Magdeburg l „Wir sind die Letzten“, sagt Ingrid Westphal über ihren Tante-Emma-Laden in der Immermannstraße in Magdeburg-Stadtfeld. Am Sonnabend wird es 45 Jahre her sein, dass sie dort das erste Mal an der Kasse saß. Am 31. Dezember wird es das letzte Mal sein. Dann schließt die 65-Jährige ihr Geschäft zu und geht in den wohlverdienten Ruhestand.

Mit ihr wird auch ein Ladenmodell in Rente geschickt, das es in dieser Form in Magdeburg nicht mehr gibt. Inhabergeführt, seit vielen Jahrzehnten geöffnet, mit Dingen des täglichen Bedarfs: Butter, Obst, eine Packung Milch. Tabakläden und Spätshops haben diese Nische mittlerweile besetzt. Auch bei ihr um die Ecke hat längst einer eröffnet. Das Flair in ihrem kleinen Laden mit den Steinfliesen und der Markise mit ihrem Namen darauf ist aber ein ganz anderes. Ähnlich wie es Eis Blume ganz in der Nähe schafft, die Vergangenheit ein Stück weit zu bewahren, begeben sich auch ihre Kunden auf eine kleine Zeitreise.

Als Ingrid Westphal ihre Arbeitsstelle antrat – am 5. September 1975, zufällig auch ihr Geburtstag – gehörte der Laden noch zur HO-Kette und im Angebot waren nur Obst und Gemüse. „Vorher war da auch schon ein Fleischer drin“, weiß sie zu berichten. Nach der Wende übernahm Spar zunächst die kleinen HO-Läden, wollte sie aber bald wieder loswerden. Für Ingrid Westphal und ihren Mann Rainer, eigentlich Maschinenbauingenieur im Sket und gar nicht vom Händlerfach, stand die große Frage im Raum: Schließen oder übernehmen?

Den Schritt nie bereut

Sie entschieden sich mutig für den Schritt in die Selbstständigkeit und haben diesen bis heute nicht bereut. „Auch wenn die Umstände nicht einfacher werden“, wie Ingrid Westphal einräumt. Aufgrund neuer Vorgaben des Finanzamts müssten sie sich jetzt zum Beispiel eine neue Kasse anschaffen. Dabei hatten sie die aktuelle erst vor vier Jahren gekauft.

Dass jetzt zum Jahresende Schluss sein wird, habe damit aber nur indirekt zu tun. „Es ist einfach Zeit“, sagt Rainer Westphal. Er ist 67, sie wird 66, in diesem Alter genießen andere längst ihren Ruhestand. Und Westphals? Jeden Morgen pünktlich um 6 Uhr werden die Rollläden nach oben gezogen. Über zwölf Stunden später haben die beiden Feierabend. Wenn sie mal frei oder Urlaub haben wollen, bleibt der Laden einfach zu.

Viele Kunden sind traurig

Der Anteil der Stammkunden sei im Lauf der Jahre altersbedingt immer weiter gesunken. Neue Kunden wie Studenten würden aber wieder nachkommen, sagt Rainer Westphal. Man kennt sich, mit vielen ist das Paar per Du. „Viele unserer Kunden sagen, dass es nicht gut ist, wenn wir aufhören“, erzählt er.

Die Corona-Krise hatte für die beiden – anders als bei den meisten anderen Selbstständigen – durchaus positive Folgen. Weil die Leute kaum mehr rausgingen und lieber in kleinen Läden einkauften, profitierten sie.

Wenn es nach den Westphals geht, soll das Ladengeschäft in dieser oder ähnlicher Form fortgeführt werden. Seit gut vier Wochen suchen sie bereits per Aushang im Schaufenster nach einem Nachfolger. Interessenten gab es wohl schon einige, aber nicht für einen Tante-Emma-Laden, sagt Rainer Westphal. Ein Friseur oder ein Vegan-Laden könnte einziehen. Das letzte Wort habe ohnehin die Vermieterin.

Am Jahresende ist Schluss

Am 31. Dezember öffnen die Westphals zum letzten Mal die Ladentür. Danach ist Schluss. Einen Ausstand im kleinen Kreis wird es vielleicht geben. Dann haben sie vier Wochen Zeit, um die Fläche besenrein zu übergeben. Es sei denn, es findet sich doch jemand, der den letzen Tante-Emma-Laden in Magdeburg am Leben erhalten will. „Das würden wir uns wünschen“, sagt Rainer Westphal.

Was die Zeit danach bringen wird, wissen sie noch nicht wirklich und sind selbst gespannt. „Erstmal ausspannen“, meint Rainer Westphal nur mit Blick auf die viele unbekannte Freizeit.