Magdeburg l Eben noch stehe ich in einer weißen Kuppel im Elbedome des Fraunhofer-Instituts in Magdeburg. Dann setze ich die 3-D-Brille auf und eine Animation wird gestartet. Plötzlich stehe ich mitten auf dem täuschend echten Domplatz und ein autonomes Fahrrad kommt mir entgegen. Ein leises Klingeln geht von dem unbemannten Fahrzeug aus und auf dem vorn befindlichen Display zeigt es an, in welche Richtung ich ihm ausweichen soll. Mehrere solcher Clips werden mir im Rahmen einer Studie der Otto-von-Guericke-Universität im Fraunhofer-Institut am Wissenschaftshafen gezeigt. Im Anschluss jeder Sequenz soll ich meinen Gefühlszustand beschreiben. Hat sich die Situation echt angefühlt? Wie habe ich das autonome Fahrzeug wahrgenommen? Die Antwort, die mich selbst ein wenig überrascht: Ich habe mich sehr sicher gefühlt.

Schon seit 2017 forscht die Otto-von-Guericke-Universität an einem autonomen Fahrrad, das sich eigenständig zu einem bestimmten Ziel bewegt und dann von einem Menschen gefahren werden kann. In der Praxis könnte man nach dem Einkaufen das Fahrrad via App rufen und dann damit seine Einkäufe nach Hause transportieren. In die nunmehr großangelegte Studie haben die Wissenschaftler und Studenten Magdeburger zwischen 18  und 81  Jahren einbezogen, um möglichst viele Altersgruppen abbilden zu können.

Interdisziplinäre Arbeit

Das Besondere ist: Bei der Studie wird interdisziplinär gearbeitet. Techniker, Maschinenbauer, Umweltpsychologen, sie alle wirken gemeinsam an dem Projekt mit, spiegeln sich ihre Erkenntisse gegenseitig wider, um so zu einem autonomen Transportfahrrad zu gelangen, das im Straßenverkehr sicher unterwegs ist, ohne Menschen zu verunsichern.

Die Umsetzung der Studie wurde vom Verkehrsministerium gefördert. Vorangegangen war eine Machbarkeitsstudie. Jetzt stand die Durchführung des Projektes an. Nach der ersten Fragebogenwelle war das aktive Erleben im Elbedome für die Teilnehmer der Studie die erste Möglichkeit, Kontakt zu dem neuen Fahrzeug aufzunehmen.

Fahrrad wird als sicher empfunden

Die Ergebnisse seien sehr erfreulich, berichtet Karen Krause als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Umweltpsychologie. „Es gab keine Unterschiede zwischen den einzelnen Altersgruppen und Geschlechtern“, ergänzt sie. Und die Ergebnisse bestätigen auch meinen persönlichen Eindruck. „Das Fahrzeug wird als sicher, vertrauenswürdig und akzeptabel wahrgenommen“, sagt Krause. Das sei sehr ermutigend, ebenso wie die Aussage vieler Teilnehmer, dass sie eine Teilnutzung des Vehikels in Erwägung ziehen würden, um zum Beispiel Einkäufe zu erledigen oder sperrige Gegenstände wie Instrumente zu transportieren. Gefühle, denen die Teilnehmer Ausdruck verliehen haben, seien ebenfalls positiv: „Freude, Hoffnung, Stolz, Zufriedenheit“ hätten die Teilnehmer im Anschluss an die Erlebnisse im Elbedome geäußert.

Mich selbst hat überrascht, wie echt sich die Umgebung angefühlt hat. Genutzt wurden für die Visualisierung Ansichten aus Magdeburg – vor der Post am Breiten Weg oder auf dem Domplatz. „Diese Daten waren bereits beim Fraunhofer-Institut vorhanden, das war für uns natürlich ein Riesengeschenk“, sagt Sigrid Salzer als Netzwerkmanagerin für Forschung, Entwicklung und Technologietransfer im Zentrum für Produkt-, Verfahrens- und Prozessinnovation. Die GmbH gehört zur Experimentellen Fabrik an der Sandtorstraße. Salzer ist an der Koordination der einzelnen Projektpartner beteiligt.

Was Sigrid Salzer und Karen Krause freut ist, dass es sich bei dem autonomen Fahrrad um ein original Magdeburger Projekt handelt, das irgendwann vielleicht auf andere Städte übertragen wird. Die Erfahrungen der Magdeburger fließen darin ein. Und mit Hilfe der Umweltpsychologen kann den Technikern aufgezeigt werden, wie das Rad gestaltet sein sollte, um eine hohe Akzeptanz zu erreichen.

Echtes autonomes Fahrrad bis 2022

Nach den Modellversuchen im Elbedome soll es in der Zukunft eine Studie im Realsystem geben. Die Laufzeit des Projektes ist für die Zeit bis 2022 angelegt. Spätestens dann soll es ein fertiges Modell des Autonomen Fahrrads geben.

Damit das Projekt überhaupt auf den Straßen in Magdeburg unterwegs sein könnte, bedürfe es bestimmter Voraussetzungen, erklärt Tom Assmann als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Logistik und Materialflusstechnik der Uni Magdeburg. Im Projekt des Autonomen Fahrrades ist er für logistische Fragen zuständig. „Die Räder können angepasst auf die Umgebung in Fußgängerzonen, auf Radwegen und (Neben-)Straßen fahren“, erklärt er. Grundsätzlich braucht das Autonome Fahrrad die gleichen Infrastrukturbedingungen wie normale Fahrräder, das heißt ein durchgängiges Radverkehrsnetz, breite und sichere Radwege und Kreuzungen mit sicheren Abbiegebeziehungen. Zusätzlich sei die Abdeckung mit 4G- und 5G-Mobilfunk wesentlich.

Oberbürgermeister Lutz Trümper ist sicher: „Autonome Transportmöglichkeiten können den Alltag deutlich erleichtern.“ Die Entwicklungen in diesem Bereich verfolge er sehr aufmerksam, „weil die Mobilität für die Menschen in der Stadt von großer Bedeutung ist“. Um neue Mobilitätslösungen in die Praxis umzusetzen, seien auch rechtliche Rahmenbedingungen notwendig. „Ich selbst fahre sehr gern mit dem Fahrrad und setze dabei ausschließlich auf Muskelkraft“, erklärt er.