Volksstimme: 2007 sind Sie mit dem festen Vorhaben angetreten, die Kirche zum Jubiläum 500 Jahre Reformation zu eröffnen. Der Kirchenneubau wurde beim Bürgerentscheid 2011 mit 70 Prozent der Stimmen abgelehnt, später folgte die Absage des Stadtrates Magdeburg an eine Bürgerbefragung zur Errichtung des Portals. Nun mit etwas Abstand – was lief schief?

Tobias Köppe: Es ist unbestritten richtig, dass keine baulichen Ergebnisse unserer Vereinsarbeit auf dem Ulrichplatz sichtbar geworden sind. Aber dennoch waren die zehn Jahre erfolgreich. Wir haben mit Infoständen für unser Anliegen und die Ulrichskirche geworben und sie wieder in Erinnerung gebracht. Außerdem wurden Originalsteine gesichert und wir haben die Turmuhr von 1880 entdeckt und wiederaufarbeiten lassen. Wir haben ebenfalls zwei Bände der Magdeburger Zenturien aus dem 16. Jahrhundert erworben, die der Öffentlichkeit in einer Dauerausstellung gezeigt werden sollen. All dies wäre ohne uns vergessen und verloren gewesen.

Mit unseren Aktionen haben wir auch den Lokalpatriotismus unterstützt. Und hätten ihn noch gern verstärkt mit der Ulrichskirche und dadurch die Stadt um eine Attraktion reicher gemacht. Denn uns ging es nicht vordergründig darum, eine Kirche, sondern ein Bauwerk zu errichten, das die Stadt verschönert und typisch magdeburgisch ist. Das Portal wäre nun ein für alle Seiten gangbarer Weg.

Verstehen Sie die Angst der Magdeburger Stadträte, die den Bürgerentscheid zum Bau des Portals knapp mit drei Stimmen Mehrheit nicht zugelassen haben, u. a. weil sie fürchten, dass quasi hintendran die Kirche gebaut wird?

Jörg Schenke: Nein. Auf das Portal sollten wir uns freuen! Magdeburg hat dann eine Sehenswürdigkeit mehr. Besucher werden das Bauwerk, das an ein Stück 1000-jährige Stadtgeschichte erinnert, bestaunen. Und die Otto-Stadt Magdeburg macht einen Ort wieder sichtbar, an dem Otto von Guericke getauft und später getraut wurde.

Uwe Thal: Ein Wiederaufbau der Ulrichskirche ist doch auch für uns nur dann denkbar, wenn die Bürger der Stadt ihn auch wirklich wollen. Davon sind wir weit entfernt.

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Was motiviert Sie dazu, weiterzumachen?

Jörg Schenke: Ich möchte einfach dazu beitragen, dass ein Stück Geschichte meiner Heimatstadt wieder sichtbar gemacht wird.

Astrid Manz: Es macht viel Spaß mit interessanten Menschen an einer großen Idee zu arbeiten. Ich wünsche mir als Magdeburgerin einen weiteren Grund, auf dem Ulrichplatz zu verweilen.

Tobias Köppe: Die Liebe zur Heimat, zu ihrer Geschichte und ihren herausragenden Bauwerken, die uns nicht gestohlen oder zerstört werden dürfen, die wir achten und ehren müssen.

Uwe Thal: Meine Familie. Zukunft erwächst aus Geschichte und Tradition. Dafür haben wir uns immer eingesetzt. Generation für Generation.

Warum haben Sie das Reformations- jubiläum nicht für Ihr Marketing genutzt?

