Magdeburg l „Wie kann ich mich bei Ihnen bedanken? Ich habe leider nichts, was ich Ihnen geben kann“, sagt eine sichtlich ergriffene Frau beim Besuch bei den Barber Angels an der Mittagstraße, nachdem sie sich mit ihrem neuen Haarschnitt und geschminkt sowie mit einem neuen Kleid im Spiegel betrachtet. Im November organisiert der Verein auf Initiative von Cathrin und Niccoló Gruhn einen Einsatz, bei dem Obdachlose und Bedürftige mit einer neuen Frisur, Essen und Kleidung versorgt werden. Bezahlt wird mit einem Lächeln, so das Prinzip. Es ist das dritte Treffen dieser Art in diesem Jahr, die von Mal zu Mal größer werden. „Das zeigt, wie groß der Bedarf ist, zu helfen“, sagt das Ehepaar einstimmig.

Begegnung auf Augenhöhe

Sie sprechen nicht von „denen“ oder Obdachlosen - die Besucher werden respektvoll „Gäste“ genannt, die ehrenamtlich von den Friseuren und Unterstützern bedient werden. Die anfängliche Skepsis und Scham der Gäste wird schnell gebrochen, die Barber Angels pflegen einen offenen Ton und wirken auch wegen ihrer Lederwesten, ihr Erkennungsmerkmal, wie eine verschworene Gemeinschaft, die jedem der Besucher ihre Arme ausbreitet. Man begegnet sich auf Augenhöhe. „Wir möchten sie für ein paar Stunden aus ihrem harten Alltag herausholen und zeigen, dass sie nicht alleine oder gar vergessen sind“, so Friseurmeisterin Cathrin Gruhn, die mit ihrem Mann in Schermen wohnt.

Sie betrieb in Genthin einen Salon, ehe die 53-Jährige der Wunsch nach einer neuen Herausforderung 2012 nach Magdeburg führte. Mit dem Haarstudio „Szenario“ ist sie an zwei Standorten zu finden. Über einen Kollegen wurde sie bei einer Weiterbildung auf die Barber Angels Brotherhood (englisch: Bruderschaft der Friseur-Engel) aufmerksam, die seit 2016 in Europa aktiv ist und an der sich über 200 Friseure beteiligen.

Vom Anliegen des Vereins, sich ehrenamtlich für Bedürftige einzusetzen, fühlen sich Cathrin und Niccoló Gruhn gleichermaßen angesprochen. Sie als Friseurin, er als buchstäblich Mann für alles, der u. a. die Organisation von Sachspenden und Einladungen übernimmt. „Es wird jede helfende Hand benötigt. Und wenn es nur zum Kaffeekochen ist“, sagt der 50-Jährige. Und seine Frau ergänzt: „Heutzutage ist es wichtig, sich sozial zu engagieren, weil viel zu oft Ellenbogen ausgefahren werden und nur an sich gedacht wird.“ Daher bringen sich die beiden auch in der Mitteldeutschen Krebsforschung ein.

Feuertaufe bei Minusgraden in Hannover

Bei einem Einsatz der Barber Angels in Hannover erlebte das Paar seine Feuertaufe und stand bei -11 Grad Celsius zu seinem Wort. „Wir haben ein paar Tage gebraucht, um das Erlebte zu verarbeiten. Alkohol und Drogen sind oft nur Klischees. Die Gründe für den Besuch einer sozialen Einrichtung können auch die Folge einer Krankheit oder eines Schicksalsschlages sein. Das hat uns sehr bewegt und bestärkt, das Anliegen der Friseur-Engel in Magdeburg weiterzutragen“, so Cathrin Gruhn.

In Absprache mit der Bahnhofsmission organisieren sie Einsätze am ZOB am Bahnhof, zuletzt einen im Sozialkaufhaus „Help 2007“, wo die Gäste bei einer warmen Mahlzeit verweilen und miteinander ins Gespräch kommen, während 15 Friseure sowie eine Vielzahl von Helfern sich um sie kümmern.

Emotionale Momente bei den Einsätzen

„Dass von Mal zu Mal mehr Besucher mobilisiert werden, zeigt auch, wie nachhaltig die Treffen sind und wie wohl sich die Gäste fühlen. Leider geht Bedürftigkeit oft mit einer sozialen Vereinsamung einher, daher soll der Austausch gefördert werden“, so Niccoló Gruhn. Möglich sei dies, weil mit Partnern wie dem Verein Green Bike, einem Sportlernetzwerk, der dm-Filiale an der Halberstädter Straße, dem Elbelandhaus und Stern Auto Magdeburg und einem Allgemeinmediziner Unterstützer gewonnen werden konnten.

Mit seinen Erfahrungen, die der gebürtige Wernigeröder unter anderem auf seinen Lebensstationen in Rostock, Bremerhaven und Perleberg in Jobs etwa als Vollmatrose der Hochseefischerei, in Kneipen und auf dem Bau gesammelt hat, gilt der Straßenreiniger des städtischen Abfallwirtschaftsbetriebes als „Papa Bär“ der Friseur-Engel, was auch auf seine kräftige Statur, tiefe Stimme und seine Sanftmut zurückzuführen ist.

Sein großes Herz wird bei einem Treffen im Sommer auf der Ferieninsel Mallorca auf die Probe gestellt, wo sich knapp 600 Besucher einfinden. „Ich habe noch nie so viele bedürftige Kinder gesehen. Gestandene Männer mussten sich eine Auszeit nehmen vom Haareschneiden, weil sie ihre Tränen nicht zurückhalten konnten. Auch hier in Magdeburg wurde es jedes Mal emotional“, so Gruhn mit feuchten Augen.

Planungen für 17. Februar laufen schon

Der letzte Einsatz der Barber Angels in Magdeburg liegt zwar erst ein paar Tage zurück, die Planungen für den nächsten am 17. Februar laufen aber schon auf Hochtouren. Dass sich bereits Kisten mit Kleiderspenden bei ihnen zu Hause stapeln, die auch von Volksstimme-Lesern zur Verfügung gestellt wurden, zeigt, dass Cathrin und Niccoló Gruhn mit ihrem Einsatz einen Nerv treffen, wenn man so will. Wir möchten nur den Anstoß geben, selbst aktiv zu werden“, sagen sie. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass eine Friseurin in Stendal die Idee übernehmen wird.

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