Magdeburg l Dass Physik, Kunst und Musik in diesem Schuljahr für ihr Kind nicht stattfinden können, beklagt eine Mutter des Editha-Gymnasiums, die sich um ihren Sechstklässler sorgt. Namentlich genannt werden möchte sie nicht. Auch für Mathe und Deutsch sei die Stundentafel gekürzt worden, bedauert sie und würde sich wünschen, dass für die Kinder zumindest eine Art Homeschooling-Programm für die Mangelfächer angeboten werden würde.

Gerade wegen des Ausfalls von Physik ist die Mutter besorgt. „Damit starten die Schüler in der sechsten Klasse. Und es ist ein Kernfach“, sagt sie. Sehr bedauerlich für ihr Kind: Es ist an Naturwissenschaften besonders interessiert. Ihr Ärger richtet sich nicht gegen die Schule, betont sie. „Es ist eine tolle Schule, die Lehrer geben sich sehr viel Mühe. Und sie können auch nur ihr Möglichstes tun“, sagt sie.

Viele Lehrer seien sehr engagiert, auch von der Schulleiterin ist die Mutter begeistert. Dennoch habe sie eine Erwartungshaltung an ein Gymnasium – dazu gehöre auch ein gewisser Bildungsstand. Gerade vor dem Hintergrund, dass Sachsen-Anhalt in Sachen Bildung ohnehin schon die rote Laterne in der Hand habe, ist ihre Sorge groß.

Fast 200 Stunden pro Woche fehlen

Schulleiterin Katja von Hagen verweist auf Volksstimme-Nachfrage an das Landesschulamt. Auf Nachfrage dort stellt sich heraus, dass die Einschränkungen noch weitreichender sind als angenommen. Zwischen Bedarf und tatsächlicher Unterrichtsabdeckung klafft ein großes Loch. Am Edithagymnasium gibt es einen Bedarf von 1019  Lehrerwochenstunden.

Das entspricht etwa 41  Vollzeitstellen, berichtet Tobias Kühne als Mitarbeiter für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Landesschulamtes. Gegeben werden können derzeit nur 824  Lehrerwochenstunden. Das entspricht etwa 33 Vollzeitstellen, wie Kühne weiter erklärt. Vier Lehrkräfte befänden sich im Mutterschutz, eine weitere sei langzeiterkrankt. Nur etwa 80  Prozent des Unterrichts können damit abgedeckt werden.

Abschlussjahrgänge haben Priorität

In zehn Fächern kann der Unterricht derzeit nicht vollständig stattfinden, darunter auch Kernfächer. „Momentan ergeben sich Einschränkungen aufgrund der personellen Situation in den Fächern Musik, Deutsch, Mathematik, Astronomie, Informatik, Chemie, Geografie, Physik, Kunst und Französisch“, berichtet Tobias Kühne. Die Fächer Informatik und Astronomie können derzeit nicht unterrichtet werden.

Einschränkungen bei Klasse fünf bis neun

Die schulorganisatorische Priorität der Unterrichtsabsicherung liege grundsätzlich bei den Abschlussjahrgängen. Dort könne der Unterricht vollständig gehalten werden, erklärt Tobias Kühne. Von Einschränkungen betroffen seien momentan die Klassenstufen fünf bis neun.

Untätig sei das zuständige Amt bislang nicht gewesen: „Das Landesschulamt hat bereits zahlreiche verschiedene Versuche unternommen, um die personelle Situation an der Schule zu verbessern“, versichert Kühne. So seien in den vergangenen zehn Monaten in mehreren Runden insgesamt 26 Stellen für das Editha-Gymnasium unbefristet ausgeschrieben worden. Sechs Einstellungen seien gelungen. Außerdem seien fünf befristete Stellen ausgeschrieben worden, wovon drei Einstellungen erfolgreich gewesen seien. Parallel dazu werde auch versucht, über Vereinbarungen für Zusatzstunden das Arbeitsvermögen aus dem vorhandenen Kollegium heraus zu erhöhen. Eine Lehrkraft habe sich dazu bislang bereiterklärt.

In den kommenden Wochen würden zwei weitere Einstellungen vollzogen. Das Landesschulamt versuche, Einstellungen so schnell wie möglich umzusetzen. Verzögerungen würden sich oftmals aus einzuhaltenden Kündigungsfristen der Bewerberinnen und Bewerber in aktuellen Arbeitsverhältnissen ergeben. „Für solche Verzögerungen können wir nur um Verständnis bitten, sie liegen nicht in unserer Hand“, so Kühne.

Nicht genug Lehrer auf dem Arbeitsmarkt

Der Schulelternrat hat sich noch vor Beginn des Schuljahres an das Bildungsministerium gewandt. Im Namen von Minister Marco Tullner antwortet Staatssekretärin Eva Feußner. Das Schreiben vom 11. August 2020 liegt der Volksstimme als Digitalkopie vor. Darin heißt es, die schwierige Unterrichtsversorgung des Editha-Gymnasiums habe mehrere Ursachen. „Die Schule ist stark wachsend, so dass neue Lehrkräfte benötigt werden, die der schwierige Markt für Lehrkräfte nicht in vollem Umfang hergibt.“

In Aussicht gestellt werden Abordnungen aus anderen Schulen, bezahlte Zusatzstunden der derzeit tätigen Lehrkräfte und Aufstockung von Stunden der Teilzeitkräfte. Auch alle weiteren Möglichkeiten sollen geprüft werden. Gleichzeitig bekundet sie Verständnis für die Sorge der Eltern: „Der Lehrermangel stellt eine besondere Belastung für Ihre Kinder, Sie selbst, aber auch für die Mitarbeiter des Landesschulamts und mich als Vertreterin des Bildungsministeriums dar“, schreibt sie weiter und räumt politische Versäumnisse in der Vergangenheit ein.

„Der Generationswechsel in den Lehrerzimmern trifft uns hart“, heißt es. Und weiter: „Leider wurden im letzten Jahrzehnt die richtigen politischen Weichenstellungen versäumt, um diesen Verlust auszugleichen.“ Gleichzeitig ruft sie die Eltern auf, Bekannte anzusprechen, die eine geeignete Lehramtsqualifikation besitzen beziehungsweise sich den Seiteneinstieg in den Schuldienst des Landes vorstellen können: „Eventuell kennen Sie Lehrkräfte im Ruhestand, die sich eine Rückkehr – wenn auch nur stundenweise – in den Lehrerberuf vorstellen könnten.“