Schäferei

Magdeburger Wanderschäfer klagt über den Wolf und andere Schikanen

Er ist einer der Letzten seiner Art: Der Wanderschäfer Andreas Karwath hütet seine Herde am Elbufer nördlich des Herrenkrugparks in Magdeburg. Von früh bis spät. An 365 Tagen im Jahr. Aktuell hat er sein Auge auf 1000 Merinolandschafe.

Von Konstantin Kraft
Bei Wind und Wetter an 365 Tagen im Jahr schaut Wanderschäfer Andreas Karwath nach seiner Herde. Gerade ist er wieder im Wiesenpark in Magdeburg zu finden.
Bei Wind und Wetter an 365 Tagen im Jahr schaut Wanderschäfer Andreas Karwath nach seiner Herde. Gerade ist er wieder im Wiesenpark in Magdeburg zu finden. Foto: Konstantin Kraft

Magdeburg. Eine dicke Jacke, Gummistiefel und ein Filzhut schützen den Schäfer vor Wind und Wetter. An diesem Maitag hat es schon ein paar Mal kräftig geregnet. Sogar Schnee war gefallen. „Ein Schäfer ist ein rauer Hund“, sagt der 61-Jährige. An seiner Seite sitzen die beiden altdeutschen Schäferhunde „Lux“ und „Trixi“.

Der Wolf kommt regelmäßig zu Besuch

Seit vier Jahrzehnten, also quasi sein ganzes Berufsleben, arbeitet Andreas Karwath als Schäfer. Zu DDR-Zeiten hat er bei der LPG angefangen. Nach der Wende wurde er freier Wanderschäfer. Im Herrenkrug macht er seit zehn Jahren halt. Immer von April bis Oktober. Dann zieht er weiter. „Wir müssen hier hüten, weil es ein Naturschutzgebiet ist“, erklärt er. Gelernt hat Karwath den Beruf des Fenster- und Türenbauers in seiner Heimat in Eisenberg (Thüringen). Sein Vater wollte, dass er einen anständigen Beruf ausübt, mit geregelten Arbeitszeiten und freiem Wochenende. Es sollte anders kommen. Für den Schäfer gibt es kaum freie Tage. Karwath erzählt, dass er oft sogar in der Nacht bei seiner Herde schläft. Freilich im Auto. Gemütlich ist das trotzdem nicht. Aber: „Ich habe doch zu Hause nichts zu versäumen.“

Die nächtliche Stippvisite bei seinen Schafen hat noch andere Gründe. Der Schäfer befürchtet, dass ihm Lämmer gestohlen werden. Die Marktpreise für Lammfleisch seien gerade recht hoch. Der andere Grund ist der Wolf. Auf Wanderschaft, unter anderem im Bereich Möckern, kämen die Raubtiere regelmäßig zu Besuch. Seit 2014 hat Karwath mehr als 80 Tiere durch Wolfsrisse verloren, behauptet er. Seine Herdenschutzhunde tragen nachts Glocken. Die wecken den Schäfer, wenn es zu einem Wolfskontakt kommen sollte. Er würde dann mächtig Lärm machen und Lichthupen, um seine Herde zu bewachen. „Dass ein Wolf ein Schaf reißt, habe ich persönlich noch nicht erlebt“, sagt der Schäfer. Seinen Hunden könne er es ansehen, wenn sie in der Nacht mit dem Wolf zu tun hatten. Dann liegen sie morgens schlapp im Gras. Karwath ist nicht gut auf Isegrim zu sprechen. Er unterstützt Bemühungen aus dem Jerichower Land, die darauf abzielen, den Wolfsbestand zu reduzieren.

Ohne Fördermittel geht es nicht

Auf seinen Hütestock gelehnt, schaut der Schäfer seiner Herde nach. Stunde um Stunde. Ständig im Freien. Langweilig wird es ihm dabei nicht. Wenn nötig, hilft er den Mutterschafen bei der Geburt. Immer wieder halten zudem Spaziergänger und Radfahrer an und suchen das Gespräch. Und wenn es doch mal einsam wird: „Da denkst du über vieles nach, was du in deinem Leben vermasselt hast“, sagt Karwath und blickt die Elbe hinab.

„Das Wetter und die körperlichen Belastungen kann ein Schäfer wegstecken.“ Für Regen gibt es Ponchos. Gegen Kälte mit zweistelligen Minusgraden, wie in diesem Frühjahr, hilft lange Unterwäsche. In der Nacht wärmt die Klimaanlage im Auto und mitunter ein Schluck aus der Schnapsflasche, sagt er schmunzelnd. Was dem Schäfer dagegen schwer zusetzt, sind die alltäglichen Existenzängste. Andreas Karwath meint, dass sich die Schäfer zunehmend den Schikanen von Ämtern und Behörden aussetzen müssten.

Die Bürokratie habe überhand genommen. Mitunter beantrage er deshalb gar keine Entschädigung mehr für eingebüßte Schafe. Von der Politik fühlt er sich alleine gelassen. „Zu DDR-Zeiten war der Beruf des Schäfers noch geachtet. Wir haben das Volk ernährt und mit der Wolle warm gehalten.“ Heute funktioniert der Beruf nur noch mit Fördermitteln. Ein Grund, warum kaum noch jemand Schäfer werden möchte. „Für mich ist es die größte Freude, wenn mir ein Mensch sagt, du hast aber noch eine schöne Schafherde“, sagt der Wanderschäfer. Dabei kommen ihm die Tränen.

Ein Mutterschaf mit seinem Lamm an der Elbe. Wo nötig, hilft der Schäfer bei der Geburt.
Ein Mutterschaf mit seinem Lamm an der Elbe. Wo nötig, hilft der Schäfer bei der Geburt.
Foto: Konstantin Kraft