Magdeburg l „Ich hab ja Zeit.“ Als die Volksstimme einen Termin mit Heinz Baltus für dieses Porträt vereinbart, lacht er verschmitzt ins Telefon. Doch hinter dem Lachen steckt nicht die ganze Wahrheit. Zeit – das ist genau das, was der eher ruhige Rheinländer nicht hat. Firma und Pferde fordern den 63-Jährigen nahezu 24 Stunden lang. Ist er nicht für seine Wasserbau-Unternehmen in der Region unterwegs, hat er mit Sicherheit irgendwas für den Magdeburger Rennverein zu organisieren - oder eben andersrum.

Das Wasserstraßenkreuz lockt

Dass es ihn aus der Region Essen einmal in den Osten der Republik verschlagen würde, hätte er nicht gedacht. Aber der Bau des Wasserstraßenkreuzes Ende der 1990er Jahre sorgt dafür. Baltus ist Wasserbauingenieur mit eigener Firma und wird dort gebraucht. Und er hat ein Hobby seit Kindertagen: den Pferderennsport.

So kommt Baltus erst zum Wasserstraßenkreuz und dann zum Rennverein Magdeburg. Denn als 2002 bei der Flut die Rennbahn untergeht, sind Leute wie Baltus gefragt, die den am Boden liegenden Verein, der auch noch einen Skandal um die damalige Rennwiesen GmbH zu verarbeiten hatte, wieder auf Vordermann bringen.

Sofort in Rennbahn verliebt

Der in Menz wohnende Baltus kommt so erstmals in den Herrenkrug und fängt Feuer. „Ich hatte mich sofort in die Rennbahn verliebt.“ Präsidentenvorgänger und Ex-Bauminister Karl-Heinz Daehre spricht ihn damals an, weil Baltus schon mal „irgendwas mit Pferden zu tun gehabt hatte“. Das allerdings ist weit untertrieben. Die Liebe zu den Vierbeinern ist Baltus tatsächlich in die Wiege gelegt worden. Sein Vater war Schrotthändler in Essen. Und Pferde zogen dessen Fuhrwerk. „Und so war ich schon im Pferdewagen, bevor ich überhaupt laufen konnte“, erinnert sich Baltus. Der jugendliche Baltus hilft als Stalljunge aus und bleibt der Passion treu. Über mehrere Stationen und regelmäßigen Besuche auf der Rennbahn in Gelsenkirchen und später in ganz Deutschland wird er zum Trabrennfahrer. Bei rund 120 Rennen sitzt er im Wagen und führt sein Rennpferd.

Diese alte Liebe wird geweckt, als in Magdeburg Menschen mit Sachverstand für den Pferdesport gesucht werden. Dort versprüht er von Anfang an sein Credo: „Dem Pferdesport haftet ja der Makel an, dass sich dort ein paar Reiche und Schöne engagieren, um ihre Pferde laufen zu lassen. Das ist hier in Magdeburg aber anders und soll auch so bleiben", sagt er und verweist auf den Vorstand des Rennverein, von dessen Mitgliedern noch nicht mal jeder Zweite ein Pferd hat.

Zahl der Mitglieder steigt

Und er verweist auf Angebote für Menschen mit schmalem Portemonnaie. „Das geht schon beim Vereinsbeitrag los. Für 75 Euro Jahresbeitrag kann man bei uns mitmachen. Da zahlt man in manchem Brieftaubenverein mehr - und ein Pferd muss man auch nicht mitbringen", scherzt Baltus wieder. Es zähle nur der Wille, dem Verein helfen zu wollen. Das Credo wirkt offenbar. Die Zahl der Mitglieder wächst unter seiner Regie von 55 auf 231 an. So können auch die Folgen der zweiten Flut 2013 besser gemeistert werden. „Gemeinsam mit der Stadt als Eigentümer haben wir gesagt: Wir packen das, auch wenn wir während der Flut heulend auf der umspülten Tribüne saßen." Seitdem wurden unter Führung von Baltus knapp zwei Millionen Euro aus Eigenmitteln, Sponsorengeldern und Geld der Flutversicherung in den Herrenkrug gesteckt, um das Gelände wieder nutzbar zu machen. Dort tummeln sich inzwischen bei den sechs Renntagen im Jahr mehrere Tausend Besucher. Die mit dem kleinen Geldbeutel sind dabei deutlich in der Überzahl.

Ein bisschen Schickimicki

Aber Baltus weiß auch das weiße Vip-Zelt zu schätzen: „Ohne Schickimicki sind die Renntage eben nicht zu finanzieren und erst recht nicht die weitgehend familienfreundlichen Preise von der Bratwurst bis zum Eintritt, der mitunter sogar frei ist." Um die 90.000 Euro pro Renntag muss der Verein aufbringen, um Preisgelder und Veranstaltungskosten decken zu können. Damit sei auch die Obergrenze erreicht, sonst würde die Qualität leiden. Der weitere Wiederaufbau nach dem Hochwasser gehört dazu. So werden dringend neue Sanitäranlagen benötigt.

 

Pferdesport mit Volksfestcharakter

Was sich die Besucher wünschen, holt sich Baltus auch bei Besuchern direkt ab. Wer genau hinsieht, kann Baltus an Renntagen übers Gelände schlendern sehen, immer im Gespräch mit ganz normalen Gästen. Dabei läuft er an diesen Tagen manchmal mehr als so manches Rennpferd auf der 1700 Meter langen Runde des Geläufs. Dafür kommt Baltus regelmäßig mit Ideen und Kritiken bepackt wieder zurück in die kleine Geschäftsstelle oberhalb der Tribüne, wo gemeinsam mit vielen weiteren Rennvereinsmitgliedern wie Bernd Busse, Ronald Gaedecke oder Ottokar Schröder, um nur einige zu nennen, die Vereinsarbeit weitgehend ehrenamtlich vorangetrieben wird mit dem Ziel: den in diesem Jahr 110 Jahre alt gewordenen Rennverein in Magdeburg weiter zu dem zu machen, was er für viele Magdeburger inzwischen wieder ist: ein Stück Kultur in Magdeburg mit Volksfest-Charakter statt elitärer Pferdesport.

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