Magdeburg/Chester l „Man müsste mit Hilfe einer lokalen Zeitung nach dem Autor suchen“ – mit dieser Nachricht eines seiner Studenten beim Kurznachrichtendienst Twitter begann die Suche von Dr. Richard Millington. Gemeint ist der Verfasser eines Briefes, der ihm in seinen Vorlesungen zur Geschichte der DDR als Fallbeispiel dient – und vor 30 Jahren in Magdeburg aufgegeben wurde.

Brite interessiert an Geschichte der DDR

Millington lehrt an der Universität von Chester in Großbritannien Deutsch und Geschichte. „Wegen meiner Forschungsinteressen unterrichte ich auch die Geschichte der DDR – Gründung, Berliner Mauer, Alltag, Stasi, Mauerfall, Ostalgie - solche Themen. Ich zeige meinen Studenten diesen Brief aus Magdeburg und beschreibe die Untersuchung, um ihnen zu zeigen, wie die Stasi funktionierte. Der Brief ist eine sehr gute Quelle, weil es natürlich unmöglich für die Studenten ist, sich die Unterdrückung in der DDR vorzustellen“, erklärt er.

Die 40 Jahre DDR-Zeit sind sein Steckenpferd, in seiner Doktorarbeit befasste er sich mit Erinnerungen an den Aufstand vom 17. Juni 1953 in Magdeburg. „Ich wählte die Stadt, weil sie ein Zentrum des Aufstandes war und weil meine Doktormutter enge Verbindungen mit einigen Magdeburgern hatte, die mir mit meiner Forschung halfen“, berichtet er.

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Erinnerung an 1953

In einem Kapitel geht es um widerständiges Verhalten mit einer Verbindung zur Erinnerung an 1953. Der fragliche Brief wurde am 17. Juni 1988 abgeschickt. „Es war klar, dass das kein Zufall war“, sagt Millington. Zudem gibt es nicht nur den einen Brief. „Er war wie eine Einführung. Der Verfasser schrieb Seiten über Seiten über die gesellschaftlichen und politischen Probleme und entwarf sogar eine neue Verfassung. Er forderte auch die Wiedervereinigung“, erklärt er.

Laut der Stasi-Unterlagenbehörde, in der er in einer Akte abgeheftet ist, wurde der Brief am 17. Juni 1988 zwischen 14 und 19 Uhr im Stadtzentrum verschickt. „Er war direkt an Erich Honecker adressiert – kein Wunder also, dass die Stasi ihn abfing!“, meint Millington. Der (oder auch die) Verfasser nannte(n) sich „Komitee für Frieden für Einigkeit und Recht und Freiheit“ – „in Anlehnung an die westdeutsche Nationalhymne“, glaubt der britische Dozent.

Stasi hat Liste von Verdächtigen

Nach einer umfangreichen Untersuchung sei die Stasi zu dem Schluss gekommen, dass der Verfasser „wahrscheinlich männlich, über 40 Jahre alt und gebildet war“. Es gab auch Hinweise im Brief, dass der Verfasser gute Kenntnisse vom Justiz- und Regierungssystem hatte. Die Stasi hatte sogar eine Liste von Verdächtigen, aber diese Namen wurden in der Akte wegen des Datenschutzes geschwärzt. „Es gab keine Hinweise auf Verhaftungen oder das Schicksal des Verfassers. Die Liste mit den Namen war die letzte Seite der Akte. Ich weiß nicht, wie es weiterging“, sagt Richard Millington.

Für ihn und seine Studenten wäre es daher interessant herauszufinden, warum der Verfasser den Brief geschrieben hat, was seine Motivation war und ob er deswegen womöglich verhaftet wurde – schließlich war es noch über ein Jahr bis zum Fall der Mauer.

Dozent erforscht DDR-Geschichte

Doch warum wird eigentlich ein britischer Dozent Experte für DDR-Geschichte? „Ich habe Deutsch an der Universität von Liverpool studiert. Im letzten Jahr meines Bachelors hatten wir einen Kurs zur DDR-Geschichte. Das hat mich unheimlich interessiert - die Politik, die Stasi, das alltägliche Leben. In einer Stunde ging es um den Aufstand, und ich fand es einfach spannend“, erinnert er sich. Dieses Interesse hatte schließlich zu seiner Doktorarbeit geführt. Heute forscht er immer noch über die Geschichte der DDR, sein Hauptthema ist mittlerweile die Kriminalität damals.

Nun sind die Volksstimme-Leser gefragt. Erkennen Sie sich selbst als Verfasser des Briefs wieder oder wissen Sie vielleicht, wer ihn damals geschrieben hat? Melden Sie sich unter Tel. 0391/5999-547 oder schreiben Sie eine E-Mail an stefan.harter@volksstimme.de. Richard Millington und seine Studenten sind gespannt auf die Geschichte hinter dem Brief.