Magdeburg l In seiner Heimat hatte er ein eigenes Textilgeschäft und war auf dem Weg zum Informatiker. Anfang des Jahres flüchtete der 30 Jahre alte Amer vor Krieg und Hoffnungslosigkeit aus Syrien. „Ich bin von der Türkei über das Meer mit dem Schlauchboot nach Europa gekommen“, erzählt er. Anschließend schlug er sich wie Tausende über mehrere Länder nach Deutschland durch. Hier kam er vor sieben Monaten an. Inzwischen lebt er in Olvenstedt in einer Flüchtlingsunterkunft. „Ich fühle mich hier willkommen und akzeptiert, dafür bin ich sehr dankbar“, sagte der Syrer gestern bei einem Treffen unterm Tannenbaum des Olvenstedter Willkommensnetzwerks.

Aber der ledige junge Mann hat wie viele Flüchtlinge ein großes Problem: „Ich darf hier in Deutschland nicht arbeiten.“ Der Grund: Er kann keine Ausbildung nachweisen. Dabei würde der 30-Jährige, wie er erklärt, lieber heute als morgen eine Arbeit annehmen, um selber seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Ärger um Sprachkurse

Kirsten Sieber, die sich mit dem Verein Blickwechsel im Olvenstedter Willkommensnetzwerk für Flüchtlinge wie Amer einsetzt, kennt solche Probleme zuhauf: „Wir verzeichnen vermehrt Männer unter den Flüchtlingen, die wegen Depressionen in Behandlung sind.“ Schließlich seien sie durch Krieg, Verfolgung und Flucht oft traumatisiert und hier in Deutschland zum Nichtstun verdammt. „Gleichzeitig nehmen Angebote im Bereich der Schwarzarbeit zu“, sagt die Lehrerin, die sich in ihrer Freizeit mit zahlreichen Mitstreitern in der Flüchtlingshilfe stark engagiert. Flüchtlinge aus Afghanistan plagen aktuell noch andere Sorgen, die ihnen die Integration sehr erschweren, wie Olvenstedts Stadtteilmanager und Netzwerkmitglied Stefan Köder in der Kaffeerunde mit dem Minister berichtet: Afghanische Teilnehmer seien aus offiziellen Sprachkursen schlichtweg rausgeworfen worden. „Für neue Kurse, die ausgeschrieben sind, können sie sich nicht anmelden, weil Afghanistan zwischenzeitlich als scheinbar sicherer Herkunftsstaat eingestuft wurde und die Geflüchteten keinen Aufenthaltstitel bekommen.“ Das sei „ein riesiges Problem“, sagt Köder. „Wie sollen sie sich integrieren?“ Gerade hier hilft aber auch das Netz. Es bietet für Flüchtlinge freiwillige Sprachkurse an, die die Wartezeit bis zur Anerkennung überbrücken helfen.

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"Arbeit ist wichtigste Integration"

Norbert Bischoff, der in der Landesregierung auch Integrationsminister ist, zeigt sich indes überrascht: „Nach meinen Informationen werden die Sprachkurse für alle angeboten. Ich bin dafür, dass alle, Deutsch lernen, alle, die hier sind, Sprachunterricht nehmen können, egal ob sie hierbleiben oder wieder gehen müssen.“ Dafür will sich Bischoff einsetzen, verspricht er in Olvenstedt. Für die Probleme mit der Anerkennung von Berufsabschlüssen und neue Ausbildungsmodelle, womöglich berufsbegleitend, arbeite sein Ministerium ebenfalls an Lösungen: „Arbeit ist die wichtigste Integration überhaupt“, so Bischoff. Deshalb müsse sie „möglichst sofort und gleich“ möglich sein. Das möchte auch Amer aus Syrien. „Ich mache gerade einen Deutschkurs, danach möchte ich so schnell wie möglich einen Job.“