Medienwandel

Magdeburger Bibliothekarin blickt zurück

In 47 Arbeitsjahren hat die Magdeburgerin Bibliothekarin Kerstin Böhnke den Medienwandel vom einfachen Buch bis zur Hörspielbox hautnah erlebt.

26.03.2021, 00:00

Magdeburg

Am 1. September 1974 trat Kerstin Böhnke ihre Lehrlingsstelle als Bibliotheksfacharbeiterin an. Damals noch in der Weitlingstraße in der Bibliothek „Wilhelm Weitling“. „Ich hatte als Kind mein Taschengeld immer schon in der Erich-Weinert-Buchhandlung umgesetzt“, erzählt sie, „außerdem habe ich gern sortiert.“ Ihre Lehrerin sagte schon in der 8. Klasse, dass sie doch Bibliothekarin werden sollte. „Ich danke ihr noch heute für diesen Rat“, sagt sie.

Nach zwei Jahren Lehre bildete sie sich im Fernstudium weiter. Als 1981 die Kinderbibliothek eine neue Leiterin brauchte, wurde Kerstin Böhnke gefragt, ob sie die Stelle übernehmen möchte. „Mit großen Hemmungen“ sagte sie zu, wie sie zugibt. „Ich konnte mir nicht vorstellen, vor Gruppen aufzutreten. Doch nach der zweiten Veranstaltung waren alle Bedenken weg“, erinnert sie sich. Noch heute empfindet sie die Veranstaltungen mit Kindern als eine große Freude.

Bis heute als Leiterin dabei

Bis heute leitet Kerstin Böhnke den mittlerweile als Familienbibliothek firmierenden Bereich der Stadtbibliothek. Sie hat unzählige Veranstaltungen für Groß und vor allem Klein organisiert, wie zum Beispiel den Lesesommer oder das Bilderbuchkino. „Es war immer das Ziel, für die Kinder das Beste herauszuholen“, sagt sie.

Bis heute unterhält sie engen Kontakt zu den Schulen. „Zu DDR-Zeiten war der Bibliotheksbesuch noch im Lehrplan der 2. und 5. Klasse vorgeschrieben“, erinnert sie sich. „Es gab ein Leser-Aktiv, in dem nachmittags Schüler ehrenamtlich in der Bibliothek halfen.“ Einige der Schüler arbeiten heute dort.

Entsprechend hoch waren damals auch die Leserzahlen gerade bei den Kindern. Nach der Wende brachen sie zunächst ein. Doch mittlerweile sind sie wieder auf einem sehr hohen Niveau, sagt sie.

Bücher werden noch gelesen

Kerstin Böhnke hat auch die technische Entwicklung der Medien miterlebt. „Als die ersten Schallplatten kamen, war das neu und aufregend“, sagt sie. Dann folgten die Kassetten, CDs und CD-ROMs und viele weitere verschiedene Formate. „Die Bibliothek ist heute ein richtiger Medientempel“, erklärt die 63-jährige. Und trotz dieses Überflusses werde das klassische Buch immer noch gerne gelesen, sagt sie, mittlerweile auch wieder mit steigenden Zahlen.

Was sich ebenso gewandelt hat, ist die Technik in der Bibliothek selbst. Anfangs wurden die Bücher noch auf Karteikarten festgehalten, die man in die Nutzer-Leihkarte legte, erzählt sie. Als nach der Wende die ersten Computer auftauchten, sei das wieder sehr aufregend gewesen, „besonders, wenn man noch nie davor gesessen hat“.

Die jungen Bibliothekare waren es auch, die damals den verschütteten Keller in der Weitling-Villa entdeckten, ausbauten und als „Exlibris“ eröffneten. Der Jugendklub hat bis heute Kultstatus. „Zu Beginn gab es immer etwas Literarisches, Gedichte oder Geschichten, die jemand geschrieben hatte. Danach begann das, was für die meisten im Vordergrund stand: die Disco“, erzählt sie.

Ihre langjährige Erfahrung nutzt Kerstin Böhnke seit vielen Jahren als Lektorin. Sie sucht heraus, welche Bücher neu in den Bestand aufgenommen werden. „Problembücher“, in denen zum Beispiel über Mobbing aufgeklärt wird, seien ihr wichtig.

Zeit für Familie und Lesen

In wenigen Tagen wird sie zum letzten Mal ihre Bürotür zuschließen, „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, wie sie sagt. Einerseits freue sie sich darauf, mehr Zeit für Mann und Tochter zu haben. Auch könne sie dann selbst mehr lesen, vor allem Biografien von Künstlern und Krimis. Die Arbeit werde sie dennoch vermissen. „Ich habe mich hier jeden Tag wohlgefühlt“, sagt sie nach 47 Jahren. „Die Familienbibliothek hat aber so motivierte Mitarbeiter, dass ich weiß, dass sie in guten Händen ist“, ergänzt sie. Zudem wird sie der Stadtbibliothek als Nutzerin erhalten bleiben.