Corona

Digitaler Impfpass aus Magdeburg

Eine Magdeburger Firma hat eine kostenlose Software für den digitalen Impfpass entwickelt. Im Einsatz ist er derzeit unter anderem in einem bayerischen Landkreis.

Von Ivar Lüthe
Martin Behmann, Geschäftsführer des Magdeburger Dienstleisters Alive Service und Entwickler eines digitalen Impfpasskonzepts, zeigt einen QR-Code zur Überprüfung des Covid-19-Impfzertifikats.
Martin Behmann, Geschäftsführer des Magdeburger Dienstleisters Alive Service und Entwickler eines digitalen Impfpasskonzepts, zeigt einen QR-Code zur Überprüfung des Covid-19-Impfzertifikats. Foto: dpa

Magdeburg - Vergangenen Freitag ist Martin Behmann nach Ebersberg in Bayern gereist. Im dortigen Impfzentrum hatte er einen Termin. Allerdings keinen Impftermin. Der 64-Jährige ist Geschäftsführer des Magdeburger Unternehmens Alive Service. In Ebersberg traf er sich mit Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU). Der ließ sich zeigen, wie das mit dem digitalen Impfpass aus Magdeburg vor Ort funktioniert.

Im Landkreis Ebersberg geimpfte Bürger haben seit Mitte April die Möglichkeit, sich neben dem gelben Heftchen auch einen digitalen Impfpass ausstellen zu lassen. So können sie beispielsweise über das Smartphone ihren Impfstatus nachweisen und zurückgewonnene Freiheiten nutzen.

Entwickelt hat Behmanns Unternehmen die Software in kurzer Zeit. Im Familienkreis kam am Nikolaustag vergangenen Jahres das Gespräch auf den noch fehlenden digitalen Impfpass in Deutschland. Und Behmann sagte sich: „Dann müssen wir das eben selbst in die Hand nehmen“.

Dienstleister für Krankenkassen

Fachfremd ist der Unternehmer nicht. Seine Firma ist seit acht Jahren auf dem Gebiet von medizinischen Daten unterwegs, bietet unter anderem Dienstleistungen für den Backoffice-Bereich von 35 Krankenkassen, sagt Behmann. Entsprechend hohe Standards und Anforderungen zum Datenschutz sei man also gewohnt, bevor man die Erlaubnis erhält, solche sensiblen Daten zu speichern und zu verarbeiten, sagt der Unternehmer.

Eine halbe Million Euro hat er nach eigenen Angaben investiert, um die Software für den digitalen Impfpass zu entwickeln. Dafür hat er sich Tipps zum verbesserten Datenschutz vom TÜV Nord und Zertifizierungsunternehmen geholt, wie er sagt. Herausgekommen ist der „Alive Digital Health Pass“.

Das Programm besteht aus drei Komponenten. Im sogenannten Backend, das im Hintergrund läuft, dürfen nur autorisierte Stellen wie Impfzentren oder Ärzte Daten eintragen. Sie erfassen unter anderem, ob es sich um eine Erst- oder Zweitimpfung handelt, dazu kommen Impfdatum, Impfstoff und die Chargennummer des Impfstoffes. Die Daten werden an die Nummer vom Personalausweis oder Reisepass des Geimpften gekoppelt.

QR-Code wird alle 60 Sekunden erneuert

„Damit sind die sensiblen Daten an eine weltweit einmalige Information geknüpft. Das Einzige, was wir abspeichern zum digitalen Impfpass, ist die Personalausweis- oder Reisepassnummer, mehr speichern wir nicht ab“, sagt Behmann.

Teil zwei des Systems ist ein zertifiziertes Rechenzentrum, in dem die Daten gespeichert werden.

Teil drei ist der Nutzerbereich: Der Bürger kann seinen Impfnachweis über eine Browseranwendung abrufen. Somit funktioniert der Abruf von jedem internetfähigen Gerät, so Behmann.

