Brandstiftung

Magdeburgerin ist im Brandhaus am Kleinen Stadtmarsch aufgewachsen

In dem Haus, das Ende April am Kleinen Stadtmarsch in Magdeburg niederbrannte, ist Sigrid Rütten aufgewachsen. Ihr Vater hatte es nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut.

Sigrid Rütten zeigt die alten Baupläne für ihr Elternhaus am Kleinen Stadtmarsch. Mit ihrem Mann Adolf hat sie das beräumte Brand-Grundstück zu Pfingsten noch einmal besucht.
Sigrid Rütten zeigt die alten Baupläne für ihr Elternhaus am Kleinen Stadtmarsch. Mit ihrem Mann Adolf hat sie das beräumte Brand-Grundstück zu Pfingsten noch einmal besucht. Foto: Konstantin Kraft

Werder - Zu Pfingsten war sie noch einmal da. An dem Grundstück am Kleinen Stadtmarsch. Dort, wo einst ihr Elternhaus stand. Dort, wo sie als junges Mädchen aufgewachsen ist. „Da kam alles wieder hoch“, sagt Sigrid Rütten (77), geborene Nolte. Eine Mischung aus Trauer, Schock und Unglauben.

Wenige Wochen zuvor war das leerstehende Einfamilienhaus, in dem sie den Großteil ihrer Kindheit und Jugend verbracht hat, niedergebrannt. Sie hatte aus der Zeitung davon erfahren. Das Gebäude war als verkohlte Ruine abgebildet. Inzwischen sind die Überreste vom Gelände beräumt. Die Polizei geht von Brandstiftung aus.

Bauzeichnung aus dem Jahr 1948

Ihr Vater, Erich Nolte genannt Duderstadt, habe das Haus nach dem Zweiten Weltkrieg mit tatkräftiger Unterstützung seiner beiden Söhne auf dem damaligen Grundstück am Kleinen Stadtmarsch 11 b gebaut, erzählt die 77-jährige, die heute mit ihrem Mann in einer Wohnung in Reform lebt. In einem Ordner hat die Seniorin alte Dokumente zu ihrem Elternhaus aufbewahrt. Dazu gehört eine Bauzeichnung für ein „Grundstück Erich Nolte“ mit Datum vom Januar 1948. Ein Architekt namens Rohleder hat den Entwurf für ein Wohnhaus mit Schuppen gezeichnet. Sigrid Rütten ist wichtig, dass an dieser Stelle richtiggestellt wird, dass das Gebäude, das Ende April den Flammen zum Opfer fiel, ihr ehemaliges Elternhaus war. Auch, wenn es keine einfache Kindheit war, die sie dort verlebt hat.

Zuletzt war angenommen worden, dass es sich bei dem niedergebrannten Gebäude um ein altes Ausflugslokal im Schweizerhausstil handeln könnte. Um 1900 soll auf dem Grundstück ein „Café Wiesenpavillon“ existiert haben, bis es noch vor dem Zweiten Weltkrieg in Privateigentum überging und fortan als Wohnhaus diente. Denkmalpfleger sollten den Schutzstatus prüfen. Doch die Bausubstanz, die im Brand versehrt wurde, muss deutlich jüngeren Datums sein.

So sah das Haus am Kleinen Stadtmarsch nach dem verheerenden Brand aus. Inzwischen ist das Gelände beräumt.
So sah das Haus am Kleinen Stadtmarsch nach dem verheerenden Brand aus. Inzwischen ist das Gelände beräumt.
Foto: Konstantin Kraft

Bescheinigung von polnischer Militärmission

Um ihre These zu belegen, kann Sigrid Rütten nicht nur die erwähnte Bauzeichnung für den Neubau vorlegen, sondern auch eine Bescheinigung darüber, dass das Baugrundstück zumindest zeitweise im Besitz ihres Vaters war. Eigentlich gehörte der Grund einem Mann namens Jakob Eduard Weinmann. So steht es im Grundbuch festgeschrieben.

Wegen seines jüdischen Glaubens sah sich dieser gezwungen, Deutschland zu verlassen. Erich Nolte soll ihm geholfen haben, über die Grenze nach Tschechien zu kommen. So erzählt es Sigrid Rütten. Im Gegenzug sollte ihr Vater auf dem Grundstück am Kleinen Stadtmarsch bauen dürfen, um sich dort eine neue Existenz zu gründen. All dies unter dem Vorbehalt, dass Weinmann selbst keine Ansprüche mehr anmeldet. Sigrid Rütten hat zu der Grundstücksfrage noch eine Bescheinigung vom April 1948 im Ordner. Ausgestellt von Josef Zgola, seinerzeit Konsulatsbeamter der Polnischen Militärmission. In seiner Funktion als Grundstücksverwalter bestätigt dieser, dass zwischen ihm und Erich Nolte ein „vorläufiger mündlicher Pachtvertrag“ über einen Teil des Grundstücks Kleiner Stadtmarsch 11b besteht, „wozu Gartenland gehört, das bestellt werden muss“. Ob sich die Geschichte im Detail so zugetragen hat, ist schwer nachzuprüfen. Sicher scheint, dass Erich Nolte nach dem Krieg auf dem besagten Grund ein Haus für seine Familie gebaut hat.

„Meinen Papa habe ich immer nur im Blaumann gesehen“, sagt Sigrid Rütten. Er habe zunächst als Schausteller sein Geld verdient und sich später als Schrotthändler selbstständig gemacht. Kurios: Das Grundstück am Kleinen Stadtmarsch ging in den 1950er Jahren in kommunale Verwaltung über und wurde als „ausländisches Eigentum“ geschützt. Erich Nolte musste fortan Miete für sein selbst gebautes Haus zahlen. „38 Mark und 25 Pfennig im Monat.“ Er lebte dort noch bis in die 1980er Jahre.

Blätter von Bäumen als letztes Erinnerungsstück

Sie muss vier Jahre alt gewesen sein, als sie das erste Mal auf das Grundstück mit großem Garten am Eingang zum Stadtpark gekommen ist, erinnert sich Sigrid Rütten. Mitten im Umzug: „Das Wetter war so gut, dass ich auf dem Hänger der Zugmaschine sitzen konnte.“ Sie war die jüngste von vier Geschwistern und teilte sich ein Zimmer im Dachgeschoss des Einfamilienhauses. 1961 verließ Rütten ihr Elternhaus gen Leipzig. Dort arbeitete sie im Fernmeldeamt. Noch in Magdeburg hatte sie zuvor ihren jetzigen Ehemann Adolf kennengelernt. Die beiden sind ihr Leben lang zusammengeblieben. Im Mai hatten sie ihren 55. Hochzeitstag.

Getrübt wurde dieser freudige Termin durch die Nachricht vom Brand am Kleinen Stadtmarsch. „Pfingstsonntag sind wir dann rausgefahren. Da hat es mich nicht mehr in meiner Wohnung gehalten“, erzählt Sigrid Rütten. Vom Rand des nunmehr leeren Grundstücks hat sie sich die Blätter zweier Bäume mit nach Hause genommen. „Das ist das letzte Erinnerungsstück“, sagt sie. Und: „Für mich ist das Kapitel abgeschlossen.“

Ein altes Familienfoto vor dem Haus. Der Platz vor dem Fachwerkbau war gepflastert.
Ein altes Familienfoto vor dem Haus. Der Platz vor dem Fachwerkbau war gepflastert.
Foto: Konstantin Kraft