Magdeburg l Wenn man das Haus in der Zollstraße in Magdeburg betritt, dann betritt man nicht nur irgendein Haus in Magdeburg, sondern auch eine ganz andere Welt. Schon im Treppenhaus fühlt man sich in das 19. Jahrhundert zurückversetzt, ein grün-weiß gefliester Fußboden, geht fast schon nahtlos in eine Treppe über, an deren Ende sich ein großes Oberlicht befindet. Auf dem Weg zur ersten Etage kommt einem eine zierliche Frau mit einem riesigen Lächeln im Gesicht entgegen gesprungen.

Bei der Frau handelt es sich um Edith Kramer. Sie ist Künstlerin und wohnt in einem fast schon palastähnlichen Atelier. Eigentlich besteht das Atelier aus zwei Wohnungen und eigentlich sind es auch zwei verschiedene Ateliers - auf den ersten Blick werden aus einer Welt zwei und dann doch wieder eine. „Rechter Hand befindet sich das Winteratelier, in dem wohne ich auch“, sie deutet auf eine Wohnung, die fast komplett in Weiß gehalten ist.

Sommer- und Winteratelier in Magdeburg

Minimalismus scheint für die Künstlerin eine Lebenseinstellung zu sein. Lediglich eine Matratze und die Miniaturausgabe einer Küche weisen daraufhin, das hier ein Mensch lebt. „Im Winter haben wir hier immer gearbeitet und den kleinen Kachelofen angefeuert. Im Sommer waren wir in seinem Sommeratelier“, erzählt Kramer. Wir - das sind Edith Kramer und ihr verstorbener Lebensgefährte Rainer Diehl.

Bilder

Dieser verstarb 2017 mit nur 67 Jahren. Diehl war nicht nur Künstler, sondern auch Professor für Sozialwissenschaften an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Er wuchs in Kassel auf und verbrachte dort den Großteil seines Lebens. Unter anderem waren er und Kramer lange Zeit als Freiberufler tätig, unter anderem auch bei Greenpeace.

Künstler lieben die Elbe

Doch wie verschlägt es nun zwei Künstler aus Hessen ausgerechnet nach Magdeburg? „Wir haben die Elbe schon immer geliebt“, strahlt die Künstlerin. Diehl habe damals das Angebot bekommen, an der Hochschule in Magdeburg zu lehren. „Anfang der Neunziger muss das gewesen sein“, resümiert Kramer. „Als wir dann die Stadt gesehen haben, waren wir zuerst etwas verwundert und dann doch angetan.“

Gerade sie spürte schnell eine enge Verbindung zu Kassel. „Magdeburg war genauso vom Krieg geschunden, wie Kassel. Man könnte es schon fast als genauso hässlich-schön wieder aufgebaut bezeichnen“, erzählt sie weiter. Trotzdem sei man noch fast weitere zehn Jahre zwischen den beiden Städten gependelt, bevor man sich in Magdeburg niedergelassen habe. „Das ist vor allem dem Umstand geschuldet, das wir an der Elbe wohnen wollten. Rainer hat dann immer dort am Fenster gestanden und fasziniert auf das Funkeln der Alten Elbe geblickt“, erzählt Edith Kramer und deutet auf ein Fenster im Sommeratelier.

Ohne Ziel drauflosgearbeitet

Das Sommeratelier wirkt genauso einladend wie das Winteratelier gegenüber, nur dass die Farben der Kunstwerke und der Wände viel wärmer gehalten sind. „Das war Rainers Wohnung, hier haben wir sehr viel gemeinsam gearbeitet.“ Gearbeitet haben die beiden Künstler fast ohne Unterlass. „Wenn wir einmal im Fluss waren, dann konnte uns auch nichts mehr aufhalten. Wir haben dann ohne Ziel einfach drauf losgearbeitet. Erst am Ende haben wir dann auch gesehen, was dabei entstanden ist“, schmunzelt die Künstlerin im Nachhinein.

Eines der liebsten Motive von Diehl seien Wolken gewesen. Überall in den Ateliers findet man Wolkenbilder in den verschiedensten Arten und Weisen. Vor allem ein riesiges Gemälde im Sommeratelier zieht die Blicke automatisch auf sich. „Dieses Bild ist an sich fest mit der Wohnung hier verbunden“, erklärt Kramer. „Denn die Farben sind aus den verschiedensten Materialien hergestellt, die in der Wohnung verbaut wurden.“ Mehrere Meter ist dieses Kunstwerk lang und füllt einen Großteil der Wand aus.

Internet ist keine Option

Aber warum sind die beiden Künstler weitestgehend unbekannt? Das kann Edith Kramer ganz einfach erklären: „Wir beide, aber vor allem Rainer hatte immer sehr hohe Ansprüche an unsere Kunstwerke, jedoch sind wir beide keine großen Fans von Ausstellungen gewesen.“ Das katapultiere einen Künstler nur zu sehr aus seinem Arbeitsfluss heraus. Und über das Internet verkaufen, sei auch nie eine Option gewesen, zu wenig hielten die beiden von der digitalen Welt im anonymen Off der Realität.

Doch jetzt, wo Rainer Diehl tot ist, gibt es eine Ausstellung. In seinen Räumen und denen von Edith Kramer.

Gemälde, Plastiken, Fotografien

„Für mich ist es mehr oder weniger eine neue Zeitrechnung“, erklärt sie. Sie wolle den Menschen unbedingt zeigen, was Diehl in seiner Schaffenszeit in Magdeburg vollbracht hat. Dabei beschränkte sich der Künstler und Wissenschaftler nicht nur auf ein Genre. Viel mehr deckte er die komplette Palette der bildenden Künste ab. So malte er großartige Gemälde, schaffte einzigartige Plastiken oder zeigte Fotografien aus einer tiefblickenden Perspektive.

Bis Ende 2018 will Edith Kramer noch die zwei Ateliers in der Zollstraße 12 für Interessierte jeden Sonnabend von 10 bis 20 Uhr geöffnet halten. Danach ist Schluss. „Ich werde die beiden Wohnungen hier verkaufen. Mal schauen, was ich dann mache.“

Verträumt blickt die Künstlerin wieder auf die Elbe. Sich die Ateliers ohne Edith Kramer vorzustellen, wirkt auf den ersten Blick unmöglich, doch vielleicht ist erst ein zweiter, neuer Blick nötig.