Magdeburg l Am 10. September - nach langen, erdrückend heißen Sommermonaten - erreicht das Fischsterben den Adolf-Mittag-See. Im sonst so idyllischen Stadtpark bietet sich ein grausiges Bild. Überall treiben tote Fische auf dem Wasser. Ein übel-fauliger Geruch liegt in der Luft. Wenn die Angler nicht schnell handeln, gibt es nichts mehr zu retten aus dem Adolf-Mittag-See.

Die noch lebenden Fische, darunter Aale, Brassen, Plötzen, Rotfedern und Schleie, werden mit Keschern herausgeholt, in Fischtransportbehälter umgeladen, mit Sauerstoff versorgt und u.?a. in die noch sauerstoffreiche Ehle bei Biederitz umgesetzt. „Es war ein gutes Gefühl, wenigstens ein Teil von ihnen zu retten“, sagt Anglerchef Harald Rohr.

Ohne Blick auf die Uhr

Der niedrige Wasserstand und der akute Sauerstoffmangel waren es, die zuvor schon zu massivem Fischsterben zweimal im Salbker See I und auch in der Schrote geführt hatten. Auf mehr als 1100 Kilogramm schätzt Harald Rohr die Menge an verendeten Fischen in diesem Sommer. Ein Fischsterben in diesem Ausmaß hat es noch nicht gegeben, fügt der 65-Jährige an.

„Da kommt Sonntagmorgen der Anruf, dass die Fische tot auf dem Wasser treiben“, erzählt Rohr. Es ist keine Frage. Die Angler packen Wathosen und Gummistiefel ins Auto und machen sich auf den Weg, um zu retten, was zu retten ist. Auch sonntags, bis in den Abend hinein, sind die Petrijünger in diesem Hitzesommer im Rettungseinsatz für die Magdeburger Fischwelt.

 „Natur- und Tierschutz hören für uns nicht an der Wasseroberfläche auf“, sagt Rohr bestimmt. Deshalb ist der ehrenamtliche Einsatz der Magdeburger Angelfreunde selbstverständlich. Zu jeder Tag- und Nachtzeit, wenn es sein muss. Trotz aller Dramatik, gab es auch schöne Momente bei diesen Einsätzen, erinnert er sich. Beim Notabfischen an der Schrote standen ein paar Mütter mit ihren Kindern am Ufer und haben die Angler beobachtet. „Wir sind hin, haben ein paar abgekescherte lebende Fische gezeigt und erklärt, warum wir das machen“, so Rohr. Die Angler haben sich gefreut über das Interesse, auch der kleinen Magdeburger.

Oft mehrere Einsätze im Jahr

Der Einsatz der gut 1800 Angelfreunde im Verein hört jedoch an der Wasserkante längst nicht auf. Die Petrijünger sind auch zur Hege und Pflege ihrer Pachtgewässer verpflichtet. Jedes Mitglied vier Stunden pro Jahr, doch in vielen Gruppen schauen die Angelfreunde nicht auf die Uhr. Die Gruppe 222 „Olvenstedt I“ z. B., die allein in diesem Jahr schon viermal am Sternsee aufräumte. Oder die „Magdeburger Hechte“, die am Salbker See schon auf sechs Einsätze kommen.

Sechs bis sieben Tonnen Abfälle und illegalen Abfall holen die Angler jedes Jahr aus der Landschaft, auch aus Naturschutzgebieten wie der Kreuzhorst. Arbeit fürs Gemeinwohl. Und eine „tolle Gesamtleistung unserer Angler“, wie deren Chef Harald Rohr findet. Er freut sich deshalb über die Nominierung zum Magdeburger des Jahres – „stellvertretend für alle“.

An 34 Pachtgewässern werfen die Mitglieder des Vereins regelmäßig ihre Angeln aus. Fische zu fangen, sei das eine. „Es geht aber vor allem auch um das Naturerlebnis“, beschreibt Harald Rohr die Faszination dieses Hobbys. Sie packte ihn schon als Kind, als er von seinen Eltern die erste Angel geschenkt bekam und beim Urlaub in Bad Sarow mit dem Schlauchboot „voller Fische“ stolz wie Oskar anlandete. Diese Freude und das Naturerleben seien es auch, was damals wie heute viele Elbestädter zum Hobby und in den Verein führen. „Nachwuchssorgen“ kennt man hier nicht.

Verbote sind der falsche Weg

Umtreiben können den Anglerchef und seine Mitstreiter ganz andere Dinge. Wenn z. B. manche Zeitgenossen einfach ihren Sperrmüll oder Bauschutt in die Landschaft kippen. Da findet Anglervorsitzender Rohr deutliche Worte und fordert auch die Stadt zu entschlossenerem Handeln auf. Die Angler helfen gern, so betont er. Doch seien sind nicht die Müllkolonne der Verwaltung.

Deutliche Kritik üben Rohr und seine Mitstreiter auch am Entwurf für die Landesverordnung Natura 2000. Im Fokus: geplante Betretungsverbote an der Elbe. „In einer über Jahrhunderte von Menschen geprägten Kulturlandschaft ist das der falsche Weg“, sagt Rohr, der sich zugleich ehrenamtlich als Vizepräsident im Landesanglerverband engagiert.

Als dieser ist Harald Rohr am 11. Dezember zu einer Anhörung der Koalitionsparteien im Landtag eingeladen. Er freut sich auf die Gelegenheit, hier klar Stellung zu beziehen. Es geht um die Interessen der Angler, aber längst nicht nur, so betont er. Die geplante Landesverordnung betreffe alle, die am und mit dem Fluss leben. Der Anglerverein sei zwar unparteiisch, „aber nicht meinungslos“, ergänzt er.

Heute wird aufgeräumt

Es ist seine Art, gerade heraus zu sagen, was er denkt. Wohl überlegt, mit guten Argumenten. Man muss den Mund aufmachen, wenn es nötig ist, erklärt Rohr sein Naturell. Er hat Verantwortung übernommen, schon immer. Im Berufsleben bei der Polizei und im Privaten im Ehrenamt. Er gründete den Angelsportverein „Petri Heil“ in Ahlsdorf und ist seit 2015 Chef vom Magdeburger Anglerverein, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1882 zurück reichen. „Arbeite so, dass dir wenige etwas zu sagen haben, aber bleibe Mensch“, hat der Vater ihm mit auf den Weg gegeben.

Ja, das ziehe sich wie ein roter Faden durch sein Leben, bemerkt der gebürtige Jeßnitzer mit einem Lächeln. Ehefrau Sabine ist Magdeburgerin. 1993 zog er zu ihr in die Elbestadt. Magdeburg sei für ihn die „wichtigste Stadt“. Geliebte Heimat, reich an Geschichte und Chancen. Es gebe viele engagierte und interessierte Magdeburger, weiß Rohr aus seinem langjährigen Ehrenamt im Verein. Jetzt, da er im Ruhestand ist, widmet er diesem noch mehr Zeit. „Nicht meckern, sondern machen“, lautet sein Leitspruch. Und das nicht nur, wenn er wieder die nächsten Arbeitseinsätze mit seinen Angelfreunden plant.

Am heutigen Sonnabend krempeln Magdeburgs Angler z. B. erneut die Ärmel hoch. Aufgeräumt wird heute an der Elbe am Mückenwirt, am Petriförder, im Handelshafen und am Adolf-Mittag-See.

Hier geht's direkt zur Abstimmung.

Weitere Infos zur Leserwahl "Magdeburger des Jahres" finden Sie in unserem Dossier.