Magdeburg l Keine Frage: Man hört automatisch besser hin. Normalerweise nimmt man den Lärmpegel einer Stadt nicht mehr wahr, wenn man durch die Straßen geht. Alles Gewöhnung. Mit einem Messgerät — bei unserem Test eine Smartphone-App, die zwar kein geeichtes Messgerät ist, aber dennoch gut die Tendenz wiedergibt — in der Hand hört man doch genauer hin. Und plötzlich erkennt man: Es ist laut. Dabei seien es nicht die „Ausschläge nach oben“, die der Gesundheit schaden können, sondern „ein grundsätzlich hoher Lärmpegel“, sagt Prof. Dr. Rahim Hajji von der Hochschule Magdeburg-Stendal. Er untersucht gerade zusammen mit Master-Studierenden die gesundheitlichen Auswirkungen von Lärm auf Erzieherinnen in Kitas.

Die erste Messung an der Kreuzung Otto-von-Guericke-Straße/Ernst-Reuter-Allee. Der Durchschnitt liegt bei 87 Dezibel. An der benachbarten Tunnelbaustelle ähnliche Werte. Das ist schon recht laut, geht man davon aus, dass ab einem Dauerschallpegel von 60 Dezibel beim Menschen Stressreaktionen auftreten. Ab 80 Dezibel leidet die Gesundheit, die Schmerzgrenze liegt bei 130 Dezibel, Lärm von 150 Dezibel verursacht irreparable Schäden. Das ist wissenschaftlicher Standard. Der von Prof. Rahim Hajji und seinen Studierenden in einem Spezialfall erneut unter Beweis gestellt wird. „In Kita-Gruppen werden Spitzenwerte von 110 Dezibel erreicht, das heißt, der Durchschnittswert ist sehr hoch“, so der Wissenschaftler. Und da Lärm krank macht, leiden auch die Erzieherinnen. „Deren Krankenstand ist überdurchschnittlich hoch, sie leiden unter Kopf- und Ohrenschmerzen, Hals- und Stimmbandbeschwerden. Das führt häufig zu beruflicher Erschöpfung“, so Prof. Hajji.

Die zweite Messung an der Halberstädter Straße. Auch dort pendelt sich die Dezibel-Messung auf einen Wert um die 85 ein. In einer Seitenstraße, der St.-Michael-Straße, ein ganz anderes Bild: Ruhe. Meistens misst die App 45 bis 47 Dezibel. Ganz klar, wer in Magdeburgs Seitenstraßen wohnt, wohnt ruhig. „Leise Rückzugsräume und Ruhezonen sind für Menschen sehr wichtig“, sagt Prof. Hajji. Wo diese fehlen, werden Menschen langfristig gesehen krank. Auch das sei eines der Ergebnisse aus der Kita-Untersuchung, die sich verallgemeinern ließen.

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Rückzugsräume in Magdeburg

Die leisen Rückzugsräume gibt es in Magdeburg. „Wenn ich die Tür hinter mir schließe, ist es sofort wunderbar ruhig“, sagt Thomas Schütze. Er betreut in den Gruson-Gewächshäusern in der Schönebecker Straße die Rezeption. Die Messung: draußen in der Schönebecker 78 Dezibel, drinnen in den Gewächshäusern 45 Dezibel. Ruhe!

Das geht aber auch an der frischen Luft, zum Beispiel in den Parks der Stadt. Schon die Fahrt mit dem Rad über die Sternbrücke zum Stadtpark lässt hoffen, denn das Verkehrsgrundrauschen wird deutlich schwächer. Mitten im Park zeigt die App 46 Dezibel an. Das wird in der Anzeige als „Quiet Library“ (zu Deutsch: „wie in einer leisen Bibliothek“) charakterisiert. Zum Vergleich: Eine normale Unterhaltung zweier Personen kommt auf rund 55 Dezibel.

Die Stadt Magdeburg hat sich übrigens 2009 einen „Lärmaktionsplan“ gegeben. Grundlage dafür war eine umfangreiche Untersuchung, wo es in Magdeburgs Straßen zu laut ist. Danach wurde dann festgelegt, was im Laufe der Jahre dagegen unternommen werden kann. Ein Blick in das Papier lohnt sich, wenn man wissen möchte, was in seiner Straße lärmtechnisch so los ist. Wichtig auch: Am Bürgertelefon der Stadt kann man besondere Lärmschwerpunkte melden, denen dann auf den Grund gegangen wird.

Übrigens: Der höchste beim Test gemessene Wert ergab sich unter der Eisenbahnbrücke in der Hallischen Straße. Ein Motorrad ließ den Pegel auf 105 Dezibel hochschnellen.