Magdeburg l „Wir fühlen uns hier nicht, als wäre Corona“, sagt Laudien Liedtke beim Blick auf die Lichterwelt auf dem Domplatz. Zwischen den Leucht- elementen sind zahlreiche Menschen unterwegs – Eltern mit ihren Kindern, die aufgeregt durch die Lichterwelt laufen, Senioren, die mit glänzenden Augen die Kugeln und Pferde bestaunen, Pärchen und Jugendliche, die Selbstporträts mit dem Handy aufnehmen, Magdeburgs bekanntester Straßenmusiker, Matthias Marggraff, spielt Cello, in Gruppen stehen Menschen zusammen, essen, trinken Glühwein. An Abstand scheinen an diesem Sonnabendnachmittag die wenigsten zu denken. Viele Menschen sind ohne Maske unterwegs. „Ich finde, das widerspricht den Corona-Beschränkungen“, sagt Liedtke, die sich mit ihrer Familie abseits des Trubels im Bereich der Grundriss-Mauern der früheren Basilika aufhält. Dort sollen Speisen verzehrt werden, das ist auf großen Plakaten zu lesen. Viele nehmen diese Plakate aber gar nicht wahr, essen nur wenige Meter von den Buden entfernt ihre Leckereien. Dabei wird in regelmäßigen Abständen auch über eine Lautsprecher-Durchsage auf Verhaltensregeln und Abstandsgebote zum Schutz aller aufmerksam gemacht.

Eine ältere Angehörige von Laudine Liedtke ist aufgebracht, dass viele Menschen keine Mund-Nasen-Bedeckung tragen. Außerdem ist sie besorgt, weil der Glühwein in Gläsern gereicht wird. Sie befürchtet, dass sich Menschen dadurch mit dem Coronavirus anstecken könnten. Auch wenn es nicht im Sinne des Umweltschutzes sei, wäre ihr wohler, der Glühwein würde in Pappbechern ausgeschenkt.

Es seien viel mehr Menschen unterwegs, als Ines und Eberhard Piehler aus Beyendorf erwartet hätten. „Wir fragen uns, ob Oberbürgermeister Lutz Trümper das alles auch genehmigt hätte, wenn er das gewusst hätte“, sagt Ines Piehler. Das Paar würde sich bemühen, Abstand zu anderen zu halten, aber das werde mit zunehmender Dunkelheit immer schwieriger, weil immer mehr Menschen auf den Domplatz kommen. Die Eheleute fühlen sich im Zwiespalt, denn die Lichterwelt sei eine schöne Sache, von der sie sich auch selbst beeindrucken lassen.

Polizei und Ordnungsamt vor Ort

Ein Auto der Polizei steht am Rande des Domplatzes. Auch das Ordnungsamt ist mit zwei Einsatzfahrzeugen vor Ort. Eine Streife des Ordnungsamtes zu begleiten, sei nicht möglich, hatte Stadtpressesprecher Michael Reif am Freitag auf Volksstimme-Nachfrage erklärt. Auch Ergebnisse der Kontrollen am Wochenende könne er erst am Montag zur Verfügung stellen.

Die Polizei erklärt gestern auf Nachfrage, dass erhöhtes Personenaufkommen in der Lichterwelt gegeben habe, Sanktionen aber nicht. Polizei und Ordnungsamt würden versuchen, kommunikativ auf die Menschen einzuwirken und auf diese Weise größere Menschenansammlungen zu verhindern. Hier gelte das Maß der Verhältnismäßigkeit, erklärte der Einsatzleiter des Polizeireviers Magdeburg. Die meisten Gruppen scheinen familiär unterwegs zu sein, lautet die Einschätzung der Polizei.

Security-Personal ist ebenfalls unterwegs in der Lichterwelt. Dass Menschen an die Maskenpflicht und den Verzehr von Speisen erst in 50  Meter Entfernung hingewiesen werden, ist nicht zu beobachten. Und auch die Mitarbeiter des Ordnungsamtes der Stadt sind in der Menge nicht zu sehen.

Kein Platz zum Ausweichen

Den Abstand direkt in der Lichterwelt dauerhaft einzuhalten, ist gegen 17 Uhr fast nicht mehr möglich. Im Vorbeigehen werden sie immer wieder unterschritten. Und wer sich wendet, um Ausschau nach einer Ausweichmöglichkeit zu halten, wird nicht mehr fündig.

Aus Minden ist am Wochenende Elke Busse nach Magdeburg gekommen. Ihre Freundin weilt derzeit zur Kur in der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt. Die zweieinhalbstündige Fahrt nahm Busse gern auf sich, um die Freundin zu besuchen. Die Lichterwelt gefiele ihr gut, erzählt sie beim Blick auf das Treiben. Schade, dass es nicht mehr Buden gebe, sagt sie. Aber das sei ja wegen der Corona-Pandemie nicht möglich.

Viele winken, von der Volksstimme angesprochen auf die Lichterwelt und Corona, gleich ab. Andere wollen namentlich nicht genannt werden. „Der Geruch ist wie auf dem Weihnachtsmarkt“, sagt eine Mutter, die mit Mann und Tochter vor einer der großen Kugeln gerade ein Bild aufgenommen hat. „Wir sind hergekommen, um ein paar schöne Fotos zu machen“, sagt sie. Die Familie versuche den Abstand zu anderen zu wahren, wenn es enger wird, wollen die drei Masken aufsetzen. An den Ständen würden sich die Familienmitglieder aber nicht anstellen, aus Sorge, sich vielleicht anzustecken. So hat in der Lichterwelt jeder seinen eigenen Weg, mit der Situation umzugehen.