Magdeburg l Klar: Wer Stadtmarketing betreibt, verkauft seine Stadt als die Kommune, in der es sich so gut leben, arbeiten und studieren lässt wie an keinem anderen Ort weit und breit. Dass Magdeburg inzwischen über Anziehungskraft verfügt, gab es jetzt schwarz auf weiß: In der Studie im Auftrag der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) vom Forschungsinstitut Empirica erstellt wurde. Dort nämlich hat es Magdeburg erstmals in die Liste der Schwarmstädte geschafft, während bis auf Halle alle anderen Regionen Sachsen-Anhalts mit einem Schrumpfungsprozess klarkommen müssen (Seite 6).

Zur Schwarmstadt wird eine Stadt, wenn sie auf junge Menschen anziehend wirkt. Die Wissenschaftler messen das über sogenannte Kohorten. In diesen werden Menschen eines Altes zusammengefasst, und es wird beobachtet, was diese Menschen tun. Bezüglich der Zuzüge wird beispielsweise die Differenz der 20-Jährigen in einer Stadt mit den 25-Jährigen fünf Jahre später ermittelt. Da es sich um die gleiche Personengruppe handelt, zeigt ein Anstieg bei den 25-Jährigen, dass die Stadt offenbar für diese Altersgruppe von hohem Interesse ist.

Jahrgänge werden verglichen

Die Empirica-Forscher haben in diesem Zusammenhang verglichen, wie viel Menschen im Alter von 15 bis 20 Jahren in einer Stadt oder einem Landkreis lebten und wie groß diese Gruppe war, als die jeweiligen Menschen das Alter von 30 bis 35 Jahren erreicht hatten. Ein Wert von 100 wird angenommen, wenn die Zahl der Menschen der Gruppe gleich geblieben ist, bei einem Wert von 200 hat sie sich verdoppelt. Dann bezeichnen die Wissenschaftler eine Stadt als Schwarmstadt.

Betrachtet wurde in der Ende vergangenen Jahres vorgelegten Studie die Jahre bis 2015. Bis 2014 hatte Magdeburg noch unter einem Wert von 200 gelegen. Jetzt ist sie mit 22 anderen Städten in die Liste der Schwarmstädte aufgerückt, in der kein Landkreis enthalten ist. Magdeburg liegt mit 258 gleichauf mit Köln auf Platz 22. Ganz hinten liegen Flensburg, Bayreuth, Kempten, Rosenheim und Oldenburg mit einem Wert von 203.

Attraktive Unternehmen und Hochschulen

Magdeburgs Wirtschaftsbeigeordneter Rainer Nitsche ist von der Entwicklung begeistert: „Eine wichtige Rolle bei dieser Entwicklung spielt die Attraktivität von Unternehmen und Hochschulen in Magdeburg.“ Und sehr wichtig sei es auch, die Vorzüge der Stadt nach außen zu tragen – Standortmarketing eben.

Das ist es aber nicht allein. Die Wissenschaftler von Empirica sehen im Schwarmverhalten der Menschen eine Spätfolge der demografischen Entwicklung. Die ersten Schwärmer waren die Geburtsjahrgänge ab Mitte der 1970er Jahre, die in den 2000ern 30 Jahre alt wurden und sich deutlich anders verhielten als ihre Vorgänger fünf oder zehn Jahre zuvor. Die Geburtsjahrgänge seit dem Pillenknick sind dünn besetzt und damit praktisch überall zu einer Minderheit geworden, heißt es in der Studie.

Schwarm hilft bei der Suche nach Partnern

Dieser Minderheitenposition könne aber durch eine „Zusammenrottung“ begegnet werden. Die Orte dafür sind die Schwarmstädte, in der dann die Dichte der potenziellen Freunde und Partner hoch ist und die Alltagsumgebung vielfältig, urban und jung und damit „hip“ ist. „Kurz: die Anwesenheit anderer junger Menschen ist die Hauptattraktivität der Schwarmstädte“, heißt es in der Empirica-Studie weiter.

Um eine Schwarmstadt zu werden, reicht es übrigens nicht allein, über eine ausreichende Einwohnerzahl zu verfügen. Und auch eine Universität macht keine Stadt automatisch zu einer solchen Kommune, die die jungen Menschen anzieht: Wie in den vergangenen Jahren sind so die Großstädte im Ruhrgebiet und Bremen keine Schwarmstädte.

Hintergrund der Analyse für die KfW ist die Frage, wie sich die Nachfrage nach Wohnraum in den verschiedenen Regionen Deutschlands entwickeln wird. Interessant ist dies für die Zukunft beispielsweise für jene, die Wohneigentum verkaufen oder erwerben möchten, aber auch für Wohnungsunternehmen mit Blick auf ihre Investitionen, aber auch für weitere Bereiche der Wirtschaft – sei es der Handel bezüglich seiner Investitionen oder Industrie und Handwerk, wenn es um die Suche von Mitarbeitern geht. Weniger erfreulich für den Mieter: Aufgrund einer höheren Nachfrage können auch die Mietpreise steigen.