Magdeburg l Martin Müller und sein Akkordeon sind eine Instanz in der Magdeburger Kleinkulturszene. Der 36-Jährige spielt auf Familienfeiern, in Gaststätten und Galerien, auf Kleinkunst-, aber auch größeren Bühnen. Im Moment spielt Müller so gut wie gar nicht. Das Coronavirus kostet jeden Auftrag.

Knallhart unter Mindestlohn

Ja klar, er sei schon längst ausgeschlafen, sagt Martin Müller gestern gegen 9 Uhr auf Nachfrage am Telefon und setzt bitter nach: „Aber wozu?“ Die zur Eindämmung der Corona-Krise verordneten, tiefen Einschnitte ins soziale Zusammenleben haben für freie Künstler wie Müller von heute auf morgen katastrophale Auswirkungen: kein Cent Verdienst. Das ist nur leicht übertrieben. „Am Sonntag habe ich mich, sozusagen als wirtschaftliche Vorsorgemaßnahme, noch für ein paar Stunden zum Straßenkonzert auf die Magdeburger Sternbrücke gesetzt. Es war sogar ganz schön Betrieb. Ich habe 15 Euro eingenommen.“

Am vergangenen Freitag, den 13. (!), spielte Müller noch – vermutlich zum auf absehbare Zeit letzten Mal – in einer Buckauer Gaststätte auf. „Dafür muss ich mir auf Facebook schon Beschimpfungen gefallen lassen. Ob ich nur an mich denke und nicht an die Gesundheit der anderen.“

Pure Existenzangst

Tatsächlich sei er, sagt Müller, eigentlich ein ziemlicher Hypochonder, also einer, der sich bisweilen übertriebene Sorgen vor Erkrankungen mache. „Im Moment habe ich allerdings so gewaltige Existenzangst, dass für die andere Angst gar kein Raum bleibt.“

Es hagelt Absagen; Auftragslage auf null. Wie lange? Keiner weiß es so genau. „Ich bin es, wie viele freie Künstler, gewohnt, mit wenig Geld auszukommen. Im Schnitt verdiene ich rund 10.000 Euro im Jahr, für 2019 – das war ziemlich miserabel – weist meine Steuererklärung nur 8200 Euro Jahreseinkommen aus.“ Das schmale Salär, das ist Müller bewusst, ist für viele der Preis für ein selbstgewähltes Dasein zur Selbstverwirklichung. „Ich wollte immer das machen, was ich am besten kann“, sagt Müller, der in Magdeburg Industriedesign studiert hat. Musik und Kunst waren aber von jeher sein Leben, weshalb er seit 2010 ausschließlich davon lebt – wie viele seiner freien Künstlerkollegen und zu Normalzeiten durchaus klaglos. Sie leisten viel Arbeit für wenig Geld, aber beglückende Arbeit. Mit einem mehrwöchigen, womöglich mehrmonatigen Quasi-Auftrittsverbot hat keiner von ihnen kalkuliert.

Appell für ein Grundeinkommen

„Vielleicht bis Anfang Mai“, sagt Müller, könne er wirtschaftlich noch aufs Schmalste beschränkt durchhalten. Dann ist Ebbe. Was kann helfen? Müller: „Ich denke, das Einzige, was jetzt wirklich schnell und unbürokratisch helfen könnte, wäre das bedingungslose Grundeinkommen für alle. Das wird lange diskutiert. Der eine sagt, es funktioniert, der andere widerspricht. Wann, wenn nicht jetzt in dieser Krise, die ja viele mehr als uns Künstler existenziell betrifft, wäre eine gute Zeit, es auszuprobieren?“

Neben den wirtschaftlichen Sorgen müsse er Pöbeleien aushalten, sagt Müller. Leute würden ihm robust raten, doch mal richtig arbeiten zu gehen. „Wer weiß, vielleicht gehe ich auch irgendwann wirklich auf den Acker, aber dann will ich es wenigstens selbst entschieden haben.“ Solche Erlebnisse im Nacken, setzt Müller nicht unbedingt darauf, dass die Menschen über den Familien- oder Freundeskreis hinaus oder sogar über Ländergrenzen hinweg in der Krise solidarisch zusammenrücken. „Ich befürchte sogar das Gegenteil, eine weitere Spaltung. Aber ich hoffe, ich habe Unrecht.“