Magdeburg l Jahrzehnte leitete Wolfgang Rudolf als Schwimmmeister die Schwimmhalle an der Großen Diesdorfer Straße. Auch heute noch ist der 74-Jährige in seinem „Wohnzimmer“ anzutreffen: Er bringt Tausenden Kindern ehrenamtlich das Schwimmen bei. Als „Opa Pudding“ und Eisröwer ist er schon beinahe Kult.

„Aber denken Sie dran: Am Nachmittag muss ich zum Schwimmunterricht“, mahnt Wolfgang Rudolf beim Besuch der Volksstimme an. Die Montag- und Mittwochnachmittage in der Schwimmhalle an der Großen Diesdorfer Straße sind ihm heilig. Dabei ist der ehemalige Schwimmmeister und Objektmanager schon seit Jahren im Ruhestand. Oder besser gesagt im Unruhestand. „Es ist wichtig, dass die Kinder schwimmen lernen: Viele Eltern haben einen Pool, im Sommer geht es für die Jungen und Mädchen mit ihnen oder den Großeltern in den Badeurlaub. Da ist es für die Sicherheit ungemein wichtig, schwimmen zu können. Außerdem stärkt es das Selbstbewusstsein und fördert den Gemeinsinn“, verweist der 74-Jährige.

Kleine Spielchen am Anfang

Angst vor dem Wasser müsse keiner seiner jungen Schüler, die meist im Vorschul- und Grundschulalter sind, haben. Rudolf: „Der Anfang wird mit kleinen Spielchen gemacht – der Spaß soll stets im Vordergrund stehen.“ Der springt nicht selten auf Erwachsene über. Etwa wenn bei Gesprächen festgestellt wird, dass die Eltern nicht schwimmen können. Dem Charme des waschechten Magdeburgers ist dann keine Widerrede gewachsen. „Schwimmen lernen ist keine Frage des Alters. Beim nächsten Mal werden einfach Badesachen mitgebracht und los geht‘s“, sagt Wolfgang Rudolf schmunzelnd, der einen Teil der Wassersportgeschichte seiner Heimatstadt mitgeschrieben hat.

Aufgewachsen ist er in der Friedrichstadt am Charlottentor. In den Hofpausen der Friedrich-Engels-Schule und nach Schulschluss sei es damals üblich gewesen, in die nahe Alte Elbe zu steigen. Beim Fußball habe er im Alter von elf Jahren seinen Spitznamen verpasst bekommen, der heute noch sein Markenzeichen ist. „Ich durfte immer bei den Großen mitspielen. Technisch war ich gut, körperlich aber ein ‚Piccolo‘ zwischen den 15- und 16-Jährigen. Unser Kapitän meinte nur: ‚Mensch, du spielst wie ein Pudding!‘“ Der Name rühre also nicht daher, „dass ich heute einen ziemlich großen Bauch habe“, sagt er lachend. Körperlich legte „Pudding“ als Schwimmer und Wasserballer bei Dynamo Magdeburg zu – doch selbst als Nationalspieler der Junioren- und Seniorenauswahl sollte er seinen Spitznamen nicht ablegen. „Heute ist es oft so, dass viele seinen richtigen Namen gar nicht kennen. Für Kinder und Eltern ist er einfach ‚Opa Pudding‘, wenn sie ihn zum Beispiel in der Straßenbahn treffen“, merkt Ehefrau Waltraud augenzwinkernd an.

Die Karriere von "Opa Pudding"

Das Stadion „Neue Welt“, die alte Europakampfbahn, war sein zweites Zuhause. „Unsere Freizeit haben wir mit Traditionsschwimmmeister Willi Wehling verbracht, er führte sein Regiment sehr familiär“, erinnert sich Rudolf gern zurück.

Ebenso an die Zeit unter Trainer „Vati“ Fangerow, mit dem in der Hochburg des Wasserballs die ungarische Nachwuchsmannschaft erstmals von den DDR-Junioren geschlagen wurde. „Gefördert haben mich auch die Legenden Rolf Bastel, Günter Becker und Walter Ackermann.“

Länderspiele wurden einst im Freibad an der Großen Diesdorfer Straße zwischen großen Tribünen angepfiffen, das über Jahre zu einer Schwimmhalle umgebaut wurde.

Wasser ist sein Lebenselixier

Diese Veränderungen erlebte Wolfgang Rudolf als Schwimmmeister der Anlage mit: Nach einem vierjährigen Gastspiel bei Dynamo Berlin unter Trainer Werner Knie kehrte der gelernte Blechschlosser 1964 in die Elbestadt zurück und war hier bis zu seinem Ruhestand als Rettungsschwimmer, leitender Schwimmmeister und Objektleiter tätig. Ehrenamtlich ist er heute noch als Schiedsrichter, Schwimmlehrer und Übungsleiter für den Verein Wasserball Union Magdeburg (WUM) im Einsatz. „Wasser ist mein Lebenselixier.“

Mit seiner Tochter Kerstin nimmt sich der zweifache Urgroßvater der Jungen und Mädchen an. Mittlerweile sind es Tausende, die bei „Pudding“ das Schwimmern erlernt haben. Damit sie auch ja den Unterricht wahrnehmen können, organisierte Wolfgang Rudolf im Winter Fahrdienste, um die Schüler in Kitas abzuholen. Die Einrichtungen besuchte er bereits vor den Übungsstunden für Theorieunterricht. „Das war eine tolle Zusammenarbeit mit den Erzieherinnen – sie haben viele Übungen übernommen und eigenständig weitergegeben“, freut er sich.

Auch als "Cindy aus Marzahn" unterwegs

Dass jüngst die Schwimmhalle aufgrund eines Schadens für längere Zeit nicht genutzt werde konnte, habe ihn förmlich krank gemacht: „Das hat uns ganz schön zurückgeworfen, da wir kaum Zeiten in der Elbeschwimmhalle bekommen haben.“ Mittlerweile kann der Schwimmunterricht, der von der WUM auch für die Sichtung von Wassersporttalenten genutzt wird, wieder stattfinden. „Das ist auch gut so, denn bei uns hat es mein Mann nicht leicht: In unserer Familie ist er nur von Frauen umgeben und muss sich anpassen“, lacht Waltraud Rudolf.

Obwohl – abgehärtet ist Wolfgang Rudolf, wenn man so will, auf jeden Fall: Vor 30 Jahren hob er mit Siegfried „Siggi“ und Heidi Lange, Reinhard „Gazelle“ Schilling und seiner Frau Waltraud die Eisröwer aus der Taufe. Eine Schnapsidee begründete die Magdeburger Eisbader, die heute knapp 30 Mitglieder zählen: Man habe gewettet, sich im Winter mal zum Baden zu verabreden. „Und wir stehen zu unserem Wort“, so Rudolf. Die Marotte, das Eisbaden mit dem Ausführen von skurrilen Moden zu verbinden, ist Ausdruck des Frohsinns, den die Eisröwer teilen. „Sie sollten meinen Mann mal als Cindy aus Marzahn erleben“, frohlockt Waltraud Rudolf.

Mittlerweile sind die Eisröwer, die sich über die Wasserwacht organisieren und sonntags ab 11 Uhr am FKK-Strand ins Wasser steigen, so etwas wie Botschafter der Stadt geworden: Bei überregionalen Treffen etwa in Ahlbeck und Ferchland ist die Truppe nicht wegzudenken und sorgt u. a. mit nachgestellten Hochzeitszeremonien für Schlagzeilen.

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