Magdeburg l Was waren Eltern einst froh, als die Kinder aus dem Gröbsten heraus waren. Wer die ältere Generation fragt, dem wird oft als Erstes vom aufwendigen Waschen der Windeln berichtet – ohne Waschmaschine. Heute hat jeder eine Waschmaschine. Und vor dem Hintergrund ökologischer wie ökonomischer Aspekte erlebt die Stoffwindel eine Renaissance.

Magdeburgerin befasst sich mit Windeln

Manche finden sie auch einfach schick. Denn die Windelhöschen gibt es in den schönsten Mustern und Farben. Doch wie geht man mit einer Stoffwindel um, welche Windelsysteme funktionieren wie, und geht es nicht auch ganz ohne Windel? Mit all diesen Fragen hat sich die Magdeburgerin Anna Werneke intensiv befasst und sich in einem Seminar auch zur Windelfreiberaterin ausbilden lassen – die Erste in Sachsen-Anhalt.

Angefangen hat alles mit der Geburt ihres Sohnes Bruno. „Ein Freund meines Mannes erzählte ganz begeistert, dass er sein Kind mit Stoffwindeln durch die ersten Monate gebracht hat“, erinnert sie sich. Darüber wollte sie mehr erfahren und recherchierte im Internet, probierte noch vor der Geburt unterschiedliche Stoffwindelsysteme an Kuscheltieren aus und fand so die beste Lösung für sich und ihr Kind heraus. Dabei stieß sie auch auf Internetseiten zum Thema „Windelfrei“.

Das bedeutet nicht, dass Kinder gänzlich ohne Windeln aufwachsen, aber es wird ihnen eine Alternative zur Windel angeboten. „Der richtige Begriff dafür lautet Ausscheidungskommunikation“, sagt sie. Der ist aber viel zu sperrig, weshalb sich das griffige „Windelfrei“ durchgesetzt hat. Für Eltern bedeutet es, dass sie ihr Kind genau beobachten und anhand von Lauten, die die Babys äußern, sowie an Körperreaktionen einfach bemerken, dass das Kind muss. Statt sich in einer Windel zu erleichtern, werden die Kinder abgehalten. „Für meinen Mann war das auch sehr schön. Denn auf diese Weise konnte er auch etwas tun, um einem Grundbedürfnis unseres Sohnes gerecht zu werden“, erzählt sie.

Windel-Skeptiker werden überrascht

Natürlich gebe es Skeptiker, hat Anna Werneke in vielen Windelfrei-Kursen bereits erfahren. Einige Großeltern etwa würden ablehnend reagieren, aber gerade wenn es funktioniert, seien viele positiv überrascht. Dass es funktioniert, beweisen andere Kulturen, bei denen das Windelfrei-Konzept Alltag ist.

Im Hauptberuf ist Werneke aktuell noch Studentin der Kulturwissenschaften – ihre Abschlussarbeit will sie nun auch über die Stoffwindel und das Windelfrei-Thema schreiben und hofft, dass sie die Beratungen und Kurse weiter ausbauen kann.

Aktuell kommen zu ihr Eltern und werdende Eltern, die noch nichts vom Thema wissen. Aber auch jene, die bereits Windelfreiheit praktizieren, wenden sich mit speziellen Sorgen und Problemen an sie. Eine Erfahrung, die sie selbst gemacht hat: Nur zehn  Prozent des Stuhlgangs ihres Kindes landeten in der Windel. Wichtig ist ihr, dass jeder den für sich und sein Kind besten Weg findet. „Ich würde niemanden verurteilen, der Wegwerfwindeln nutzt“, sagt sie. Andersherum sollte es aber genauso sein.

Hebamme sieht Stoffwindel im Trend

Hebamme Anne Schmidtko sagt, „das Bedürfnis, auf Stoffwindeln zurückzugreifen, nimmt auf jeden Fall zu." Dabei spiele nicht nur der Nachhaltigkeitsgedanke eine Rolle, sondern auch die Chemie, die in Wegwerfwindeln enthalten sei, und die man lieber nicht auf Babys Haut haben wolle. "Bei vielen Eltern steckt aber auch ein ökonomischer Gedanke dahinter: Für Wegwerfwindeln zahlt man etwa 2500  Euro, wenn man rechnet, dass das Kind mit zweieinhalb Jahren trocken ist. Stoffwindeln kosten einmalig etwa 300 bis 500 Euro und können auch noch für das zweite Kind genutzt oder weiterverkauft werden."

Wer zu Anna Werneke Kontakt aufnehmen möchte, wird fündig unter www.windelfrei-magdeburg.de. Einmal im Monat bietet sie zudem einen Windelfrei-Stammtisch an.