Magdeburg l In jedem Jahr werden Hunderte Jugendliche mit der Jugendweihe in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen. Auch für Sabine Kuballa und ihren Sohn Patrick sollte der Tag und die damit verbundene Feierstunde in der Johanniskirche in Magdeburg etwas Besonderes werden. Doch bei Familie Kuballa ist einiges anders.

Mutter Sabine Kuballa ist gehörlos, ebenso wie ihr Lebenspartner und ihre Mutter, die ebenfalls an der Feierstunde teilnahmen. Damit sie alles verstehen, was auf der Bühne gesprochen wird, bestellt sich Sabine Kuballa für solche Anlässe immer einen Dolmetscher. Auch dieses Mal. Und sie wollte im Vorfeld mit dem Veranstalter, dem Verein Jugendfeier, klären, dass die Dolmetscherin Carina Dounz im Bühnenbereich stehen kann, so dass die gehörlose Familie beides – Bühne und Dolmetscherin – im Blick haben kann.

Veranstalter wenig kompromissbereit

Doch im telefonischen Kontakt mit der Dolmetscherin und im E-Mail-Kontakt mit der Familie habe sich der Veranstalter wenig kompromissbereit gezeigt.

Die große Hoffnung der Familie war, dass sich vor Ort noch etwas regeln ließe. Aber auch dort sei keine Lösung gefunden worden. Der Dolmetscherin, die sich zunächst in den Gang stellte, sei sogar gedroht worden, dass sie die Veranstaltung verlassen müsse, wenn sie sich nicht setze.

Karte für Dolmetscherin gekauft

Einzige Variante wäre gewesen, dass sich die Familie ganz nach hinten in den Saal begebe. Das wiederum sei für die Familie nicht akzeptabel gewesen, die schließlich auch Karten für die Veranstaltung bezahlt hatte – auch für die Dolmetscherin eine Karte habe kaufen müssen.

Dolmetscherin und die Familienangehörigen des 14-jährigen Patrick hätten am Ende in einer Reihe gesessen – und konnten entweder dem Bühnengeschehen oder der Dolmetscherin folgen. Die Enttäuschung sei groß gewesen, ebenso wie die Nackenschmerzen, mit denen die Feierstunde für die Familie endete.

Mutter kommuniziert in Gebärdensprache

„Ich hätte gern alles mitbekommen“, sagt Sabine Kuballa. „Ich bin so stolz auf meinen Sohn, wie er herangewachsen ist“, erzählt sie in Gebärdensprache.

Patrick habe von dem ganzen Ärger gar nichts mitbekommen, erzählt er. „Es hat mich aber gewundert, dass die Dolmetscherin nicht vor oder neben der Bühne stand“, sagt er. Auch Sabine Kuballa kann es nicht verstehen. Es habe schon mehrere Anlässe gegeben, wie zum Beispiel die Einschulungen ihrer beiden Kinder. Damals sei es kein Problem gewesen, dass die Dolmetscherin auf der Bühne stand.

Dolmetscher halten sich zurück

Natürlich würden die Dolmetscher sich so zurückhaltend verhalten, dass sie in Momenten, in denen zum Beispiel Fotos gemacht werden, aus dem Bild herausgehen würden, sagt Dolmetscherin Carina Dounz, die an diesem Tag als Übersetzerin bestellt war.

Eigentlich bestehe sogar ein gesetzlicher Anspruch auf Teilhabe behinderter Menschen, sagen Sabine Kuballa und Carina Dounz. Doch da es sich um eine private Veranstaltung gehandelt habe, sei der Rechtsanspruch entfallen.

Gebärdensprache als Normalität

Nun wendet sich die Mutter mit ihrer Geschichte an die Volksstimme. Ziel sei nicht, den Verein anzugreifen. Vielmehr wolle sie einen Denkanstoß geben. Es stünde eine weitere Jugendweihefeier bevor, an der eine gehörlose Familie teilnehmen werde. Sabine Kuballa hofft, dass ein Umdenken stattfindet, für gehörlose Menschen mitgedacht werde, und Gebärdensprachdolmetscher bei Veranstaltungen zur Normalität werden, einfach zum Bild dazugehören.

In zwei Jahren hat ihr jüngerer Sohn Jugendweihe. Sie hofft, dass die Feierstunde dann anders abläuft.

Keine weiteren Aussagen vom Veranstalter

Der Verein Jugendfeier antwortet auf Volksstimme-Nachfrage nur im Namen des „Vorstandes“ mit einer knappen Rückmeldung: Es habe mit der betroffenen Mutter, einer Gebärdensprachdolmetscherin und der Beratungsstelle für Hörbehinderte im Vorfeld einen regen Austausch gegeben. „Diesen Personen wurden im Vorfeld der Veranstaltung unsere Rahmenbedingungen ausführlich dargelegt und erläutert. Daher halten wir es zum derzeitgen Zeitpunkt nicht für notwendig, weitere Aussagen in dieser Angelegenheit zu treffen“, hieß es in der schriftlichen Antwort.

Die Volksstimme fragte auch die Beratungsstelle für Hörbehinderte und den Landesverband der Gehörlosen Sachsen-Anhalt zu einer Einschätzung an, erhielt aber keine Rückmeldung.