Uwe Thal: Wir haben das Jubiläum immer im Blick gehabt und auch Kontakte mit Wittenberg hergestellt. Innerhalb der Kampagne „Ursprungsland der Reformation“ durch Sachsen-Anhalt wurden wir nicht genug wahrgenommen. Sicherlich sind auch historische Gründe anzuführen. Magdeburg wurde nach der Zerstörung 1945 zur sozialistischen Vorzeigestadt. Es wurde versucht, alles was mit der Kirche zu tun hat, auszuradieren. Die damals noch junge „Macht“ fühlte sich durch die Kirche bedroht. Das sitzt sicherlich noch in einigen Köpfen fest. Genau dieses Themenfeld „Kirche“ scheinen wir für viele zu besetzen. Darunter hatten wir zu leiden.

Was macht Ihnen Hoffnung, dass sich die Meinungen ändern?

Uwe Thal (schmunzelnd): Es sind gerade einmal zehn Jahre seit der Gründung vergangen. Am Dom wurde über 300 Jahre gebaut ...

Jörg Schenke: In meinem Umfeld, in Gesprächen mit Freunden und Bekannten stößt die Idee vom Portal durchweg auf positive Resonanz. Wir hoffen, dass das Video alle Unklarheiten beseitigt.

Astrid Manz: Und nun hoffen wir, dass sich Freunde dieser neuen Idee, Interessierte und Förderer mit uns in Verbindung setzen. Wir freuen uns über jede Kontaktaufnahme. Im Ergebnis des Bürgerentscheides 2011 gab es immerhin auch fast 25 000 Befürworter.

Uwe Thal: Den Bürgerentscheid haben wir akzeptiert und daraufhin unsere Satzung geändert.

Sie müssen sich ankreiden lassen, weder prominente oder gewichtige Unterstützer gefunden noch den Bewohnern der Stadt Magdeburg veranschaulicht zu haben, wie Kirche oder Portal auf dem Platz wirken würden.

Tobias Köppe: Veranschaulicht haben wir das Portal in vielen hochwertigen Fotomontagen, die durchweg positive Resonanz brachten. Aktuell haben wir sogar einen Film erstellt, der dies nun wunderbar veranschaulicht. Prominente Unterstützer wie etwa Alt-OB Willi Polte gibt es auf regionaler Ebene viele. Wir freuen uns sehr darüber, was in Magdeburg an anderer Stelle geschaffen wurde.

Sehen Sie sich das Katharinenportal und das Sterntor an – oder das alte Trafohaus an der Hubbrücke. Das sind alles tolle Projekte, die die Magdeburger Bürger realisiert haben. Ursprünglich wollten wir im Oktober ein Modell des Portals in Originalgröße vor Ort installieren. Wir haben uns dann aber für eine filmische und fotografische Visualisierung entschieden.

Uwe Thal: Unser Ziel ist, ein Mahnmal für die Zerstörung Magdeburgs am 16. Januar 1945 zu bauen. Sieht man einmal von Trauerstätten auf Friedhöfen ab, ist solch ein zentraler Ort zum Gedenken für die Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg nicht vorhanden. Das war einer der Hauptbeweggründe, warum wir uns für das Portal entschieden haben.

Astrid Manz: Nebenbei bemerkt sieht es doch zwischen den Bäumen und Blumenrabatten wunderschön aus. Dies bestätigen uns auch viele Nichtmitglieder.

Allerdings stecken Sie seit dem Entscheid des Stadtrates in diesem Jahr in einer Sackgasse fest. Wie kommen Sie da raus?

Tobias Köppe: Klar fragen auch wir uns, wie es weitergeht, ob dieser oder der nächste Stadtrat noch einmal anderes votieren wird. Wir müssen einfach weiter den Magdeburgern zeigen, was wir da genau vorhaben. Das Video ist – so hoffen wir – ein guter Schritt in diese Richtung. Mehr noch, wir haben mittlerweile auch ein klares Signal zur Finanzierung des Portals aus der Magdeburger Wirtschaft erhalten.

Natürlich möchten wir auch den Magdeburgern die Möglichkeit geben, sich an dem Portal zu verewigen. Es gibt hierfür bereits konkrete Interessenbekundungen. Wenn Bürger und Stadtrat es wollen, könnte es also bald losgehen.