Corona-Pandemie

Schulen sind Covid-Infektionsherde

Die Zahl der Corona-Infektionen schnellt insbesondere wieder in Halberstadt und im Vorharz nach oben. Die Amtsärztin sieht Risiken für den Kreis.

12.03.2021, 20:00
Kristin Bauer von der Kieler Lornsen-Apotheke verarbeitet in der Max-Planck-Schule einen Corona-Test. Beschäftige in Schulen, die im Präsenzbetrieb eingesetzt sind, können sich bis zu den Osterferien bis zu zwei Mal pro Woche kostenlos testen lassen. Es werden Antigenschnelltests dafür eingesetzt. Die Testungen stellen keine ärztliche Leistung dar und können daher auch von hinreichend geschultem Personal wie ärztlichem Assistenzpersonal oder von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Apotheken vorgenommen werden. +++ dpa-Bildfunk +++
Kristin Bauer von der Kieler Lornsen-Apotheke verarbeitet in der Max-Planck-Schule einen Corona-Test. Beschäftige in Schulen, die im Präsenzbetrieb eingesetzt sind, können sich bis zu den Osterferien bis zu zwei Mal pro Woche kostenlos testen lassen. Es werden Antigenschnelltests dafür eingesetzt. Die Testungen stellen keine ärztliche Leistung dar und können daher auch von hinreichend geschultem Personal wie ärztlichem Assistenzpersonal oder von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Apotheken vorgenommen werden. +++ dpa-Bildfunk +++ dpa

