Magdeburg l Bereits anno 2017 fasste der Stadtrat von Magdeburg einen Grundsatzbeschluss zur Neuausrichtung der Telemannpflege. Das Credo könnte man mit klotzen statt kleckern beschreiben. Am 4. Juni 2020 muss der Rat sozusagen „Butter bei die Fische“ geben – heißt: Geld. Will die Stadt mit ihrem großen musikalischen Sohn in geplantem Maße wuchern – große Bühnen, Opern, Oratorien, internationale Produktionen –, muss sie tief in die Tasche greifen; deutlich tiefer als noch 2017 gedacht.

Noch vor drei Jahren kalkulierte die Stadt mit jährlich einer halben Euromillion vom Land. Sie ist gewaltig zusammengeschrumpft, konkret auf 150.000 Euro. Dafür steigt der Bund in die Magdeburger Telemannpflege ein, mit weiteren 150.000 Euro per annum. Bleibt eine Finanzierungslücke über 200.000 Euro. Die Verwaltung schlägt vor, dennoch an den hehren Zielen festzuhalten und die Lücke komplett aus dem Stadthaushalt zu schließen. Befristet von 2021 bis 2024 sollen statt der geplanten 137.000 Euro aus dem Stadtsäckel nun 337.000 fließen. Samt geplanten Verkaufserlösen (137.000 Euro pro Jahr) und Sponsorengeldern (130.000 Euro) würde das Telemann-Jahresbudget damit auf stattliche 904.000 Euro wachsen.

Offener Dissens im Finanzausschuss

„Da stimmen die Relationen nicht mehr“, sagt Jens Rösler (SPD-Fraktionschef) und verweist unter anderem auf den mit 150 000 Euro vergleichsweise niedrigen Jahreshaushalt zur Förderung der kompletten freien Kulturszene in der Stadt. Im Finanzausschuss fand Rösler mit seiner Intervention und einem entsprechenden Änderungsantrag Gehör. Eine Mehrheit der kommunalen Finanzpolitiker (sechs zu zwei Stimmen) schmolz die 200 000-Euro-Draufgabe aus dem Stadthaushalt auf 26.000 Euro ab. Zuzüglich der bereits geleisteten 137.000 Euro aus der Stadtkasse, den 300.000 Euro von Bund und Land, Eigenmitteln und Sponsorengeld sei die Telemannpflege damit noch immer „sehr gut ausgestattet“, sagt Rösler.

Finanzausschusschef Reinhard Stern (CDU) ist gegenteiliger Meinung. „Es geht nicht nur darum, Telemann als Hochkultur im Opernhaus zu präsentieren. Es geht um Telemann im Fußballstadion, in der Straßenbahn, eben in der Breite und dass er alle erreicht.“ Mit Blick auf die Händelstadt Halle meint Stern durchaus, dass Magdeburg in dieser Beziehung von der Saalestadt lernen könne, dass man die freie Szene eben nicht gegen Telemann ausspielen dürfe und der Stolz der Magdeburger auf den großen Sohn der Stadt Nahrung vertragen könne. Seine Fraktion, so Stern, werde sich jedenfalls dem Verwaltungsvorschlag anschließen und die durchaus satte Dreingabe bewilligen. Gleiches kündigt Rösler überraschend auch für die SPD an. „Der Kulturbeigeordnete und der Leiter des Telemannzentrums haben da noch einmal gute Überzeugungsarbeit geleistet.“ Entgegen seinen eigenen finanziellen Bedenken sei eine Fraktionsmehrheit auf dem Weg zur Kulturhauptstadt durchaus der Meinung, „dass wir da jetzt nicht knausrig sein sollten“.

Angesichts der anderslautenden Mehrheiten im Finanzausschuss bleibt der Ausgang der Abstimmung dennoch eine offene und spannende Angelegenheit.

Auf dem Weg in Richtung große Oper

Sagt der Rat Ja, steuert das im Gesellschaftshaus beheimatete und bisher – nebst Festivals – eher auf kleinen Bühnen spielende Telemannzentrum auf große Produktionen und mehr Gehör, auch international, zu.

Geplant sind vor allem:

▶ die Erweiterung des Veranstaltungsangebotes und die Realisierung großformatiger überregionaler und internationaler Kooperationsprojekte (Opern- und Oratorienproduktionen, Operngastspiele), so dass größere Veranstaltungsräume bespielt und Besucherzahlen gesteigert werden können,

▶ die Stärkung der Ausstrahlung und Vernetzung des Festivals in das Umland sowie die Intensivierung der Zusammenarbeit im Rahmen des internationalen Telemannstädte-Netzwerkes,

▶ der Ausbau der digitalen Präsenz der Magdeburger Telemannveranstaltungen, des internationalen Marketings und die Veröffentlichung mehrsprachiger Informationsangebote.

Zum Zwecke sollen drei Stellen im Internationalen Telemann-Veranstaltungsbüro neu besetzt werden: für Projektmanagement/Öffentlichkeitsarbeit, Internationale Beziehungen/Veranstaltungsorganisation und Finanzen/Haushalt. Außerdem wird ein künstlerischer Leiter bestellt.Das Internationale Telemann-Veranstaltungsbüro (ITeB) soll dem Rat 2024 ein Konzept zur Weiterführung der Telemannpflege ab 2025 vorlegen. Wie das aussieht wird maßgeblich davon abhängen, ob Magdeburg tatsächlich 2025 Kulturhauptstadt Europas wird.