Magdeburg l Idee gut, Umsetzung mangelhaft. So könnte man das Dilemma mit den sogenannten Sichtfenstern im Domplatzpflaster kurz zusammenfassen. Sie verdienten ihren Namen niemals so recht. Der neugierige Passant hat alles andere als freie Sicht auf die rund 3000 Jahre alte Feuerstelle und die etwa 1000 Jahre alten Grabreste, die hier gefunden wurden. Das Glas ist ständig beschlagen. Deshalb plante das Baudezernat die Verfüllung der 2003 für 50.000 Euro angelegten Gucklöcher – ohne Debatte. Daraus wird nun nichts, denn der Stadtrat bekam Wind vom Plan. CDU-Rat Andreas Schumann machte ihn zur jüngsten Sitzung in einer Anfrage an die Verwaltung öffentlich.

Schumann verweist auf die aktuellen und teuren Bestrebungen, die Stadtgeschichte erlebbar zu machen (Beispiel Dommuseum), deren probate Ergänzung durch den Blick auf die wertvollen Fundstücke unterm Domplatz, die Kosten und fragt schließlich fast ungläubig, ob der Plan zur Verfüllung der Sichtfenster wirklich ernst gemeint sei. Ihm ist vielmehr an ihrer Ertüchtigung gelegen, auf dass Passanten wirklich Durchblick bekommen.

Der Baubeigeordnete Dieter Scheidemann (parteilos) bestätigt und verteidigt die Abschiedspläne. „Wir wollten mit der Verfüllung eigentlich schon am 6. März beginnen.“ Die Sichtfenster erfüllten schlicht ihre Funktion nicht. „Wir haben uns lange Gedanken gemacht, wie wir verhindern können, dass die Scheiben ständig beschlagen.“ Die alternative Abdeckung der Fundstücke mit einem offenen Stahlgitter sei wegen Statikproblemen und der großen Verschmutzungsgefahr verworfen worden. Eine verbesserte Belüftung der Schächte bedürfe wiederum zu viel Platz, der den Straßenraum zu sehr einenge. „Schon jetzt haben Busse und Versorgungsfahrzeuge große Probleme und müssen sehr zirkulieren. Die Poller an den Sichtfenstern sind regelmäßig beschädigt“, so Scheidemann. Für Großveranstaltungen auf dem Domplatz herrscht regelmäßig starker Transporterbetrieb vor Ort.

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Kondenswasser setzt Fundstücken zu

Weiteres Problem: Das Kondenswasser, das sich permanent in den Schächten bildet und auf die Fundstücke hinabrinnt, wirke auf die Dauer zersetzend, so dass auch Archäologen eine Konservierung bevorzugten, so Scheidemann. Die historische Grabstelle – zur Bergung zu fragil – soll dazu wieder mit Erde bedeckt werden. Die bronzezeitliche Feuerstelle könnte geborgen und der Öffentlichkeit in einem Museum zugänglich gemacht werden. „Dann aber in Magdeburg und nicht in Halle“, forderte Schumann unter dem Beifall seiner Ratskollegen vorsorglich. Allerdings hat die Stadt darauf kaum Einfluss, denn archäologische Funde sind Landesbesitz. Das Landesamt für Archäologie (Sitz in Halle) hat die Sicherungspflicht und zugleich Verfügungsgewalt.

So weit ist es aber noch nicht, denn vorerst – das erklärte Scheidemann am Montag auf Nachfrage – ist die geplante Verfüllung der Sichtfenster gestoppt. „Wir wollen nun zunächst die Ratsdebatte über den Antrag aus dem Kulturausschuss abwarten.“

Kulturausschuss fordert Erhalt der Fenster

Der Ausschuss hat sich auch bereits mit dem Thema befasst, erklärte der Ausschussvorsitzende Oliver Müller (Linke). „Wir sprechen uns einstimmig für den Erhalt der Sichtfenster aus.“ Der entsprechende Antrag des Ausschusses wird voraussichtlich im März im Stadtrat behandelt.

Im Stadtrat zeichnet sich nach Schumanns Empörung und Müllers Bekenntnis für den Kulturausschuss eher keine Mehrheit für die Ad-hoc-Verfüllung der Gucklöcher ab. Zu Wort meldete sich in einer persönlichen Erklärung auch der Grüne Sören Herbst. „Mir fehlt das Verständnis für die geplante Maßnahme. Wir haben es hier mit zwei sehr wertvollen und originellen Punkten auf dem Domplatz zu tun. Ja, man kann die im Moment nicht sehen, aber die Schlussfolgerung kann doch nicht sein, diese jahrtausendealten Artefakte einfach zuzuschütten!“

Scheidemann gibt sich vorerst geschlagen: „Wir warten erst mal ab, aber warum sollen wir etwas erhalten, das nicht funktioniert?“ Eine praktikable Idee zur Abhilfe gegen die Nässe im Guckloch stehe aus.