Frauenhaus kann sich keine Magdeburgerin, die aktuell zu Hause in Not gerät, Hoffnung machen. Dafür umso mehr auf offene Ohren an den aufgestockten Beratungsstelefonen und auf einen robusten Umgang mit gewalttätigen Partnern in diesen Tagen. Zur Not müssten die halt ins Obdachlosenheim, sagt Penk.

Polizei noch ohne Erkenntnisse

Bislang hat die Polizei keine Erkenntnisse zu einem steigenden Gewaltaufkommen in Magdeburger Familien. Laut Polizeisprecherin Heidi Winter sind Aussagen „über Auswirkungen auf das Sozialverhalten der Bürger im Zuge der Kontaktbeschränkungen“ derzeit noch nicht möglich.