Um Zugang zum Nachweis zu bekommen, müssen sich Nutzer ein Konto anlegen. Dazu müssen sie eine E-Mail-Adresse angeben und ein Passwort wählen. Danach werden Personalausweis- oder Reisepassnummer, Tag der Impfung und Impfort eingegeben. Dann können sich die Nutzer entweder ihren detaillierten digitalen Impfnachweis herunterladen oder einen QR-Code als Nachweis ihres Impfstatus nutzen.

Den QR-Code können Gastronomen, Geschäftsinhaber oder Kontrolleure an Grenzen und Flughäfen mit derselben Software scannen und bekommen sofort die entsprechende Information zum Impfstatus. Zur zusätzlichen Sicherung wird der QR-Code alle 60 Sekunden automatisch neu generiert. So soll Missbrauch mit kopierten QR-Codes oder Screenshots ausgeschlossen werden. Mit dem detaillierten digitalen Impfzertifikat geht es aber auch ohne Scanner.

10.000 Impfnachweise heruntergeladen

Bis Ende dieser Woche will das Magdeburger Unternehmen neben dem Impfnachweis noch den Nachweis für PCR-Tests in das System aufnehmen, bis Ende nächster Woche auch den Status für Genesene.

Die Software ist kostenlos. Sowohl für die Impfzentren oder Ärzte als auch für die Nutzer. Zudem sei sie kompatibel mit dem kommenden EU-weiten digitalen Impfpass-System, so Behmann.

Mehr als 10.000 digitale Impfpässe sind nach Unternehmensangaben bisher von Bürgern heruntergeladen worden. Mehr als 500 Arztpraxen in Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen arbeiten mittlerweile mit der Software, sagt der Unternehmer.

Dass der digitale Impfpass aus Magdeburg nicht noch stärker genutzt wird, liegt laut Behmann daran, dass er noch nicht bekannt genug sei. „Wir sind noch zu unbekannt und stoßen oft auf Skepsis, dass so ein kleines Unternehmen wie wir mit 63 Mitarbeitern bereits ein funktionierendes System für den digitalen Impfpass entwickelt hat, während andere noch längst nicht so weit sind“, meint Behmann.

Mit dem Bundesgesundheitsministerium, das über ein Konsortium mit dem Technologiekonzern IBM bis zu den Sommerferien einen digitalen Impfnachweis namens „CovPass“ entwickeln lassen will, hat der Magdeburger Unternehmer schon vor einer Weile Kontakt aufgenommen. Aber von dort habe es nur geheißen: „Wir schauen uns das mal an“. Passiert sei aber nichts. Behmann kann das nicht verstehen: „Wir haben ein fertiges System, das sicher ist und nichts kostet. Das ist so typisch deutsch. Kleine innovative Unternehmen haben es schwer. Und in der Zwischenzeit überholen uns andere Länder.“

Aber warum bietet Behmann sein digitales Impfpasskonzept kostenlos an? „Mir war von vornherein klar, dass es nur funktioniert, wenn es kostenlos ist. Außerdem sehe ich es als Investition, um meine Firma und deren Lösungen bekannter zu machen“, sagt er.

Im Landkreis Ebersberg hat man mit dem digitalen Impfpass aus Magdeburg bislang gute Erfahrungen gemacht, sagte eine Sprecherin des Landkreises gestern auf Nachfrage.

Der Münchner Kurier berichtete gar davon, dass das Interesse an dem digitalen Impfpass derart groß gewesen war, dass die Hotline des Impfzentrums anfangs unter dem Ansturm der Interessenten zusammenbrach. Bayerns Gesundheitsminister hingegen sprach sich für eine bundeseinheitliche Lösung aus.

Die Landeshauptstadt Magdeburg strebt bei dem Thema keine eigene Lösung an, wie es auf Nachfrage hieß. „Bezüglich der Einführung eines digitalen Impfpasses wird das Magdeburger Impfzentrum zu einem Modellimpfzentrum des Landes. In ein bis zwei Wochen soll das Modellprojekt beginnen“, so Impfstableiterin Simone Borris.