Magdeburg l „Das Häkeln hilft den Kindern. Und es hilft mir“, sagt Ingeburg Hartmann. Als Häkel-Oma stellt sich die 61-Jährige in Einrichtungen wie Kinderheimen und Frauenhäusern vor und bereitet Jungen und Mädchen eine Freude. Das Schicksal von missbrauchten, misshandelten und erkrankten Kindern geht ihr besonders nah. „Ich möchte, dass sie einen treuen Begleiter haben, den sie in den Arm nehmen und dem sie sich anvertrauen können. Eben so, wie einem besten Freund“, sagt sie.

Eigene Kindheit schmerzlich vermisst

Diesen hat Ingeburg Hartmann in ihrer Kindheit vermisst, als sie schwere Tage erlebte, deren Verarbeitung bis heute andauert. Was sie in den Jahren, die eigentlich für Unbeschwertheit stehen sollen, erlebt hat, prägt sie bis heute. Sie sind auch der Grund für die Depressionen, an denen sie leidet. „Ich habe auch Therapien absolviert, mehrere sogar. Seitdem ich stricke, habe ich keine schlimme depressive Phase mehr gehabt“, sagt sie mit klarer Stimme. Wenn sie zu Nadel und Faden greift, vergisst sie buchstäblich die Welt um sich herum. „Dann stelle ich mir vor, wie die Kinder reagieren, wenn sie den Teddy oder die Puppe das erste Mal sehen, die ich gerade anfertige. Die Zeit vergeht dann wie im Flug.“ Nicht selten sitzt Ingeburg Hartmann zehn Stunden oder länger in ihrem Wohnzimmer und lässt ihre Gedanken kreisen. Zum Beispiel um ihre Tochter, die ihren ersten Geburtstag nicht erleben sollte. Oder daran, dass sie ihren Beruf als Sachbearbeiterin vor drei Jahren krankheitsbedingt aufgeben musste. „Das Hobby hilft mir beim Verarbeiten. Als Häkel-Oma habe ich eine neue Aufgabe gefunden“, sagt sie.

Für Kinder mit dem Hobby begonnen

Beachtlich ist, dass sie dafür extra mit dem Häkeln angefangen hat. „Früher hat mich das überhaupt nicht interessiert“, verweist sie. Über einen Fernsehbeitrag ist Ingeburg Hartmann auf eine Frau aufmerksam geworden, die mit selbst gefertigten Puppen anderen eine Freude bereitet. „Da wusste ich sofort, das ist auch etwas für mich. Die anfänglichen Rückschläge bei den ersten Häkelversuchen habe ich gut weggesteckt, denn ich habe Geduld und ja auch ein Ziel.“ Mittlerweile kann sie auf Anleitungen verzichten und stellt ihre eigenen Kreationen zusammen. „Ich erkundige mich vorab, in welchem Alter die Kinder und Jugendlichen sind, um dann hoffentlich ihren Geschmack zu treffen.“ Hunderte Figuren in bunten, fröhlichen Farben und mit fast menschlichen Zügen sind binnen zwei Jahren entstanden. Und die Kontakte und Verbindungen sind gewachsen. „Die erste Einrichtung, der ich einen Sack voll Puppen, Teddys und Tieren spenden konnte, war das Kinderheim ‚Erich Weinert‘. Für mich war das ein sehr bewegender Moment, das Haus zu besuchen“, blickt sie zurück.

Viele Einrichtungen bedacht

Mittlerweile finden sich die Gerontopsychiatrie des Klinikums Magdeburg, die Jugendämter von Magdeburg und Pinneberg, ein Waisenhaus sowie Frauenhäuser aus der Region, die Kindertagesstätte „Mandala“, der Verein „Wildwasser“ mit seiner Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt, die Magdeburger Tafel, zwei Therapiegruppen einer Psychologin sowie die Lebenshilfe Magdeburg in der Liste der Einrichtungen wieder, die mit einer Spende bedacht werden konnten. Seit kurzem gibt Ingeburg Hartmann ihr Wissen an eine Lebenshilfe-Wohngruppe weiter, mit der sie sich im Zwei-Wochen-Rhythmus trifft. In der Kita „Mandala“ hat sie einen wöchentlichen Termin. Ab Januar ist dies auch im Kinderheim „Erich Weinert“ geplant.

Facebookgruppe gegründet

Interessierte finden auch selbst den Weg zur Häkel-Oma: Ingeburg Hartmann hatte im Internet beim sozialen Netzwerk Facebook eine Gruppe gegründet, die Häkelbegeisterte ansprach, „um noch mehr Kinderaugen zum Leuchten zu bringen“. Diese zählte mehrere Hundert Mitglieder und diente nicht nur für Gleichgesinnte als Austauschplattform, sondern auch als Kontaktbörse. Mehrfach konnten auf diese Weise Puppenspenden vermittelt und Materialspenden gewonnen werden. Die Kita „Mandala“ erreichten durch ihr Engagement Puppenkleider u. a. aus Norwegen. „Ich sehe mich als Teil einer großen Gemeinschaft, die ehrenamtlich mit ihrem Hobby zeigt, dass man auch mit kleinen Dingen viel bewirken kann“, so Ingeburg Hartmann. Auch das gehört zum heutigen Zeitalter: Bei Facebook kam es zu Beschimpfungen, so dass die 61-Jährige die Gruppe mittlerweile geschlossen hat. Dies bedeutet aber nicht das Ende des Tatendrangs. „Ich war schon immer an Technik interessiert und betreibe nun eine eigene Internetseite. Der Austausch mit anderen macht mir großen Spaß“, sagt sie.

Das Helfen und Für-andere- Einbringen ist schon immer ein Teil ihres Lebens, wenn auch zunächst ein beiläufiger. Als viertes von sieben Kindern hat sich Ingeburg Hartmann seit dem zehnten Lebensjahr um eine ihrer Schwestern, dann um eine Nachbarin gekümmert, bis diese schließlich in ein Heim musste. Zwei Jahre nahm sie sich zweier an Demenz erkrankter Frauen und später ihrer ehemaligen Schwiegereltern an, bis diese verstarben.

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