Magdeburg l „Am Ende sind es personelle Gründe“, erklärt Jacqueline Warras, warum das „Selma & Rudolph“ am 26. Dezember seine Türen für immer schließen wird. Vor fünf Jahren haben sie und ihr Mann Dirk kurz nach der Sanierung des Hauses des Handwerks ihr Restaurant eröffnet. Im aktuellen Gault-Millau-Restaurantführer werden sie als eines der besten Lokale in Sachsen-Anhalt geführt.

Doch nun bleiben Ofen und Herd bald aus. „Für die Qualität, die wir anbieten wollen, fehlten uns einfach die Leute“, sagt die Pächterin. Teilweise seien sie beide alleine im Dienst gewesen. Bevor die Qualität leidet, haben sie lieber einen klaren Schlussstrich gezogen. Vorerst wollen sie auch der Gastronomie fernbleiben, sagt Jacqueline Warras, obwohl ihr Mann seit 30 Jahren in der Branche arbeitet, davon 11 Jahre selbstständig.

Bewerber können kaum kopfrechnen

Es ist nicht das einzige Lokal in Alte Neustadt, das jetzt aus diesem Grund schließen musste. Auch Jan Walsleben, Inhaber der „Chillkröte“ und des „Treibguts“, nennt Fachkräftemangel als Ursache für die Entscheidung, sein Restaurant in der Stendaler Straße dichtzumachen, „obwohl es super lief“, wie er sagt.

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„Es ist aber ganz schwer, überhaupt jemand zu finden und wenn, dann sind die meisten nicht geeignet“, sagt er. Einige könnten nicht mal kopfrechnen. „Das Personal ist schwieriger zu finden als die Gäste“, sagt er. Er will sich nun auf sein Restaurant im Wissenschaftshafen konzentrieren.

Für Michael Schmidt, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Sachsen-Anhalt, ist die Schließung der Gastronomie im Haus des Handwerks ein weiterer Beweis dafür, unter welchem Druck die Branche zurzeit steht. „Die Anzahl der Fachkräfte wird immer geringer und man kann davon ausgehen, dass sich das in den kommenden Jahren wegen des demografischen Wandels noch weiter verschärfen wird“, meint Schmidt.

Darum seien die Unternehmen gut beraten, mit attraktiven Angeboten darauf zu reagieren, dass der Arbeitskräftemarkt für die Gastronomie im Augenblick ein „Arbeitnehmermarkt“ sei. Aber auch die Rahmenbedingungen speziell für kleinere Gaststätten und Restaurants müssten deutlich verbessert werden.

Steuernachteile trüben Stimmung

„Die Betreiber haben mit viel zu viel Bürokratie zu kämpfen, die sehr viel Arbeitszeit bindet, bevor überhaupt ein Gast bedient werden kann“, spitzt es Michael Schmidt zu. Das bestätigt auch Jan Walsleben. „Wir sind den ganzen Tag nur am Dokumentieren“, sagt er.

Und auch das Mehrwertsteuersystem benachteilige das Hotel- und Gaststättengewerbe. „Eine Fleischerei, die nebenbei einen Imbiss betreibt, muss zum Teil nur sieben Prozent Mehrwertsteuer bezahlen, eine Gaststätte dagegen 19 Prozent“, so Michael Schmidt. Das trübe natürlich zusätzlich die Stimmung bei den Unternehmen.

Im Haus des Handwerks soll die Küche auf jeden Fall so bald wie möglich wieder aufmachen. „Wir suchen ab 1. Januar einen neuen Pächter, der sich langfristig bindet“, sagt Burghard Grupe, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg.

„Ich bedauere sehr, dass das ‚Selma & Rudolph‘ schließt, weil es eine wirklich gute regionale Küche angeboten hat“, sagt er. Die Entscheidung könne er aber nachvollziehen, da er die Probleme mit dem Fachkräftemangel aus den eigenen Handwerksberufen kenne.

Europäische Küche gewünscht

Die lange Tradition der Gastronomie im Kammersitz soll unbedingt erhalten bleiben. „Viele ältere Magdeburger denken noch an DDR-Zeiten und haben viele positive Erinnerungen“, sagt Grupe. Der neue Pächter sollte europäische Küche anbieten, weil alles andere nicht zum Haus passe. Erste Interessenten gebe es schon, weitere könnten sich melden, so der Chef der Handwerkskammer.