Magdeburg l Die Unfallzahlen zeigen es: Senioren ab 65 Jahren sind im Straßenverkehr in Magdeburg besonders gefährdet – egal ob als Fußgänger, Radler oder Autofahrer, unabhängig davon, ob als Unfallopfer und/oder Verursacher. Polizeioberrat Andreas Pretzlaff, Leiter des Reviereinsatzdienstes in Magdeburg, kennt mögliche Gründe:

Volksstimme: Herr Pretzlaff, warum sind Senioren so oft in Unfälle verwickelt?

Andreas Pretzlaff: Wahrnehmung, Reaktionsvermögen und Aufmerksamkeit sind zentrale Grundvoraussetzungen für eine sichere Verkehrsteilnahme. Das zunehmende Alter führt zu körperlich bedingten Einbußen, die oftmals nicht schlagartig auftreten, sondern sich schleichend ankündigen.

Vermutlich liegt es an diesen verschiedenen Einschränkungen, die das Alter mit sich bringt. Das betrifft vor allem das schlechtere Hören und Sehen und die verminderte Reaktionsfähigkeit. Eine wissenschaftliche Untersuchung dazu gibt es aber nicht. Fest steht, dass etwa jeder zweite im Straßenverkehr tödlich verunglückte Fußgänger oder Radfahrer älter als 65 Jahre ist.

Hören, Sehen und eine gute Reaktion sind also Fähigkeiten, die insbesondere im Straßenverkehr von hoher Bedeutung sind ...

Auf jeden Fall – auch, um die Fehler der anderen auszugleichen und beispielsweise auszuweichen.

Schauen wir auf die Autofahrer: Wie unterscheidet sich die Fahrweise eines unsicheren Seniors von der eines blutjungen Anfängers – ebenfalls eine Risikogruppe? Sprich: Was machen Senioren falsch?

Ältere Fahrer zeichnen sich in der Regel durch einen an die Situation angepassten Fahrstil sowie durch vorausschauendes Fahren aus und vermeiden in aller Regel riskante Fahrmanöver. Grundsätzlich muss man aber auch sagen: Auffahrunfälle beispielsweise passieren beiden – sowohl Anfängern als auch Senioren und in allen anderen Altersgruppen. Doch der Anfänger neigt mehr zum Übermut und zu einer sportlichen Fahrweise. Da reicht der Bremsweg dann plötzlich nicht aus. Der Senior fährt eher zurückhaltend, erkennt die Situation zu spät, reagiert zu langsam und fährt dann auf.

Wie macht sich eine unsichere Fahrweise noch bemerkbar?

Durch Aufheulen des Motors. Wenn die Steuerungsfähigkeit nachlässt, können einige ältere Fahrer nicht mehr mit der Kupplung richtig umgehen und lassen den Motor aufheulen. Das ist oft ein Zeichen für eine unsichere Fahrweise. Weiter tauchen Unsicherheiten immer dann auf, wenn bestimmte gewohnte Fahrstrecken plötzlich verändert sind, zum Beispiel durch Straßenbau bedingte Umleitungen.

Sollte der Gesetzgeber einschreiten, zum Beispiel durch Führerscheinentzug ab einem bestimmten Alter?

Jein. Wir haben viele Senioren, die sich im Straßenverkehr bewegen. Und das ist auch gut so. Nur leider hat der Gesetzgeber die demografische Entwicklung nicht im Blick und bislang nicht die medizinische Notwendigkeit bedacht, die Fahrfähigkeit ab einem bestimmten Alter überprüfen zu lassen, zum Beispiel durch einen Verkehrsmediziner.

Senioren im Straßenverkehr in Magdeburg

Damit am Ende der Führerschein doch noch eingezogen werden kann?

Nein. Vielmehr sollte man sich als Senior untersuchen lassen und sich mit seinem Arzt abstimmen. Wer schlecht sehen oder hören kann, muss dann eben eine Brille oder ein Hörgerät tragen, um dieses personenbezogene Manko auszugleichen. Das reicht oft schon aus.

Wenn ein Senior einen Unfall verursacht, wird dann genauer auf seinen Gesundheitszustand geschaut?

Nein, das wird normalerweise nicht genauer untersucht. Das wäre eine Stigmatisierung. Kleinere Unfälle, wie Parkplatzrempler, passieren auch vielen anderen. Nur wenn es Schwerstverletzte oder gar Getötete gab, wird ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und intensiver geprüft, ob der Fahrer zum Beispiel vielleicht ein die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigendes Medikament eingenommen hat oder eine Brille tragen müsste.

Kaum jemand gesteht sich gern ein, beispielsweise ein Hörgerät zu benötigen. Wen sehen Sie noch in der Pflicht, auf Unzulänglichkeiten zu achten, wenn es der Senior nicht freiwillig tut?

Ich appelliere auch an die Angehörigen. Denn der Senior ist nicht allein verantwortlich. Auch die Verwandten sollten mit ihren Eltern oder Großeltern sprechen, wenn sie merken, dass diese plötzlich nicht mehr so gut sehen, hören oder sich bewegen können. Das gilt übrigens nicht nur für ältere Menschen, die noch selbst Auto fahren, sondern auch für alle anderen Verkehrsteilnehmer. Defizite beim Hören oder Sehen bedeuten heutzutage auch nicht immer den Führerschein abzugeben. Fahrerassistenzsysteme können beispielsweise älteren Fahrern dabei helfen, eventuelle motorische Defizite auszugleichen. So besteht schon heute die Möglichkeit, den Einparkvorgang mit Hilfe eines Parkassistenten sicher durchzuführen.

Selbst wenn der Senior nur noch als Fußgänger unterwegs ist, sollten Angehörige auf seinen Gesundheitszustand achtgeben. Warum?

Auch als Fußgänger muss ich die Umgebung und Situation wahrnehmen, einschätzen und darauf reagieren können, beispielsweise, wenn ein Radfahrer klingelt. Und damit ältere Menschen weder sich noch andere Verkehrsteilnehmer durch ihr Verhalten in Gefahr bringen, ist es wichtig, dass sie sich auch sicher im Straßenverkehr bewegen können.

Sind Senioren in der Stadt gefährdeter als auf dem Land?

Ja, gerade in Ballungszentren, wo viel Verkehr ist, kommt es mehr auf eine umsichtige Teilnahme am Straßenverkehr an.