Harzkreis l Dr. Heike Christiansen ist in Sorge. Wieder einmal. Anlass sind die Zahlen der Corona-Neuinfektionen, die die Harzer Amtsärztin täglich im Blick hat und die nach wochenlanger Stagnation auf niedrigem Niveau seit einigen Tagen wieder explodieren. Insbesondere in Halberstadt, aber auch im Bereich der Verbandsgemeinde Vorharz. Vor allem der Hintergrund sorgt die promovierte Medizinerin: „Wir haben es hier gehäuft mit der mutierten britischen Variante des Virus zu tun. Diese ist deutlich stärker ansteckend als das bislang verbreitete Covid-Virus. Und auch Kinder und Jugendliche verbreiten das Virus, denn mehr und mehr entwickeln sich Kitas und Schulen zu Schwerpunkten des Infektionsgeschehens.“
Das seien die Erkenntnisse aus dem aktuellen Infektionsgeschehen. Gegenwärtig sind nach Informationen der Volksstimme rund um Halberstadt zwei Gymnasien, vier Grundschulen und sechs Kindertagesstätten mit Infektionen betroffen. Welche genau, wollen die Verantwortlichen im Gesundheitsamt nicht sagen, weil insbesondere in diversen Netzwerken mit zuweilen heftiger Aggressivität reagiert werde.
Fakt ist aber: Der Harzkreis will mit Schnelltests, die auch Kinder, Schüler und Jugendliche anwenden können, gegensteuern. „Ich bin gerade mit dem Land im Gespräch, um so schnell wie möglich derartige Tests zu beschaffen“, so Heike Christiansen gestern.
Das bestätigt Ute Albersmann vom Sozial- und Gesundheitsministerium: „Wir sind seit Donnerstag mit dem Gesundheitsamt Harz in Kontakt und haben unbürokratisch Hilfe zugesagt.“ Sobald in der kommenden Woche die ersten Lieferungen mit diesen Schnelltests im Land eintreffen, sollen unmittelbar Sets in den Harz gehen. Es handele sich um Selbsttests, die von allen Altersgruppen genutzt werden können. Daneben gebe es noch Sets, die Lehrern und Erziehern zur Verfügung gestellt würden, damit diese sich regelmäßig – möglichst einmal wöchentlich – selbst auf eine Infektion hin untersuchen können, stellt die Amtsärztin klar.
Mit diesem Verfahren hofft Heike Christiansen die aktuelle Infektionswelle ausbremsen zu können. Wenn die Kita-Kinder und die Schüler im häuslichen Umfeld mithilfe der Eltern selbst testen, könnte es gelingen, Infizierte herauszufischen und so den Kreislauf von Neuinfektionen im Klassenraum zu durchbrechen. Der Harzkreis soll wohl als landesweit erster Landkreis derartige Schnelltests bekommen – wenn alles klappe könnten Mitte kommender Woche erste Lieferungen vor Ort eintreffen und an die Schulen verteilt werden.
Mit Blick auf die Schulen und Kitas schlägt Heike Christiansen Alarm, denn die aktuellen Erkenntnisse machten ihr große Sorgen: „Wir müssen erkennen, dass offenbar auch Kinder die Infektion übertragen. Wir sind uns außerdem sicher, dass in Halberstadt deutlich mehr als 50 Prozent der Fälle auf die britische Variante zurückzuführen sind. Und wir mussten lernen, dass diese sich unheimlich schnell ausbreitet, sie ist sehr stark infektiöser als das bislang bekannte Corona-Virus.“ Was ein Risiko auch für andere Regionen bedeute.
Die Medizinerin leitet daraus klare Schlussfolgerungen ab: Die bislang propagierten zwei Meter Abstand in Räumen reichten allein nicht mehr aus, um Infektionen sicher zu verhindern. „Stattdessen sollte in Innenräumen zusätzlich eine Maske getragen werden“, so ihre dringende Empfehlung, denn: „Allein eine Frühstücks-pause im Kollegenkreis ist schon ausreichend, um Infektionen weiterzugeben.“ Letztlich – und auch das ist eine ganz dringende Bitte von Dr. Christiansen – sollte zuhause bleiben, wer erkältet sei. „Immer erst testen, um Klarheit zu haben.“
Testen ist auch für Landrat Thomas Balcerowski das Stichwort. Der CDU-Politiker unterstützt jegliche Anläufe, um Kinder, Schüler und Erwachsene zu testen und so infizierte Personen herauszufischen. „Wir müssen ganz schnell auf die Bremse treten – das sind wir den Menschen schuldig, weil eine Corona-Infektion bekanntlich auch einen gefährlichen Verlauf nehmen kann. Außerdem können wir nur so den Anstieg der Inzidenzwerte stoppen und den Sprung über die magische 100er-Grenze verhindern.“ Sobald die Inzidenz über 100 steigt, greifen Notbrems-Automatismen, die alle Überlegungen, Geschäfte oder Freizeiteinrichtungen wieder zu öffnen, sofort stoppen.
Deshalb die massiven Tests. Zudem will Balcerowski Lehrer und Erzieher aus den betroffenen Schulen und Kitas im Raum Halberstadt nun bevorzugt impfen lassen. „Wobei ich ausdrücklich betone, dass das nicht zu Lasten der Senioren geht.“ Stattdessen werde – wer vom pädagogischen Personal geimpft werden wolle – mit dem Wirkstoff von Astrazeneca immunisiert.
Und in noch einem Punkt wolle der Harzkreis jetzt einen Schritt nach vorn machen: Beim Testprozedere und damit verbundener größerer Freiheit für negativ getestete Personen – Stichwort Handy-App „PassGo“.
Um diese von Halberstädter Software-Entwicklern geschriebene App im Harzkreis einzusetzen, hatte die Kreisverwaltung zum Wochenanfang einen Förderantrag ans Land gestellt, um bei der Etablierung der App und dem Aufbau von Testzentren finanziell unterstützt zu werden (die Volksstimme berichtete). Bislang steht nach Balcerowskis Worten eine Entscheidung über den Antrag noch aus. Auf Landesebene würden solche Überlegungen mit Interesse beobachtet, grundsätzlich werde aber eine bundesweit einheitliche Lösung favorisiert, so die Signale bislang aus Magdeburg.
Die Entscheidung des Landes über den Antrag soll nun nicht mehr abgewartet werden, so der Landrat am gestrigen Freitag. Stattdessen wollen die Kreisverwaltung und die Entwickler von der Spieß Netzwerk GmbH aus Halberstadt PassGo alleinverantwortlich an den Start bringen. Der Gedanke dabei: Die Entwickler kommen der Verwaltung preislich entgegen. Im Gegenzug soll der Harzkreis zur Modellregion werden, um die praktischen Möglichkeiten der App unter realen Bedingungen unter Beweis zu stellen. Quasi ein Gewinn für beide Seiten.
Ein wichtiger Ansatzpunkt der App: Menschen, die sich freiwillig einem Covid-Test unterziehen, können ein negatives Testergebnis in der App speichern. Der dort darauf basierend erzeugte QR-Code könnte wiederum genutzt werden, um den negativ getesteten Personen für eine gewisse Zeitdauer freien Eintritt in Restaurants und Läden sowie Kultur- und Freizeiteinrichtungen zu ermöglichen.