Magdeburg l Der Rasen wird zur Bühne, der Garten zum Konzertsaal. Die Rossinis spielen beliebte Klassiker. Ihre Musik berührt das Publikum, allesamt hochbetagte Menschen, die, teils in Rollstühlen sitzend, den Klängen von Violine und Kontrabass lauschen. Ihre Blicke heften sich an die Musiker und ihre Instrumente, so manche Träne fließt.

Das klingt schön und ist es auch. Nur die Umstände sind es nicht. Die Corona-Pandemie zwingt zum Ausweich auf die Höfe. So erhalten diese Konzerte, die bis in den Frühsommer 2020 hinein in Magdeburger Pflegeheimen erklingen, ihren Namen: Hofkonzerte; inzwischen auch ausführlich dokumentiert in der Broschüre „Gemeinsamkeiten in Zeiten von Corona“.

Es war eine Kampfansage von Petra Schubert und ihrer Mitstreiterin Gudrun Horlach: „Wenn wir nicht in die Heime gehen können, dann bleiben wir davor. Wir vergessen Euch nicht!“

Die Heimatstadt wieder aufgebaut

Schon seit mehr als 20 Jahren stellt Wirbelwind Petra Schubert Konzerte für die ältere Generation in Magdeburg auf die Beine: Zweimal im Jahr im Frühjahr und Advent erfreut die „Musik am Nachmittag“ im Amo jeweils rund 500 Senioren bei Kaffee und Kuchen. Seit 2015 werden die Rentner zudem monatlich zum beliebten Tanztee ins Amo geladen und seit 2014 besucht Petra Schubert gemeinsam mit dem Rossini-Quartett, regelmäßig begleitet von Kammersängerin Undine Dreißig, inzwischen zehn Pflegeheime, um dort den Bewohnern Freude und Abwechslung zu bereiten.

Zwanzig Konzerte sind das allein schon jedes Jahr, finanziell gestemmt von der Internationalen Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation in München und der Stadt Magdeburg, worauf Petra Schubert und Gudrun Horlach, die bei den Projekten seit zwei Jahren fest an ihrer Seite steht, besonders stolz sind. Zeige dies doch die Wertschätzung der ehrenamtlichen Arbeit der beiden Senioren und vor allem der Zielgruppe, der Bewohner in den Pflegeheimen. „Diese Menschen haben ihre Heimatstadt nach dem Krieg wieder aufgebaut. Mit viel Kraft und Liebe sorgten sie unter vielen Entbehrungen für das Wohl ihrer Familien.“

Das werde heute oft vergessen. Die hochbetagten, körperlich beeinträchtigten und teils demenzkranken Bewohner hätten mehr Anerkennung und Zuwendung verdient, betonen Petra Schubert und Gudrun Horlach. Die Pflegekräfte leisteten ihr Menschenmöglichstes, auch ihnen gebühre große Anerkennung. „Es reicht aber nicht, satt und sauber zu sein“, gibt Gudrun Horlach zu bedenken. Es brauche mehr, um sich auch im hohen Alter an jedem Tag ein Stück erfreuen zu können. Gerade, wenn Krankheit und Leiden dies erschweren. Wenn es vielleicht auch wenig Kontakt zu Angehörigen gebe, was nicht selten der Fall sei.

Darum der Weg in die Heime, darum die Konzerte immer wieder auch vor Ort: im Seniorenheim „Lübecker Straße“, in der Seniorenresidenz „Am Adelheidring“, bei den Pfeifferschen Stiftungen, im Pflegeheim „Krähenstieg“, im Awo-Pflegeheim „Hermann Beims“, im Mehrgenerationen-Pflegezentrum am Wilhelm-Höpfner-Ring und, und, und ... In fast ein Dutzend Pflegeheimen freuen sich die Bewohner schon regelmäßig auf die „Musik am Nachmittag“. Die 76-jährige Petra Schubert trommelt unermüdlich bei Spendern und Sponsoren, so können manchmal noch ein paar Konzerte in Heimen draufgelegt werden. Alles war dafür bestens organisiert – auch in diesem Jahr.

Dann schlug das Coronavirus zu

Aber dann schlug das unheilvolle Virus zu. Kontaktsperre, keine Besuche, keine Konzerte im Heim. Was das für die Menschen dort bedeutete, ließe sich kaum in Worte fassen, sagen Petra Schubert und Gudrun Horlach. „Sie haben es nicht verstanden. Sie haben gedacht: Ist wieder Krieg? Haben wir eine schlimme Krankheit, dass uns niemand besucht? Gibt es genug zu essen?“ Vertraute Gesichter fehlen. Berührungen. Umarmungen. Stattdessen Ängste und schmerzliche Gefühle der Einsamkeit, die auch für das Personal eine zusätzliche Herausforderung darstellen.

Das Coronavirus bedeutete nicht nur das Aus für die Konzerte in den Heimen, sondern verordnete auch einem anderen Herzensprojekt der beiden eine Zwangspause: Die 68-jährige Gudrun Horlach mit ihrer Gitarre und Petra Schubert gehen seit Anfang 2019 als „Singe-Omis“ einmal in der Woche in die Seniorenresidenz „Am Eiskellerplatz“, um dort gemeinsam mit anderen Omis zu singen, zu lachen und zu tanzen. Die Singe-Omis Petra und Gudrun haben für jede Seniorin ein Namensschild gefertigt, denn oft würden diese gar nicht mehr bei ihren Vornamen gerufen. Sie seien „Mutti“, „Oma“, „Frau Müller“. „Manchmal aber kennen sie ihren eigenen Vornamen nicht mehr“, meint Gudrun Horlach nachdenklich. Im kleinen Chor der Singe-Omis stimmen sie nun aber äußerst textsicher mit ein: Lea, Marlies, Helene, Erika, Elfriede, Hannelore, Helga oder Käthe, die ihr Brot einst als Kranfahrerin im Thälmannwerk verdiente.

Das Singen wärmt die Seelen, küsst Erinnerungen wach und führt sogar dazu, dass eine demenzkranke Bewohnerin, die kaum noch spricht, plötzlich die Worte wiederfindet. „Es ist unglaublich“, freuen sich Petra Schubert und Gudrun Horlach. Beide eint die Liebe zur Musik und der tiefe Wunsch, mit gebündelter Kraft etwas gegen die Einsamkeit älterer Menschen zu tun. Petra als Frontfrau, Gudrun als „graue Eminenz“, Mitorganisatorin und technische Verstärkung.

Botschaften zum Advent

Die Musik zu den alten Menschen bringen - gerade jetzt in der schwierigen Corona-Zeit sei das so wichtig. Dafür stehen die Hofkonzerte. Aber weil auch die Adventskonzerte derzeit nicht stattfinden können, schicken Petra Schubert und Gudrun Horlach neben dem jährlichen Weihnachtsbrief jetzt an jedem Adventssonntag ein persönliches Video an die Bewohner und Mitarbeiter der Heime. Untermalt mit Bildern aus ihrer Heimatstadt und festlicher Musik. Die Botschaft ist klar: „Wir sind weiter für Euch da. Ihr seid nicht vergessen!“

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