Magdeburg l Ein Löwe ist quer durch die Stadt gereist. Grund zur Besorgnis bestand zu keinem Zeitpunkt: Es handelte sich um kein entlaufenes Tier aus einem Zirkus oder einem Zoo, sondern um ein einheimisches Exemplar aus Kalkstein. Eine Fachfirma hat den bislang im Lapidarium an der Salbker Kirche aufgestellten Löwen aus Stein in die Nähe seines ursprünglichen Standorts gebracht. Er befindet sich im Bereich der Anna-Ebert-Brücke, unweit seines eigentlichen Standorts auf der Nordwestseite der Brücke.

Haiko Schepel leitet die Sanierung der Brücke seitens der Landeshauptstadt und erläutert: „Ziel ist es, die drei noch vorhandenen Löwen zu deren weiteren Bearbeitung auf der Baustelle zusammenzuführen.“ Geschaffen werden soll also eine Art kleiner Löwenzoo auf dem Werder. In diesem soll auch der bis ins vergangene Jahr letzte vorhandene Löwe von der Nordostseite der Brücke einen Platz finden. Er ist witterungsgeschützt unter einem Gewölbe der Brücke untergebracht worden. Die Steinmetze der Bauhütte Naumburg haben inzwischen seine Oberfläche gefestigt, damit er unter anderem beim Umsetzen keinen Schaden nimmt.

Dritter Löwe kommt später

Dritter im Bunde wird vorerst der Löwe von der Südwestseite der Brücke sein. Dieser befindet sich derzeit noch im Bauhof Nord des städtischen Tiefbauamts unweit der Pettenkoferbrücke. Wann er zum Werder ziehen soll, ist noch nicht klar. Eigentlich hatte dieser Löwe auch schon gestern umziehen sollen – dann hatte sich aber herausgestellt, dass er so fest auf dem Sockel auf dem Bauhof befestigt ist, dass er nicht einfach so abgeholt werden kann.

Bilder

Die Versammlung der drei Löwen unter dem Gewölbebogen der Brücke ist zunächst ein Provisorium, an dem sie für Passanten nicht einzusehen sind. Doch es gibt Überlegungen, für die Skulpturen einen Standort zu suchen, an dem sie von der Brücke aus oder von einem Weg im Umfeld sichtbar sind, bevor sie im Zuge der abschließenden Etappe der Brückensanierung in einigen Jahren ihren Platz auf der Brücke wieder erhalten.

Der Grund für den Umzug: Bis auf den Löwen vom Bauhof, der sich in einem guten Zustand befindet, müssen die Löwen wieder restauriert werden. Und mehr noch, der vierte Löwe soll nach dem Vorbild der noch vorhandenen Löwen neu erstellt werden. Hagen Rühlmann von der Bauhütte Naumburg erläutert: „Wenn die vorhandenen Skulpturen vor Ort sind, erleichtert das den Steinmetzen die Arbeit.“ Ein Blick aufs Original macht es leichter zu erkennen, wie die Bildhauer im 19. Jahrhundert mit dem Material umgegangen sind, als aufwendig auf Schwarz-Weiß-Aufnahmen nach den entsprechenden Spuren zu suchen. „Ziel ist es ja, dass die neuen und die restaurierten Skulpturen wirken, als wären sie aus einer Hand geschaffen“, berichtet Restauratorin Corinna Grimm-Remus.

Nichts verfälschen

Dabei geht es nicht darum, die Objekte wie neu wirken zu lassen. „Man sollte den Kunstwerken auch ansehen können, welche Geschichte sie hinter sich haben.“ Es müsse darum gehen, das vom Original zu erhalten, was noch vorhanden ist, das Objekt dabei aber nicht zu verfälschen. Auf der anderen Seite ist es wünschenswert, dass beispielsweise beim Löwen aus Salbke das Gesicht wieder erkennbar wird. Eine Gratwanderung ist dies allemal.

Im Falle des Löwengesichts der aus Salbke herbeigeschafften Figur wird deutlich, dass dies eine Arbeit für Fachleute ist: Der saure Regen der vergangenen Jahrzehnte hat das Gesicht zerfließen lassen. Statt dessen blüht an einigen Stellen der von Ruß geschwärzte Gips, der bei der Reaktion der Säure mit dem Kalk entstanden ist, wie in kleinen Blumenkohlröschen. In der Mähne sind keine Strähnen mehr zu erkennen – wenn man einmal von einigen Moosbüscheln auf dem Schopf absieht, die allerdings weder vom Bildhauer noch vom Restaurator gewünscht sein dürften.

„Wo es notwendig ist, wird dabei ein Ersatzmaterial aufgetragen“, berichtet die Restauratorin. Dieses habe sich an vielen Stellen bewährt. Zudem könne eine Schutzschicht aufgetragen werden, die optisch den Kalkstein nicht verändert, die ihn aber vor Verwitterung schützt.