Magdeburg l Normalerweise rollen schon gegen 4 Uhr die ersten Bahnen und Busse durch die Stadt. Am Dienstag ist das anders. Die Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat erstmals seit 2013 zu einem ganztägigen Warnstreik aufgerufen. Beteiligen sich alle 380 Fahrer der MVB-Kerngesellschaft und auch die etwa 80 Kollegen eines Tochterunternehmens für Busfahrer daran, dürfte der Nahverkehr in Magdeburg am 29. September 2020 zu Erliegen kommen. Echte Alternativen gibt es nicht.

Notfallpläne sind bei den Magdeburger Verkehrsbetrieben (MVB) nur für die kritische Infrastruktur vorhanden. So sollen die Leitstelle und die Service-Hotline besetzt sein, um technische Havarien klären und Fragen von MVB-Kunden beantworten zu können. "Ersatzfahrer" für Busse und Bahnen sind nicht vorhanden.

Und so trifft es alle, die auf den Nahverkehr angewiesen sind: Schüler, Studenten, Magdeburger auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen, zu Ärzten, Gäste der Stadt. Dem Vernehmen nach dauert der Zustand bis in den späten Abend hinein. Verdi-Gewerkschaftssprecher Andreas Reichstein kündigte an, dass am Dienstag wohl keine Busse und Bahnen fahren werden.

Auf Regionalverkehr umsteigen

Nach eigenen Angaben zählen die MVB an einem normalen Werktag 120.000 Fahrgäste. Auf welche Summe sich der materielle Schade belaufe, könne noch nicht gesagt werden, hieß es weiter. Ein kleine Alternative gibt es für Fahrgäste aber doch. Die MVB verweisen auf Regionalbahnen, Regionalbusse und S-Bahnen, die im Stadtgebebiet halten und nicht vom Streik betroffen sind.

Wer stattdessen auf ein Taxi setzt, muss Glück haben. Zwar sind in Magdeburg rund 125 Mietwagen unterwegs. Aber die sind auch ohne Streik im Nahverkehr schon ordentlich belegt. „Wir tun, was wir können“, erklärt Magdeburgs Taxi-Verbandschef Thomas Henschel. Seit Juni laufe das Geschäft wieder weitgehend normal. Viele Taxis seien deshalb tagsüber mit Fahrten zu Ärzten und Behörden gebunden. Zudem gebe es nach der Streikankündigung bereits viele Vorbestellungen. Man könne aber dennoch über die Taxi-Rufe (u. a. Telefon 737373 oder direkt über die jeweiligen Taxiunternehmen - d. Red.) eine Bestellung versuchen.

Mit deutlich mehr Umsatz rechnen die Taxifahrer am Dienstag deshalb nicht. Das Problem sei ein anderes und laute Personal. So gebe es bei den Taxibetrieben derzeit rund 30 bis 35 offene Fahrerstellen.

Streik erschüttert Vertrauen

MVB-Geschäftsführerin Birgit Münster-Rendel kritisiert die Streiks: „Die Verkehrsunternehmen kämpfen aufgrund der Corona-Pandemie mühsam darum, unverschuldet verlorengegangenes Vertrauen in den Nahverkehr zurückzugewinnen. Die Gewerkschaft erweist der gesamten ÖPNV-Branche mit diesem Streik einen Bärendienst, indem sie das Vertrauen erneut erschüttert.“ Nach Angaben der Verkehrsbetriebe liegt das Fahrgastaufkommen derzeit wieder bei 70 bis 80 Prozent im Vergleich zur Zeit vor dem Coronavirus.

Die Gewerkschaft indes geht wegen der Pandemie neue Wege. Einen Treffpunkt für die Streikenden werde es nicht geben, hieß es. Fahrer würden sich nur in eine Streikliste eintragen. Danach gingen die Kollegen nach Hause.

Manchem Fahrgast wird wohl auch nichts anderes übrig bleiben.